Foto machen, abschicken und fertig ist die Diagnose: Hautkrebs-Apps versprechen Früherkennung ohne Wartezimmer. Der Berufsverband der Hautärzte ist skeptisch – oder neidisch?
Für Eilige gibt’s am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Mit einem von Deutschlands medizinischen Alleinstellungsmerkmalen wird es demnächst wahrscheinlich vorbei sein: Das Hautkrebsscreening soll Ende 2027 mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz wieder eingestellt werden, zumindest in seiner jetzigen Form. Denn in den knapp 20 Jahren ihres Bestehens konnte die Routineuntersuchung nicht zeigen, dass sie Hautkrebstodesfälle verhindert. Das Geld für das Screenen könne man sich also sparen, so die Argumentation. Dr. Ralph von Kiedrowski, Präsident des Berufsverbands der Hautärzte, sieht das naturgemäß anders.
Er hält es für ein „schlechtes Signal an die Bevölkerung, Prävention aus rein pekuniären Gründen abzuschaffen“. Zwar sieht auch er den Beweis nicht als erbracht an, dass das Screening Todesfälle durch schwarzen und hellen Hautkrebs verhindert. Für ihn greift die Fixierung auf die Mortalität aber zu kurz: Das frühe Erkennen und Behandeln von hellem Hautkrebs verringere auch die Krankheitslast.
Aber vielleicht gibt es ja bereits eine smarte Alternative zum Screening auf Kassenkosten: Apps könnten in die Bresche springen. Ganz ohne lästige Terminsuche, Warterei in der Praxis und eventuell schambehaftete Untersuchung kann man mit dem Smartphone Unregelmäßigkeiten seiner Haut checken. Die zahlreich im Markt verfügbaren Apps verfolgen dabei zwei ganz unterschiedliche Strategien: Die einen betreiben klassische Telemedizin, das heißt, Hautärzte begutachten die verdächtigen Stellen persönlich, wenn auch aus der Ferne. Bei den anderen Apps werden die Fotos von einer KI analysiert. Für den Nutzer ist das Prozedere in beiden Fällen dasselbe: Foto machen, abschicken und eine Einschätzung des Hautkrebsrisikos bekommen, je nach App innerhalb von Sekunden bis Stunden. Das kostet dann im einen Fall zum Beispiel 25 Euro pro Hautstelle und im anderen 50 Euro pro Jahr für eine Flatrate.
Um die Tauglichkeit solcher Apps zu prüfen, hat die Stiftung Warentest sechs Arzt-basierte und drei nicht Arzt-basierte Apps untersucht. Testsieger wurde die Arzt-basierte App AppDoc mit der Gesamtnote „gut“ (2,4) und sogar mit einer 1,8 für die Einschätzung der Hautveränderung. Am zweitbesten schnitt die nicht Arzt-basierte App SkinVision mit der Gesamtnote „befriedigend“ (2,6) ab. Auch bei der Einschätzung der Hautveränderung lag SkinVision mit der Note 1,9 auf dem zweiten Platz, also noch vor den fünf anderen Arzt-basierten Apps. Lediglich Defizite bei der Datenschutzerklärung und den AGB führten zu einer Abwertung, die SkinVision den Gesamtsieg kostete.
Dass der Test von Ende 2022 stammt, macht für die Arzt-basierten Apps wohl keinen Unterschied, weil das Können der Ärzte vermutlich gleich geblieben ist. Die nicht Arzt-basierten Apps dagegen werden im Test noch als Algorithmus-basiert bezeichnet, weil eine Bildanalyse mit KI damals noch nicht verbreitet war. Heutige, nicht Arzt-basierte Apps werben damit, KI-basiert zu sein. Man darf also annehmen, dass die Treffsicherheit dieser Apps noch besser geworden ist und dank immer mehr Trainingsdaten weiter zunimmt.
