Birkenzucker statt Haushaltszucker – vermeintlich die gesündere Wahl. Doch jetzt gibt es neue unbequeme Daten: Das Süßungsmittel könnte dem Herzen mehr schaden als bislang gedacht.
Für Eilige gibt’s am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Eine neue Studie sorgt für Aufsehen: Der Verzehr von Xylit könnte mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergehen. Darauf deutet eine Langzeitanalyse von Patientendaten aus Kanada und Europa hin. Durchgeführt wurde die Untersuchung von einem Forschungsteam der Berliner Charité. Die Ergebnisse wurden auf dem diesjährigen Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in München vorgestellt.
Süßungsmittel können aus Pflanzen gewonnen, chemisch synthetisiert oder biotechnologisch hergestellt werden. In der Europäischen Union sind derzeit 21 Süßungsmittel als Lebensmittelzusatzstoffe zugelassen, 13 nicht nutritive Süßstoffe (E 950–E 969) und 8 Zuckeralkohole (E 420–E 421; E 952–E 968). Sie wurden von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und der amerikanischen Zulassungsagentur (FDA) allgemein als sicher anerkannt und zugelassen („GRAS“-Status: generally recognized as safe). In der Zutatenliste von verpackten Lebensmitteln müssen Süßungsmittel mit ihrem Stoffnamen oder ihrer E-Nummer aufgeführt werden.
Süßungsmittel gelten als vermeintlich gesündere Alternative zu herkömmlichen Zuckerarten bzw. natürlich süßenden Zutaten und werden auch so beworben. Ein Trugschluss, wie sich nun herausstellt. Die vorliegende Studie der Berliner Wissenschaftler legt nahe, dass mit dem Konsum des trendigen Zuckerersatzstoffs Xylit ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergehen könnte.
Die Wissenschaftler um M. Witkowski analysierten die Daten von 17.710 Teilnehmern aus zwei prospektiven Beobachtungsstudien. Aus der kanadischen Langzeituntersuchung „Canadian Longitudinal Study on Aging (CLSA)“ stammten 7.651 Probanden und aus einer britischen Teilkohorte der „European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC)-Norfolk“ gingen 10.059 Probanden in die Analyse ein. Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen den Xylit-Plasmakonzentrationen und den neu aufgetretenen schweren kardiovaskulären Ereignissen, definiert als Tod, Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Personen mit Xylit-Werten im obersten Viertel der Messungen hatten ein signifikant höheres Risiko für schwere unerwünschte kardiovaskuläre Ereignisse im Vergleich zu Personen mit Xylit-Spiegeln im untersten Quartil. In der CLSA-Kohorte lag das relative Risiko für ein schweres unerwünschtes kardiovaskuläres Ereignis während der sechsjährigen Nachbeobachtung bei den Personen mit den höchsten Werten um 47 % höher als bei den Personen mit den niedrigsten Werten (adjustierte HR 1,47; 95-%-KI 1,15–1,86; p = 0,002). Dabei wurde für etablierte Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht, Raucherstatus, Blutfettwerte, Diabetes und Bluthochdruck adjustiert. In der EPIC-Norfolk-Kohorte war das relative Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse während der 30-jährigen Nachbeobachtung bei den Personen mit den höchsten Werten um 18 % höher als bei den Personen mit den niedrigsten Werten (adjustierte HR 1,18; 95-%-KI 1,09–1,27; p < 0,0001).
In der Gesamtauswertung fanden die Forscher zudem eine dosisabhängige Beziehung: Mit steigenden Xylit-Konzentrationen nahm auch die Häufigkeit von Herzinfarkten, Schlaganfällen und kardiovaskulären Todesfällen zu. Der Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung zahlreicher Störfaktoren bestehen.
Die vorliegenden Ergebnisse stehen in Einklang mit Befunden aus früheren Studien der gleichen Arbeitsgruppe. In einer kleineren Kohorte mit 1.157 Menschen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Risiken konnte bereits 2023 gezeigt werden, dass hohe Xylit-Konzentrationen im Blut zu einer deutlich höheren Rate schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse in den folgenden drei Jahren führten. Der Befund wurde in einer zweiten Kohorte mit 2.149 Menschen, die sich wegen Herz-Kreislauf-Problemen zu einer kardiologischen Untersuchung vorgestellt hatten, bestätigt. Das relative Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse während der 3-jährigen Nachbeobachtung war bei den Personen im obersten Terzil um 57 % höher als bei den Personen im untersten Drittel (adjustierte HR 1,57; 95-%-KI 1,12–2,21; p < 0,01).
In-vivo-Untersuchungen und tierexperimentelle Studien an Mäusen deuten zudem darauf hin, dass Xylit die Aktivierung von Blutplättchen fördern und damit deren Neigung zur Bildung von Blutgerinnseln erhöhen kann. Dies wiederum könnte das Risiko für thrombotische bzw. thromboembolische Ereignisse wie Herzinfarkt, Schlaganfall, tiefe Venenthrombose oder Lungenembolie erhöhen. Hinweise auf eine verstärkte Thrombozytenaktivierung fanden sich auch in einer Untersuchung mit zehn gesunden Probanden.
