BLOG | Perfekte Handgriffe, sauberes Protokoll, ROSC nach wenigen Minuten – und trotzdem der Gedanke: Wollte dieser Mann das überhaupt? Warum Reanimationen nach Suizidversuchen im Rettungsdienst so herausfordernd sind.
Wir fanden den Hof nicht sofort. Vor uns fuhr ein rostiger Kombi, der auf unser Blaulicht zuerst mit Bremsen antwortete, danach mit dem Blinker und schließlich mit gar nichts mehr. 200 Meter lang hielt er sich in der Mitte der Straße. Dann rollte er halb auf den Bordstein und blieb dort stehen, als hätte ihn jemand ausgesteckt. Marlene kommentierte das nicht. Sie las die Hausnummer vor, an der wir richtig waren. Die Dachrinne tropfte noch nach, der Regen hatte vor wenigen Minuten aufgehört. Der Patient lag in Rückenlage auf dem Boden.
Dann begann das, was in solchen Lagen beginnt, und es lief so, wie man es sich wünscht. Marlene übernahm den Thorax, ich klebte die Defibrillationselektroden. Dann legte Marlene nach dem ersten Wechsel die Larynxmaske. Immer Sauerstoff über den Beatmungsbeutel, erst im RTW viel später das Beatmungsgerät angeschlossen. Der Zugang ging nur mit der BOA, und gleich 1 Milligramm Adrenalin hinterher. Dann kam der Notarzt dazu. Alle 2 Minuten folgte die Rhythmusanalyse. Vor jeder Analyse zählte Marlene die letzten Kompressionen laut herunter. Siebenundzwanzig, achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreißig, Analyse. Die Hände lagen wieder auf dem Sternum, bevor der Monitor seinen Gedanken zu Ende gebracht hatte. Hands-off-Zeiten, für die es im Megacode-Training Applaus gegeben hätte.
Es gibt eine Formulierung, die man außerhalb dieses Berufs besser nicht benutzt: eine schöne Reanimation. Gemeint ist das Handwerk, also die Rollenverteilung, die ohne großartiges Gerede an einer Einsatzstelle auskommt. An diesem Vormittag stimmte das Handwerk bis in die Nachkommastellen. Und dennoch dachte ich zum ersten Mal seit 32 Jahren während einer laufenden Reanimation bewusst, dass ich hier etwas tat, das der Patient nicht bestellt hatte. Denn dieser Mann hatte versucht, sein Leben selbst zu beenden.
Am Rand des Geschehens stand seine Frau wie eine Statue aus fassungsloser Materie. Sie hatte ihn gefunden und den Notruf gewählt. Die Bruchstücke ihrer Erklärung fielen wie schwerer Tau in die Szenerie. Ein geplanter Spaziergang bis zur Feldgrenze, ein plötzlicher Wettersturz. Der fallende Niederschlag widerstrebte seiner Natur zutiefst, und als er der Nässe zum Trotz ausblieb, trieb sie eine unbestimmte Ahnung hinaus. Aus ihren Wortfetzen schälte sich der vergangene November heraus, jener Monat, der durch einen verhängnisvollen Sturz vom Heuboden eine gnadenlose Zäsur zog. Seit November, sagte sie. Sturz vom Heuboden. Seitdem der Rücken. Hof geht nicht mehr, jeder Handgriff tut weh. Morgen sollte er in die Schmerztherapie. Der morgige Tag trug das Versprechen einer stationären Schmerztherapie in sich. Der Nachbar stand als Chauffeur bereit, eine Verabredung für die Zukunft, die sich vor unseren Augen unwiderruflich in den Konjunktiv verabschiedete.
