BLOG | „Ins kalte Wasser geworfen werden“ ist eine harmlose Bezeichnung dafür, dass ich einen Eingriff durchführen soll, den ich noch nie gemacht habe. Doch für Anleitung fehlt die Zeit. Was kann der Patient dafür?
„Aber das haben Sie schon mal gemacht, oder?“, fragt mich Herr E., während ich nochmal mein Material begutachte. Soll ich jetzt lügen oder nicht? „Ist etwas länger her, aber so schwierig ist es auch nicht“, erwidere ich aufmunternd und greife nach den Handschuhen. So schwierig ist es tatsächlich nicht, denn ich muss Herrn E. eigentlich nur eine Redon-Drainage ziehen. Aber irgendwie will man doch trotzdem nichts falsch machen. Fehler passieren eben genau dann, wenn man sich zu sicher in seiner Routine fühlt. Nur darf ich das Herrn E. leider nicht so sagen.
In einer anderen Abteilung sagte mir ein Arzt einmal „See one, do one, teach one“, als es um Aszitespunktionen ging. „Aber am besten sieht man sich nicht eine, sondern zehn an, führt fünf unter Anleitung durch und kann dann beibringen.“ Der Satz brannte sich in mein Gehirn, sodass ich bei allen möglichen Prozeduren beim ersten Mal gerne jemanden dabei habe, der Ahnung hat und im Notfall intervenieren kann. Das kann die Anforderung einer Urinkultur oder das Legen einer Arterie sein. Nur gilt das Motto im ärztlichen Beruf leider nicht immer. Häufig ist es „Do one“. Punkt.
Der Grund dafür ist simpel: In vielen Häusern bleibt keine Zeit für adäquate Einführung und Lehre. Wenn man Glück hat, erbarmt sich ein Kollege und zeigt einem, wie man die Pleurapunktion durchführt, schaut beim nächsten Versuch auch zu. Aber das ist nicht immer der Fall. In meinem praktischen Jahr habe ich beispielsweise wirklich versucht, einen zentralen Venenkatheter legen zu können – unter Anleitung, versteht sich. Doch war dafür nie der passende Zeitpunkt oder die Ärzte standen unter einem solchen Druck, dass sie es einfach lieber selber machen wollten.
Das bedeutet für mich: Sollte der Zeitpunkt kommen, dass ein Patient, den ich betreue, einen ZVK braucht, muss ich hoffen, dass meine Kollegen oder Oberärzte gerade Zeit haben, mich anzuleiten und mir nicht ein „So schwer isset nicht!“ am Telefon entgegenpfeffern (ja, auch das habe ich schon gehört).
Geht es um Formalitäten wie Konsilanforderungen oder Anmeldungen für die Reha, kann ich es meinetwegen auch selbstständig probieren. Im schlimmsten Fall klappt es dann halt nicht. Aber bei tatsächlicher Körperverletzung werde ich ganz bestimmt nicht „einfach mal machen“. Obwohl ich so genervtes Aufstöhnen meiner Kollegen oder Wutausbrüche meines Vorgesetzten in Kauf nehme: Nein. Das tue ich mir selber und dem Patienten nicht an. Denn man kann 99 erste Male Glück haben, aber wenn beim 100. ersten Mal dann etwas passiert, wird man sich diesen Fehler nicht verzeihen.
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