Mehr als müde Beine: Die Schaufensterkrankheit ist eine unterschätzte Volkskrankheit, warnen Gefäßmediziner. Mit einem einfachen Test lassen sich gefährdete Patienten frühzeitig erkennen.
Ein Schaufensterbummel, der gar keiner ist: Wer alle paar Meter stehen bleibt und scheinbar interessiert in Auslagen blickt – in Wahrheit aber wartet, bis der ziehende Schmerz in der Wade nachlässt –, zeigt ein klassisches Symptom der Schaufensterkrankheit. Dahinter steckt eine periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK), verengte Schlagadern in den Beinen. Laut einer aktuellen, in The Lancet Global Health veröffentlichten Modellierungsstudie sind weltweit fast 320 Millionen Menschen betroffen. Die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e. V. (DGG) fordert deshalb mehr Aufmerksamkeit für eine Erkrankung, die häufig erst in fortgeschrittenen Stadien erkannt wird.
Die PAVK entwickelt sich oft über Jahre unbemerkt, bevor sie erstmals Beschwerden verursacht. Wichtige Risikofaktoren sind Rauchen, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes mellitus. In fortgeschrittenen Stadien kann die Erkrankung Mobilität und Lebensqualität der Betroffenen erheblich einschränken.
Prof. Christian-Alexander Behrendt, Mitglied der DGG-Kommission zu PAVK und diabetischem Fußsyndrom sowie Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Allgemeinen und Endovaskulären Gefäßchirurgie an der Asklepios Klinik Wandsbek, hält wenig davon, die PAVK als Nebensache abzutun: „Die PAVK ist keine Randdiagnose. Sie ist eine häufige Volkskrankheit, folgenschwer für Betroffene und unser Gesundheitssystem und wird trotzdem zu oft erst erkannt, wenn sie bereits weit fortgeschritten ist.“
Wie groß das Ausmaß tatsächlich ist, zeigen Daten aus der Hamburg City Health Study: Rund ein Viertel der untersuchten 45- bis 74-Jährigen wies einen Knöchel-Arm-Index (ABI) unter 0,9 auf – ein diagnostisch bewiesener Hinweis auf verengte Beinarterien. Im Krankenhausbereich werden aktuell rund eine Million gesetzlich Versicherte mit einer PAVK-Diagnose erfasst.
Wie gravierend die Folgen einer unbehandelten PAVK sein können, zeigt sich am Risiko einer Amputation: Behrendt beziffert es für besonders schwer betroffene Patienten so: „Für Patientinnen und Patienten, deren Beine dauerhaft sehr schlecht durchblutet sind, kann das Risiko, innerhalb von fünf Jahren eine Amputation zu erleiden oder zu sterben, je nach persönlichem Gesundheitszustand auf bis zu 88 Prozent steigen.“
Genau hier setzt die Forderung der DGG an: Risikogruppen sollen künftig systematischer mit dem ABI-Test untersucht werden, um eine PAVK zu erkennen, bevor eine ambulante oder stationäre invasive Behandlung notwendig wird. Dass sich frühes Erkennen auszahlt, bestätigt auch eine aktuelle Analyse von Krankenkassendaten: War die PAVK bereits vor der ersten Krankenhausbehandlung korrekt diagnostiziert, fielen die Behandlungsergebnisse besser und komplikationsärmer aus.
Prof. Farzin Adili, Präsident der DGG und Kongresspräsident, sieht die PAVK bislang zu Unrecht im Windschatten anderer Gefäßerkrankungen: „Wir müssen die PAVK aus dem Schatten anderer Herz-Kreislauf-Erkrankungen holen. Ihre Häufigkeit und ihre schwerwiegenden Folgen sollten sich künftig auch in der gesundheitspolitischen Aufmerksamkeit und in den Versorgungsstrukturen widerspiegeln.“ Mehr wissenschaftliche Sichtbarkeit soll der PAVK zudem eine dreiteilige Clinical Series in The Lancet verschaffen, die am 23. September 2026 erschienen ist und von Behrendt medizinisch-wissenschaftlich koordiniert wird.
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