KOMMENTAR | Mittlerweile drei Tote in der Nähe des Frankfurter Flughafens – und niemand war in Malaria-Gebieten. Braucht es Aufwind bei der Anamnese oder müssen wir unser Risiko-Radar sensibilisieren?
Drei Tote, acht Fälle und ein Flughafen, der Dreh- und Angelpunkt dieses Infektionsgeschehens zu sein scheint: Erneut gibt es einen Malaria-Todesfall in Deutschland. Erneut war die betroffene Person nicht zuvor in einem Risikogebiet, das wurde in der Anamnese schließlich abgefragt. Nur war das der Mücke, die offenbar als blinder Passagier bis nach Frankfurt am Main mitflog, herzlich egal. Wurde dieser Infektionsweg bisher einfach übersehen? Was hingegen nicht zu übersehen ist: Die auffällige Regelmäßigkeit, mit der das Gesundheitsamt betont, es handle sich um ein „außergewöhnlich seltenes Ereignis“ – als sei Seltenheit ein Trostpreis.
Der Reihe nach: Im Juli infizieren sich sechs Fraport-Mitarbeiter mit Malaria tropica. Keiner von ihnen war in einem Endemiegebiet – doch der geflügelte Übeltäter schon. Ein paar Stunden im Frachtraum, gefolgt vom entspanntesten Grenzübertritt, den man sich vorstellen kann: keine Passkontrolle, kein Zoll, niemand prüft, ob da gerade etwas eingeflogen wird, das gefährlich ist. Einer der sechs Infizierten stirbt, die Diagnose kommt erst nach seinem Tod. Im August ein zweiter Todesfall. Im September zwei weitere, komplett unabhängige Fälle im Frankfurter Stadtteil Schwanheim, 5 Kilometer entfernt – die Mücke hatte offenbar Ausdauer und keinen Grund zur Eile. Einer der beiden Schwanheimer Patienten stirbt kurz darauf – der dritte Todesfall des Jahres.
Das Gesundheitsamt reagierte mit einem Appell an Ärzte, bei unklarem Fieber – auch bei so unspezifischen Beschwerden wie Bauchschmerzen – an Malaria zu denken, besonders in Flughafennähe. Ein sinnvoller, aber auch bemerkenswert später Reflex für ein Krankheitsbild, das in der Fachliteratur einen eigenen Namen hat, weil es eben doch öfter vorkommt als der Begriff vermuten lässt.
Acht Infektionen und mehrere Todesfälle binnen zwei Monaten – und das in einem Land, in dem eine solche Infektion „in den vergangenen Jahrzehnten nicht bekanntgeworden“ war, wie das Amt betont. Nur ist selten eben nicht dasselbe wie nie. Und das Phänomen selbst ist tropenmedizinisch uralt: Bereits seit den 70er Jahren ist beschrieben, was passiert, wenn eine infizierte Anopheles-Mücke Business Class fliegt. Dabei ist die eigentlich interessante Frage nicht, wie diese Mücke hergekommen ist – das ist Logistik, kein Rätsel. Interessant ist eher, warum die Diagnose mit so viel Verspätung kam. Denn die Differenzialdiagnostik bei Fieber unklarer Genese arbeitet nach wie vor mit einer Grenzkontrolle, die nur in eine Richtung funktioniert: Sie fragt zuverlässig, ob der Patient in den Tropen war – aber nicht, ob die Tropen vielleicht bei ihm zu Besuch waren. Bei sechs von acht Betroffenen lautete die Antwort auf die erste Frage nein. Und genau das sorgte für die verzögerte Diagnose, die in einem Fall sogar erst nach dem Tod gestellt wurde.
Mit Blick auf die Zukunft wird es unbequem, gerade für alle, die Risiko gerne in Jahresstatistiken denken: Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit zu Flughafen- und autochthoner Malaria in Europa kommt zu einem Schluss, der sich liest wie eine Wetterprognose mit Beipackzettel. Steigende Temperaturen begünstigen die Einschleppung und Etablierung geeigneter Anopheles-Vektoren, während die eigentliche Gefahr weniger im Erreger selbst als in der verzögerten Diagnostik liegt. Man kann das ignorieren, so lange es nur eine Mücke pro Sommer ist. Die Frage ist, was passiert, wenn es mehr werden – und ob die Anamnese diesen Faktor bis dahin berücksichtigt.
Die Take-Away-Message für die eigene Praxis ist also denkbar simpel: Eine einzige zusätzliche Zeile in der Checkliste bei unklarem Fieber kann Leben retten. Statt der Frage „War der Patient in den Tropen?“ bietet sich vielleicht „Könnte der Patient Kontakt zu einem tropischen Insekt gehabt haben?“ eher an. Das kostet in der Anamnese vielleicht 10 Sekunden mehr und kann den entscheidenden Unterschied zwischen einem übersehenen Einzelfall und einer Chronik mit drei Todesfällen machen. Denn eins ist gewiss: Die Frankfurter Fälle sind keine Ausreißer, sondern ein Vorgeschmack. Je öfter Vektoren mitfliegen und je wärmer die Sommer werden, desto seltener wird sich die Differenzialdiagnostik noch auf Reisepässe verlassen können. Wer diese eine Frage schon jetzt ins Repertoire aufnimmt, weiß es beim nächsten kryptischen Fieber nicht erst nachträglich besser.
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