KOMMENTAR | Keine Buhrufe, kein Bildschirm-Minister: Beim Deutschen Apothekertag tritt Carsten Linnemann betont apothekenfreundlich auf. Mit Lob für Vor-Ort-Apotheken kündigt er klare Kante gegen ausländische Versender an. Dürfen wir noch hoffen?
Als Karl Lauterbach vor 3 Jahren beim Deutschen Apothekertag auf dem Bildschirm erschien, wurde der lediglich digital zugeschaltete Minister lautstark ausgebuht. Zu groß waren Frust und Enttäuschung über seine damaligen Reformpläne, zu tief der Eindruck, dass die Sorgen der Apotheken zwar angehört, aber nicht wirklich verstanden wurden. Jahre später ist die Stimmung bei der gleichen Veranstaltung in München eine völlig andere. Als der neue Bundesgesundheitsminister Dr. Carsten Linnemann – der ebenfalls Reformpläne mit sich bringt – gemeinsam mit ABDA-Präsident Thomas Preis den Saal betritt, ist die Spannung mit Händen zu greifen. Kameras gehen hoch, Menschen drehen sich um, jeder möchte einen Blick auf den „Neuen“ erhaschen. Und anders als sein Vorvorgänger ist Linnemann tatsächlich da: persönlich, ansprechbar und erst wenige Tage zuvor vereidigt.
Natürlich kann ein freundlicher Auftritt noch keine gute Gesundheitspolitik garantieren. Aber manchmal lohnt es sich, genau hinzusehen, welche Signale ein neuer Minister setzt. Und dieser Auftritt sendete einige bemerkenswert deutliche.
Zunächst gehört die Bühne ABDA-Präsident Thomas Preis. Er bedankt sich für die Apothekenreform, spart aber nicht mit Kritik. Die schrittweise Anhebung des Fixums werde der wirtschaftlichen Lage vieler Betriebe nicht gerecht. Zusätzliche Belastungen drohten, einen Teil der Erhöhung gleich wieder aufzufressen. Dazu kämen der wachsende Druck durch ausländische Versandapotheken, problematische Rabattaktionen und eine Primärversorgung, bei deren Neugestaltung die Apotheken nicht übergangen werden dürfen.
Preis erinnert außerdem daran, welche Rolle die Apotheken in Krisenzeiten übernehmen: Sie stellen Rezepturen her, organisieren knappe Arzneimittel, versorgen immobile Menschen per Botendienst und stehen auch nachts an der Notdienstklappe bereit. Das flächendeckende Apothekennetz sei nicht nur bequem, sondern Teil der Daseinsvorsorge und der staatlichen Resilienz. Die Botschaft an Linnemann ist eindeutig: Die Apothekerschaft ist bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen. Dafür braucht sie aber wirtschaftliche Stabilität, faire Regeln und politische Verlässlichkeit. Preis lobte ausdrücklich, dass Linnemann die Mantelverordnung unmittelbar nach seinem Amtsantritt nun unterschrieben hat.
Dieser Akt ist für mich mehr als eine verwaltungstechnische Randnotiz. Nach seinen eigenen Worten, die direkt auf Preis’ Rede folgte, war es eine seiner ersten Amtshandlungen. Damit konnte die letzte Säule der Apothekenreform auf den Weg gebracht werden. Natürlich wird eine Unterschrift allein das Apothekensterben nicht beenden. Trotzdem hat dieser Vorgang eine enorme Symbolkraft. Ein neuer Minister, der direkt nach seiner Vereidigung ein für die Apotheken wichtiges Vorhaben abschließt, setzt eine Priorität. Er hätte das Thema liegen lassen, erneut prüfen oder irgendwo in den Tiefen seines Ministeriums versanden lassen können. Stattdessen hat er gehandelt. Für mich zeigt das: Linnemann scheint verstanden zu haben, dass die Apotheken keine weiteren freundlichen Absichtserklärungen brauchen – sondern Entscheidungen.
Preis hatte dem neuen Minister damit keinen bequemen Empfang bereitet, sondern ihm eine gut gefüllte Aufgabenliste mit auf den Weg gegeben. Nun war Linnemann an der Reihe. Und schon die ersten Minuten machten deutlich, dass er nicht gekommen war, um sich mit einem höflichen Grußwort möglichst unauffällig aus der Affäre zu ziehen. Er griff mehrere der zuvor formulierten Forderungen direkt auf, sprach erstaunlich offen über die wirtschaftliche Lage der Apotheken – und hatte sogar eine konkrete Nachricht mitgebracht.