Bereits zuvor hatte das Forschungsteam ähnlich besorgniserregende Befunde zu dem Zuckeralkohol Erythrit veröffentlicht. Erythrit und Xylit sind chemisch eng miteinander verwandt. Xylit besitzt ein Kohlenstoffatom und eine Hydroxylgruppe mehr als Erythrit und damit ein zusätzliches Glied in seiner Molekülkette. Die ähnlichen Befunde zu beiden Substanzen werfen daher die Frage auf, ob mögliche gesundheitliche Risiken tatsächlich auf Erythrit und Xylit beschränkt sind oder möglicherweise auch andere Zuckeralkohole betreffen (Klasseneffekt). Aufgrund der strukturellen Verwandtschaft erscheint diese Möglichkeit zumindest nicht ausgeschlossen.
Auch aus der Neurologie kommen Hinweise auf mögliche Risiken. So könnte der regelmäßige Verzehr bestimmter Süßungsmittel, darunter auch Xylit, mit einem beschleunigten Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit verbunden sein. Besonders ausgeprägt war dieser Zusammenhang bei Personen, die häufig zuckerreduzierte Light- bzw. Diätprodukte konsumierten. Darauf deutet eine aktuelle Langzeit-Beobachtungsstudie hin, die kürzlich im Fachjournal Neurology veröffentlicht wurde.
Schließlich wurden auch Auswirkungen auf den Harnsäurestoffwechsel beobachtet. In einer kleinen kontrollierten Humanstudie ließ Xylit die Harnsäurekonzentration im Blut ansteigen. Ob dies bei regelmäßigem Verzehr klinisch relevant ist und das Gichtrisiko erhöht, ist bislang jedoch noch unklar.
Xylit ist einer der Superstars unter den Zuckeralkoholen. Als Süßungsmittel mit der Nummer E 967 wurde die Substanz 1994 in der EU zugelassen und erlangte seitdem unter den Handelsnamen „Xucker“, „Birkenzucker“ oder „Birkengold“ einen hohen Beliebtheitsgrad. Die Bezeichnungen suggerieren, dass es sich dabei um ein natürliches Produkt handelt. Die Abbildung von Birkenblättern und -blüten auf den Verpackungen unterstreicht diesen Eindruck.
Die großtechnische Herstellung von Xylit in Lebensmittelqualität begann in den 1970er-Jahren. Als Rohstoff dienten zunächst vor allem Birken- und Buchenrinde aus der Forstwirtschaft. Heute wird Xylit vorwiegend aus Holzabfällen der Papierindustrie oder Abfallprodukten der Landwirtschaft (Maiskolbenreste, Stroh, Zuckerrohr-Rückstände, Baumwollreste und Sonnenblumenschalen) gewonnen. Ausgangsprodukt für die Produktion ist das Polysaccharid Xylan (Holzgummi), das zunächst zu Xylose (Holzzucker) hydrolysiert und anschließend zu Xylit reduziert wird. Die Herstellung aus Mais- oder Weizenstärke ist eine alternative biotechnologische Methode, die wirtschaftlich bislang jedoch eine eher untergeordnete Rolle spielt. Von natürlichem Zuckerersatz kann bei Xylit also nicht die Rede sein.
Da Xylit mit 2,4 kcal (10 kJ) pro Gramm ca. 40 % weniger Energie als Haushaltszucker liefert, wird der Zuckeralkohol von der Lebensmittelindustrie vor allem in kalorienreduzierten Produkten eingesetzt. Dazu gehören neben Kaugummis vor allem Bonbons, Schokolade, Pralinen, Desserts, Speiseeis, Kuchen, Gebäck, Riegel, Frühstückscerealien, Fruchtaufstriche, Konfitüren, Soßen, Senf, Proteinshakes sowie Low-Carb- und Keto-Fertigprodukte. In herzhaften Lebensmitteln findet man Xylit vor allem in Ketchup, Würz- und BBQ-Saucen, Dressings, Chutneys, Marinaden, Feinkostsalaten sowie einigen Wurst- und Fleischwaren. Hier wird es vor allem zur geschmacklichen Abrundung oder als Feuchthaltemittel eingesetzt. Durch seine wasserbindende Wirkung kann Xylit auch zur längeren Haltbarkeit von Fertigprodukten beitragen. Wegen der karieshemmenden Eigenschaften von Xylit runden Mund- und Zahnpflegeprodukte wie Zahnpasta und Mundspüllösungen die Produktpalette ab. Da Xylit Haushaltszucker in Volumen, Konsistenz, Geschmack und Süßkraft weitgehend ähnelt, lässt es sich in vielen Rezepturen problemlos im Verhältnis 1:1 ersetzen.