Ob Arzt- oder KI-basiert, von Kiedrowski hält von Apps zur Hautkrebsfrüherkennung wenig. Er bemängelt vor allem, dass Patienten für die finale Abklärung und Behandlung weiterhin einen Termin in der Praxis brauchen. Viel gewonnen wäre mit den Apps also nicht, denn das Versorgungsproblem bliebe bestehen – die überfüllten Praxen blieben überfüllt.
Oder schlimmer noch: Vielleicht würden die Apps das Gedränge in den Praxen nicht nur nicht entschärfen, sondern sogar noch verschärfen. Denn es wäre durchaus möglich, dass beim eifrigen Nutzen der pauschal bezahlten KI-Apps am Ende mehr Verdachtsfälle abgeklärt werden als beim zweijährlichen Check beim Hautarzt. Schließlich werden Apps, um nur ja keine behandlungsbedürftigen Stellen zu übersehen, vermutlich lieber hundertmal zu viel als einmal zu wenig zur Abklärung raten.
Letztlich geht es also gar nicht um die Frage, ob KI- oder Arzt-basierte Apps besser sind, sondern um den Vergleich App versus Praxis. So zieht die Stiftung Warentest das Fazit: „Die Hautkrebs-Früherkennung in der Praxis können Handy-Apps nicht ersetzen.“ Diese Einschätzung teilt auch Prof. Holger Hänßle, geschäftsführender Oberarzt an der Uni-Hautklinik Heidelberg, im Interview mit der Test-Redaktion. Er betont noch einen weiteren Aspekt: Zwar ließen sich die klassischen Typen von hellem und schwarzem Hautkrebs auch per Fotografie gut erkennen, „doch Apps können nur die Hautstellen einschätzen, die Betroffenen selbst auffallen. Das sind oft nicht die richtigen“. Im Screening würden dagegen auch Mundhöhle, äußere Gehörgänge, Po- und Genitalfalten untersucht.
Dennoch will sich die Hautärzteschaft der Telemedizin nicht verschließen. Voraussetzung ist aber die direkte Anbindung an eine Praxis. Überregionale Angebote „lehnen wir ab“, sagt von Kiedrowski. Auf Betreiben des Berufsverbands hat der Deutsche Ärztetag gerade erst beschlossen, dass Teledermatologie nur derjenige anbieten darf, der auch eine Praxis hat. Um die Qualität zu erhöhen, gebe es bereits Pilotprojekte mit dermatoskopischen Aufsätzen für das Smartphone, so von Kiedrowski.
Noch ein Grund, warum der Vergleich KI oder Arzt der Realität hinterherhinkt: KI-Hilfen gehören auch in den Hautarztpraxen längst zum Alltag. Laut von Kiedrowski seien KI-gestützte Tools weit verbreitet, „um die Präzision der Analyse absichern zu lassen“. KI sei ein Hilfsmittel, „um meine eigenen diagnostischen Optionen zu verstärken“. Patienten bräuchten solche Hilfen jedoch nicht. Wer seine Haut auch zwischen den Praxisbesuchen überwachen möchte, solle seinem unbewaffneten Auge vertrauen: „Wir unterrichten Patienten in der Eigenuntersuchung, und die ist aus meiner Sicht auf jeden Fall mindestens genauso sicher wie eine App, die ein Foto, mit welcher Qualität auch immer, begutachtet.“
Fakt ist aber, dass die Apps, Sinnhaftigkeit hin oder her, millionenfach genutzt werden. Mit dem Wegfall des GKV-finanzierten Screenings wird die Nutzung vermutlich noch steigen. So habe der Berufsverband intern diskutiert, ob er Empfehlungen abgeben solle, so von Kiedrowski. Am Ende habe er sich davon verabschiedet, ein Siegel oder Prädikat für Apps zu vergeben. Dann sind also jetzt Menschen, die Hautstellen mit einer App untersuchen wollen und gerne einen fachkundigen Rat hätten, welcher App sie am ehesten vertrauen können, orientierungslos? Von Kiedrowski: „Das stimmt.“
Das Wichtigste auf einen Blick
Bildquelle: Jake Weirick, Unsplash
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