Dasselbe Programm für alle? Bei der Suchtprävention von Jugendlichen bringt das Gießkannenprinzip wenig. Wer wirklich in Gefahr ist, braucht gezielte Hilfe – und das bereits vor dem Gang zum Arzt.
Vier Doppelstunden, verteilt auf vier Wochen – mehr Zeit bekommen viele Schulklassen für die Prävention einer Verhaltenssucht wie der Computerspielsucht nicht. Ob sich damit tatsächlich etwas bewegen lässt, wird oft bezweifelt. Ein Forschungsteam der Universität Heidelberg um Prof. Katajun Lindenberg ist dieser Frage über vier Jahre hinweg an 44 Schulen in Baden-Württemberg nachgegangen – mit einem Ergebnis, das die Debatte um pauschale Präventionsprogramme neu befeuert.
Insgesamt 1.793 Jugendliche im Alter von 11 bis 18 Jahren nahmen an der randomisierten Studie teil, nahezu gleich verteilt auf zwei Gruppen: 896 durchliefen das Programm PROTECTtraining, die übrigen 897 absolvierten PROTECTinfo. Die Programme im Vergleich:
Beide Programme bestanden aus vier 90-minütigen Einheiten über vier Wochen; gemessen wurde zu Beginn, direkt nach Programmende sowie nach vier und zwölf Monaten. Bis zum finalen Messzeitpunkt nach zwölf Monaten lagen noch von 78,2 % (PROTECTtraining) beziehungsweise 76,1 % (PROTECTinfo) der Teilnehmer Daten vor.
In der Gesamtstichprobe unterschieden sich beide Programme nach zwölf Monaten nicht signifikant voneinander. Als „Hochrisikogruppe“ definierten die Forscher jene 205 Jugendlichen (11,4 % der Stichprobe), die zu Studienbeginn mindestens zwei DSM-5-Kriterien für eine Gaming Disorder oder eine unspezifische Internetnutzungsstörung erfüllten. Genau in dieser Gruppe zeigte sich der entscheidende Unterschied: Die Symptomschwere sank unter PROTECTtraining deutlich stärker (Cohen's d = -0,91; 95-%-Konfidenzintervall: -1,10 bis -0,72) als unter PROTECTinfo (d = -0,61; 95-%-KI: -0,80 bis -0,42). Der Unterschied zwischen den beiden Programmen erreichte statistische Signifikanz (d = -0,30; 95-%-KI: -0,55 bis -0,05; p = 0,02).
Für Lindenberg unterstreicht das, wie wichtig eine gezielte Verhaltensintervention gegenüber reiner Aufklärung für Risikojugendliche sein kann: „Im direkten Vergleich ist das verhaltenstherapeutische Programm um die Hälfte wirksamer gegen Computerspielsucht.“
Für die Autoren sprechen diese Ergebnisse gegen die flächendeckende Ausrollung eines einzelnen Programms für alle Schüler. Stattdessen empfehlen sie eine indizierte statt universelle Prävention: Hochrisikogruppen gezielt mit verhaltenstherapeutischen Ansätzen erreichen, während niedrigschwellige Medienbildung für die breite Masse ausreichen könnte. Einschränkend nennen die Forscher, dass keine strukturierten klinischen Interviews zur Diagnosesicherung durchgeführt wurden, die Fachkompetenz der Kursleiter nicht systematisch erfasst wurde und sich der Effekt in einer der verwendeten Skalen zeigte, in anderen Erhebungsinstrumenten jedoch nicht. Zudem stammen die Daten aus einem einzigen Bundesland, was die Übertragbarkeit einschränkt.
Veröffentlicht sind die Resultate in JAMA Network Open. Die Botschaft der Heidelberger Arbeitsgruppe ist damit klar: Zielgerichtete Maßnahmen für Risikogruppen erzielen bessere Resultate als eine Prävention, die pauschal auf alle Schüler zielt.
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