In der EU-Nährwertkennzeichnung werden Zuckeralkohole (Polyole) üblicherweise den Kohlenhydraten zugerechnet. Eine gesonderte Angabe ist freiwillig. Werden Zuckeralkohole separat ausgewiesen, erscheinen sie als Unterposition der Kohlenhydrate mit der gesetzlich vorgeschriebenen Bezeichnung „davon mehrwertige Alkohole“.
Für Xylit wurde kein ADI-Wert (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) festgelegt. Praktisch wird die Aufnahme jedoch durch die gastrointestinalen Nebenwirkungen begrenzt. Bei Mengen bis zu 20 g pro Tag gilt eine abführende Wirkung als eher unwahrscheinlich. Die Mengenangabe bezieht sich dabei auf eine über den Tag verteilte Aufnahme und kann individuell sehr unterschiedlich sein. Gemäß guter Herstellungspraxis (GHP) dürfen Zuckeralkohole – von wenigen Ausnahmen abgesehen – in der Lebensmittelproduktion in unbegrenzter Menge „quantum satis“ eingesetzt werden. Hat der Zuckeralkohol allerdings einen über zehnprozentigen Anteil am Produkt, muss der Hinweis „kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken“ auf der Verpackung stehen.
Xylit wird nur unvollständig im Dünndarm resorbiert. Ein erheblicher Teil einer größeren Xylit-Dosis gelangt deshalb in den Dickdarm. Dort wird es von Darmbakterien zu kurzkettigen Fettsäuren und Gasen fermentiert, was zu Blähungen und Bauchschmerzen führen kann. Darüber hinaus wirken Zuckeralkohole wasserbindend und können dadurch Durchfall verursachen.
Xylit ist natürlicherweise in geringen Mengen in verschiedenen Obst- und Gemüsesorten sowie Speisepilzen enthalten, beispielsweise in Erdbeeren, Auberginen und Pfifferlingen. Bezogen auf 100 g des unverarbeiteten Lebensmittels liegen die Xylit-Mengen von Obst im niedrigen zweistelligen Milligramm-Bereich bzw. darunter.
So werden z. B. für Erdbeeren und Himbeeren rund 40–44 mg pro 100 g Frischgewicht angegeben. Auch die Xylit-reichste Gemüsesorte, der Blumenkohl, liefert nur etwa 30 mg Xylit pro 100 g. Naturbelassene Lebensmittel spielen als Xylit-Quelle daher kaum eine Rolle. Zudem kommt Xylit dort nicht isoliert, sondern eingebettet in die natürliche Lebensmittelmatrix und zusammen mit einer Vielzahl weiterer Nähr- und bioaktiver Inhaltsstoffe vor. Auch im menschlichen Körper entsteht Xylit in geringen Mengen als Zwischenprodukt des Kohlenhydratstoffwechsels. Es wird nach mehreren Umwandlungsschritten in den Pentosephosphatweg eingeschleust und schließlich energetisch verwertet.
Ganz anders sieht es bei Xylit-haltigen Fertigprodukten aus: Hier können die aufgenommenen Mengen um den Faktor 1.000 bis 2.000 höher liegen als bei naturbelassenen Lebensmitteln. Ein einfaches Beispiel soll dies verdeutlichen: Wird z. B. bei einer klassischen Rührkuchen-Backmischung der Haushaltszucker durch etwa 250 g Xylit ersetzt, enthält ein normales Stück (1/12 des Kuchens) bereits rund 21 g Xylit. Bleibt es nicht bei einem Stück und werden zusätzlich dazu auch noch zwei Tassen Kaffee mit Xylit gesüßt – ein Teelöffel liefert etwa 4 bis 5 g –, sind 50 g schnell überschritten. Kommen im Laufe des Tages weitere Xylit-haltige Produkte hinzu, etwa Konfitüre zum Frühstück oder ein Proteinshake am Abend, können Xylit-Mengen zusammenkommen, die weit über dem liegen, was natürlicherweise über unverarbeitete Lebensmittel aufgenommen wird.
Auf den ersten Blick erscheinen kalorienreduzierte Zuckerersatzstoffe wie Xylit als attraktive Alternative zu herkömmlichem Zucker. Einen nachweisbaren Beitrag zur Eindämmung der Adipositasepidemie sowie zur langfristigen Verbesserung der Gesundheit konnten sie bislang jedoch nicht erbringen. Die vorliegenden Studienergebnisse geben vielmehr Anlass, auch mögliche gesundheitliche Risiken genauer in den Blick zu nehmen. Wer sich gesünder ernähren möchte, sollte daher nicht nur Zucker durch Süßungsmittel ersetzen, sondern den Konsum stark gesüßter Lebensmittel insgesamt reduzieren und sich schrittweise an weniger Süße gewöhnen. Und wenn es doch etwas Süßes sein soll, sind frisches Obst und Beeren immer die bessere Wahl.
Das Wichtigste auf einen Blick
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