Langes Sitzen schadet dem Herz-Kreislauf-System, das wissen wir. Doch dass auch das Krebsrisiko steigt, haut Unwissende vom Hocker. Warum ausgerechnet die Pausengestaltung für die Prävention entscheidend ist.
Acht Stunden Schreibtischarbeit, das Pendeln mit dem Auto, der Abend auf dem Sofa: Wer einer sitzenden Tätigkeit nachgeht, kommt im Alltag leicht auf 10 Stunden und mehr, in denen sich der Körper wenig bewegt. Dass das dem Herz-Kreislauf-System nicht guttut, gilt längst als gesichert. Doch erhöht Dauersitzen auch das Risiko für Krebs? Eine neue Auswertung von Beschleunigungsmesserdaten aus der UK Biobank hat genau das untersucht.
Für die Kohortenstudie werteten Forscher die Daten von 91.292 Teilnehmern der UK Biobank aus, die zwischen 2013 und 2015 7 Tage lang einen Beschleunigungsmesser am Handgelenk getragen hatten. Die Teilnehmer waren im Schnitt 56 Jahre alt, 56 % von ihnen Frauen; über eine mittlere Nachbeobachtungszeit von 12,38 Jahren erfassten die Forscher Krebserkrankungen und Todesfälle.
Anhand eines validierten Klassifizierungsmodells unterschieden die Autoren dabei 2 Formen sedentären Verhaltens: prolongiertes Sitzen, definiert als Phasen von mindestens 30 Minuten mit einem Sitzanteil von wenigstens 90 %, und unterbrochenes Sitzen, bei dem Sitzphasen kürzer ausfallen oder regelmäßig durch Bewegung unterbrochen werden.
Die Unterscheidung erwies sich als entscheidend, wie die Autoren in einer im PLOS Medicine veröffentlichten Arbeit berichten:
Spannend wird es bei der Frage, was passiert, wenn prolongiertes Sitzen aktiv durch Bewegung ersetzt wird – denn genau das rechneten die Autoren in weiteren Modellen durch.
Je nachdem, welche Aktivität das Sitzen ersetzte, fiel der Effekt unterschiedlich stark aus:
Die Autoren diskutieren: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die gesundheitlichen Auswirkungen sedentären Verhaltens nicht nur von der insgesamt sitzend verbrachten Zeit abhängen, sondern auch davon, ob diese Zeit in langen, ununterbrochenen Phasen oder unterbrochen durch Aktivität anfällt.“ Gerade für Menschen, für die intensiver Sport keine realistische Option ist, sehen die Autoren darin einen praktikablen Ansatzpunkt: „Für diese Personen könnte der Ersatz sedentären Verhaltens durch leichte körperliche Aktivität ein eher erreichbares Ziel sein.“ Schon kurze Unterbrechungen des Sitzens – etwa ein Gang zum Drucker, ein paar Kniebeugen zwischen zwei Meetings oder ein Spaziergang in der Mittagspause – könnten demnach einen messbaren Unterschied machen, ohne dass gleich ein komplettes Trainingsprogramm nötig wäre.
Die Autoren räumen selbst ein, dass sich bei einer Beobachtungsstudie wie dieser residuelles Confounding und berufsbedingte Einflussfaktoren nicht ausschließen lassen. Auch die UK Biobank selbst hat Grenzen: Wegen eines sogenannten Healthy-Volunteer-Bias sind die Teilnehmer im Schnitt gesünder als die Allgemeinbevölkerung – die Kohorte bildet also nicht unbedingt die Bevölkerung insgesamt ab. Hinzu kommt, dass die Bewegungsdaten nur über ein einwöchiges Zeitfenster erhoben wurden und damit nicht zwangsläufig das längerfristige Bewegungsverhalten der Teilnehmer widerspiegeln. Bei selteneren Krebsarten wie Leukämie reichte die Fallzahl außerdem nicht aus, um die Ergebnisse nach Subtypen aufzuschlüsseln. Die Autoren weisen darauf hin, dass weitere, in den Daten nicht erfasste Faktoren die beobachteten Zusammenhänge zwischen Bewegung und Krebsrisiko zusätzlich beeinflusst haben könnten. Offenbar kommt es also weniger auf die insgesamt sitzend verbrachte Zeit an als darauf, wie das Sitzen über den Tag verteilt ist.
Bildquelle: Emiel Schalck, Unsplash