Die STIKO verschlankt ihre COVID-19-Impfempfehlung deutlich: Die Standardimpfung gilt künftig nur noch für Hochbetagte. Was steckt hinter dem Schritt – und für wen bleibt der jährliche Piks unverzichtbar?
Köln, Frühjahr 2020. Geschlossene Geschäfte, die Straßen sind leergefegt, keine Menschen, keine Autos, nichts. Ich fahre mit dem Rad durch die stille Geisterstadt zur Klinik, die unbeeindruckt strahlende Morgensonne taucht die Welt in warmes Licht, eine einsame Papiertüte tanzt im Wind. Ein wunderschöner Tag, doch nichts ist gerade, wie es mal war. Die Bilder des verlassenen New Yorks aus dem Film „I am Legend“ schießen mir durch den Kopf – ist das jetzt unsere neue Realität?
In der Klinik dann das krasse Gegenteil: Monitore und Telefone klingeln, überall hektische Betriebsamkeit, eine Kollegin in Vollschutzmontur kommt auf mich zu: „Neuaufnahme 78 Jahre, Infektion nachgewiesen, kritisch – geht gerade auf Intensiv“. COVID-19.
Die Pandemie hielt Deutschland und die Welt jahrelang in Atem und hat das Land und die Gesellschaft nachhaltig verändert. Lockdown, Ausgangssperre, „Maskendeals“, „Corona-Leugner“, sterile Immunität, Homeschooling, das Ringen um richtige Maßnahmen und die richtige Kommunikation … die Liste lässt sich endlos fortsetzen, die Folgen wirken noch heute nach.
Und heute? Manchmal wirkt die Zeit im Rückblick wie ein bizarrer schlechter Traum, eine vage Erinnerung an eine längst vergangene Zeit. COVID-19? Gibt es immer noch! Ihren Schrecken hat die Erkrankung weitestgehend verloren. Die Herdenimmunität durch vielfache Kontakte ist erreicht, Todesfälle und Hospitalisierungen sind deutlich zurückgegangen. Und mit veränderter epidemiologischer und infektiologischer Lage werden auch Impfempfehlungen angepasst – wie jetzt von der STIKO im Epidemiologischen Bulletin 28/2026 angekündigt. Worum geht es?
Warum die Anpassung? Eine Antwort liegt in unserem Immunstatus. Ein Großteil der Erwachsenen bringt inzwischen eine robuste, hybride Immunität mit, die durch einen vielfältigen Mix aus Antigenkontakten geprägt ist. Die B- und T-Zellen erinnern sich zuverlässig. Ein weiterer Punkt sind die vorherrschenden Varianten: Die aktuellen SARS-CoV-2-Infektionswellen werden weiterhin durch Varianten der Omikron-Sublinie bestimmt. Diese sind besser übertragbar als ihre Vorgänger, aber weniger virulent.
Damit sind schwere COVID-19-Verläufe (auch in der Schwangerschaft) zur Rarität geworden und bewegen sich auf dem Risiko-Niveau der gleichaltrigen Allgemeinbevölkerung. Die logische Konsequenz der STIKO: Die Standard-Impfempfehlung wird drastisch verschlankt und gilt künftig nur noch für Personen im Alter von ≥ 75 Jahren.
Also ist die Impfung jetzt nur noch eine lästige Maßnahme gegen einen längst zahnlosen Tiger? Kann man es eigentlich auch lassen? So einfach ist das nicht. Für vulnerable Gruppen bleibt die Indikationsimpfung (einmal jährlich pro Saison) essenziell.
Sie gilt weiterhin unter anderem für:
Die Auffrischimpfung soll bevorzugt im Spätsommer oder Frühherbst mit einem von der WHO oder EMA empfohlenen, variantenangepassten Impfstoff erfolgen. Zwischen der Impfung und einer nachgewiesenen Infektion beziehungsweise der letzten COVID-19-Impfung soll möglichst ein Mindestabstand von 6 Monaten eingehalten werden.
Aus Sicht der Infektiologie ist dieser Schritt evidenzbasiert und überfällig. COVID-19 hat sich mittlerweile fest als Erreger mit einem eingipfligen saisonalen Verlauf im Spätsommer/Frühherbst etabliert. Da die Wirkung der COVID-19-Impfung einem starken Waning unterliegt, ließe sich mit flächendeckenden Dauer-Boostern ohnehin kein steriler Schutz aufrechterhalten.
Die Strategie wechselt also konsequent von „Infektionsprävention im Kollektiv“ zu „Krankheitsprävention bei den Höchstvulnerablen“. Die Anhebung der Altersgrenze auf 75 Jahre trägt den rückläufigen Fallzahlen Rechnung und der Tatsache, dass COVID-19-assoziierte Hospitalisierungen sowie Todesfälle inzwischen vorrangig in genau dieser Alterskohorte auftreten.
Was heißt das für die Zukunft? SARS-CoV-2 reiht sich nahtlos in die Riege anderer respiratorischer Erreger ein. Der jährliche Herbst-Piks wird für Hochbetagte und chronisch Kranke zur Routine. Idealerweise erfolgt das – sofern bei der Wahl des Zeitpunkts die Saisonalität beachtet wird – in Ko-Administration mit der Impfung gegen die saisonale Influenza – und auch Pertussis, Pneumokokken oder RSV sollte man mit auf dem Schirm haben.
Für den Großteil der ansonsten gesunden Patienten gibt es jedoch gute Nachrichten: Das Immunsystem ist jetzt up to date, die Pandemie ist Geschichte. Der Diskussions- und Beratungsaufwand in der Praxis wird in diesem Punkt erfreulich sinken.
Bildquelle: A. C., Unsplash
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