Der Notarzt ordnete Fentanyl an und tauschte die Larynxmaske gegen einen Endotrachealtubus. 1 weiteres Milligramm Adrenalin. Marlene zählte die letzten Kompressionen herunter. Siebenundzwanzig, achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreißig. Bei neunundzwanzig war ihre Stimme kurz weg. Dann Analyse und Wechsel. Wir hielten die Hands-off-Zeit sehr kurz. Sie war die einzige Größe an diesem Vormittag, die wir vollständig kontrollierten. Die Zahlenfolge beantwortete zuverlässig die einzige Frage, auf die es eine eindeutige Antwort gab: Wann drücken wir weiter? Alle anderen Fragen liefen ohne Algorithmus.
Das Gefühl, sinnlos zu arbeiten, taugt am Einsatzort wenig. Es lässt sich nicht prüfen, und die Gegenseite argumentiert hart. Ein Suizidversuch beweist keinen dauerhaft bestehenden, freiverantwortlich gebildeten Sterbewillen. Ob eine Entscheidung ohne akute psychische Erkrankung, ohne Zwang und mit ausreichender Einsicht in ihre Tragweite getroffen wurde, lässt sich nur mit Zeit, Gesprächen und belastbarer Kenntnis des Menschen beurteilen. Auf dem Boden einer Maschinenhalle lässt sich das nicht klären.
Der Bundesgerichtshof sprach 2019 in zwei Verfahren Ärzte frei, die nach freiverantwortlichen Suiziden keine Rettungsmaßnahmen eingeleitet hatten. Die dort verhandelten Situationen unterschieden sich jedoch in entscheidenden Punkten von unserer. Die Erkenntnislage war eine andere, der Wille der Betroffenen deutlich besser nachvollziehbar und die Entscheidung nicht innerhalb weniger Sekunden unter Reanimationsbedingungen zu treffen. Uns lagen lediglich ein Meldebild und eine Adresse vor.
Dazu kommt die Ambivalenz suizidaler Krisen. Viele Menschen, die einen Suizidversuch überleben, unterliegen zwar einem deutlich höheren Risiko als die Allgemeinbevölkerung, sterben aber später nicht durch Suizid. Die Krise besitzt ein Zeitfenster, manchmal ein sehr schmales. Wer innerhalb dieses Fensters gefunden wird, könnte 2 Wochen später ganz anders darüber denken. Am schwersten wiegt die Asymmetrie. Von den beiden möglichen Fehlern lässt sich nur einer korrigieren. Reanimieren wir einen Menschen entgegen seinem mutmaßlichen Willen, kann später mit einer besseren Datenlage geprüft werden, ob die Behandlung fortgesetzt werden darf und soll.
Bei der nächsten Analyse tastete Marlene einen Puls. Die Lunge war seitengleich belüftet, der Tubus lag korrekt. Der Kreislauf trug, aber nur knapp. Marlene sah mich über den Tubus hinweg an. Keine Frage, nur kurz die Augenbrauen hoch. Ich nickte. Wir begannen mit Noradrenalin und titrierten die Dosis zügig nach Wirkung. Der Blutdruck reagierte. Für den Transport reichte es. Die Fahrt verlief ereignislos. Die Übergabe dauerte 4 Minuten. Marlene stand einen Schritt hinter mir und hielt den Beatmungsbeutel in der Hand, als wüsste sie nicht, wohin damit. Die Kollegin am Schockraumtisch fragte nach der geschätzten No-Flow-Zeit und nach dem initialen Herzrhythmus, nicht nach dem Rest. Diese Zeit sagte etwas über die Prognose, der Rest hingegen etwas über mich.
Auf der Rückfahrt begann es wieder zu regnen. Zu wenig für den Wischer. An einer Ampel sah Marlene aus dem Fenster und sagte: „Der mag keinen Regen, hast du gehört?“ Ich nickte. Sie ließ den Wischer laufen. Ich dachte noch immer an die Frage aus der Halle: ob wir einen Mann zurückholten, der nicht zurückwollte. Beantworten konnte sie nur er. Wir erfahren die Ausgänge selten. In diesem Fall habe ich nicht nachgefragt. Die Hands-off-Zeiten sah ich später in der Dokumentation des Defis. Keine über 5 Sekunden. Das Protokoll weist einen sauberen Einsatz aus.
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