Im weiteren Verlauf seiner Rede trifft der Minister einen Ton, den man in Apotheken lange vermisst hat. Er spricht nicht nur über Arzneimittel, Prävention oder Notdienste, sondern über Apotheken als inhabergeführte, standorttreue Unternehmen. Linnemann erzählt von der Buchhandlung seiner Eltern und davon, wie wichtig Geschäfte und Apotheken für lebendige Innenstädte sind. Apotheken seien soziale Netzwerke, Orte der Begegnung und Unterstützer örtlicher Vereine, Schülerzeitungen und gesellschaftlicher Initiativen. Dann fällt ein Satz, für den er viel Applaus bekommt: „Natürlich müssen Sie Geld verdienen.“
So banal diese Feststellung klingt, so wohltuend ist sie. Wirtschaftlichkeit ist keine ungehörige Forderung und kein Gegensatz zum heilberuflichen Auftrag. Ohne auskömmliche Honorierung gibt es keine wohnortnahe Versorgung, keine Nacht- und Notdienste, keine Rezeptur und irgendwann auch kein Personal mehr, das all diese Aufgaben übernehmen kann. Besonders treffend formuliert Linnemann die Standorttreue der Vor-Ort-Apotheken: Sie könnten nicht einfach nach dem nächsten schlechten Quartal den Standort wechseln, sondern hätten „Deutschland lebenslänglich gebucht“. Das ist zugespitzt, trifft aber den Kern. Eine Apotheke kann ihre Kundschaft, ihre Räume und ihren Versorgungsauftrag nicht einfach in ein steuerlich oder wirtschaftlich günstigeres Land verlagern.
Auch bei den geplanten neuen Aufgaben zeigt Linnemann Haltung. Apotheken sollen stärker in Prävention, Impfungen und Primärversorgung eingebunden werden. Besonders die Möglichkeit, chronisch Erkrankte unter bestimmten Voraussetzungen mit ihrer Dauermedikation zu versorgen, ohne dass für jedes Folgerezept erneut die Arztpraxis aufgesucht werden muss, stößt bei Teilen der Ärzteschaft auf Widerstand.
Linnemann berichtet offen von diesen Einwänden, hält den eingeschlagenen Weg aber dennoch für richtig. Wer die enorme Zahl an Arztkontakten reduzieren und gleichzeitig eine wohnortnahe Versorgung sicherstellen wolle, komme an den Apotheken nicht vorbei. Vorsorgeangebote könnten Risiken frühzeitig erkennen und Patienten gezielt in die Arztpraxis weiterleiten. Das ist keine Konkurrenz zur Ärzteschaft, sondern im besten Fall eine sinnvolle Arbeitsteilung in einem System, dessen personelle und finanzielle Grenzen längst sichtbar sind.
Am deutlichsten wird Linnemann beim ausländischen Versandhandel. Wenn deutsche Apotheken bestimmte Vorteile nicht gewähren dürfen, ausländische Anbieter aber genau damit werben, nennt er das, was es ist: Wettbewerbsverzerrung. Seine Formulierung ist erfreulich unmissverständlich: Entweder dürfen es beide – oder keiner. „Wir müssen das abstellen“, sagt er – und erntet dafür den wohl stärksten Applaus seiner Rede.
Dabei verspricht der neue Gesundheitsminister keine schnelle Wunderlösung. Er räumt ein, dass europäische und nationale Vorgaben nicht einfach zusammenpassen und bisherige Ansätze nicht funktioniert haben. Gerade diese Einschränkung macht seine Aussage für mich glaubwürdiger. Er behauptet nicht, das Problem morgen per Federstrich zu lösen. Aber er erkennt es an und erklärt faire Wettbewerbsbedingungen ausdrücklich zu seinem Anliegen.
Auch beim aus dem Ruder gelaufenen Versand von Medizinalcannabis kündigt er Konsequenzen an. Wenn Onlineplattformen mit wenigen Fragen, ohne echten Arztkontakt und ohne erkennbare Mengenbegrenzung Cannabisblüten per Privatrezept vermitteln, hat das mit einer sorgfältigen medizinischen Versorgung wenig zu tun. Auch hier findet Linnemann klare Worte – obwohl er weiß, dass nicht jeder im Saal sie gern hören dürfte.
Nach Jahren voller Frust wäre es leicht, jedes politische Versprechen reflexhaft abzutun. Dafür wurden Apotheken zu oft gelobt und anschließend trotzdem finanziell und bürokratisch allein gelassen. Auch Linnemann wird sich daran messen lassen müssen, ob auf seine Worte weitere Taten folgen. Trotzdem bin ich nach diesem Auftritt vorsichtig optimistisch. Der Minister kam persönlich. Er hatte sich offenbar vorbereitet. Er sprach über Apotheken nicht als bloße Abgabestellen, sondern als Unternehmen, soziale Anker und unverzichtbare Versorgungsstruktur. Und er hatte bereits gehandelt, bevor er auf der Bühne um Vertrauen bat.
Am Ende forderte Linnemann die Apothekerschaft sogar dazu auf, hart und kritisch mit ihm ins Gericht zu gehen. Dieses Angebot sollten wir annehmen. Kritisch, aufmerksam und ohne vorschnelle Vorschusslorbeeren – aber auch bereit anzuerkennen, wenn ein Minister der Apotheke vor Ort offenkundig zugewandt begegnet. Für den Moment hat Carsten Linnemann einen Vertrauensvorschuss verdient. Jetzt liegt es an ihm, daraus Vertrauen zu machen.
Bildquelle: Seljan Salimova, Unsplash