Bislang von der Pferdekoppel bekannt, taucht sie plötzlich auch beim Menschen auf: Dermatophilose. Besonders oft von der Hautkrankheit betroffen sind Saunagänger und Kampfsportler. Grund zur Panik – oder werden hier die Pferde scheu gemacht?
Für Eilige gibt's am Ende eine kurze Zusammenfassung.
In Europa gibt es ein gehäuftes Vorkommen einer bakteriellen Hauterkrankung, der Dermatophilose – auch bekannt als „Regenräude“. Auffällig sind Erkrankungscluster bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), insbesondere nach Besuchen von Saunen und anderen Sex-on-premises-Einrichtungen. Gleichzeitig traten Infektionen bei Personen auf, die engen Kontaktsport betreiben – unter anderem beim Muay Thai. Damit rückt ein Erreger in den Fokus, der bislang aus der Veterinärmedizin bekannt war.
Die Dermatophilose wird durch Dermatophilus congolensis, ein grampositives Aktinomyzeten-Bakterium, verursacht. Es befällt vor allem Pferde. Bei Pferden wird die Erkrankung als Regenräude oder Regenfäule bezeichnet, da Feuchtigkeit die Entstehung der typischen exsudativen und verkrustenden Dermatitis begünstigt. Mikrotraumata der Haut und feuchte Bedingungen erleichtern das Eindringen des Erregers. Menschliche Infektionen galten dagegen bislang als seltene Zoonose und wurden vor allem nach engem Kontakt mit infizierten Tieren beschrieben.
Seit Ende 2025 hat sich dieses Bild verändert. Das ECDC berichtet inzwischen über humane Infektionen in zehn europäischen Ländern. Zum Stand 20. August 2026 waren mehr als 120 Fälle bekannt. Die Mehrzahl betraf MSM, häufig nach Aufenthalten in Sex-on-premises-Einrichtungen; daneben traten Cluster bei Kampfsportlern auf. Die Erkrankungen verliefen überwiegend mild mit papulösen, pustulösen, schuppenden, verkrusteten oder follikulitisähnlichen Hautveränderungen und sprachen auf topische oder orale Antibiotika an. Genomische Untersuchungen zeigen eine enge Verwandtschaft zahlreicher europäischer Isolate und stützen damit die Annahme einer direkten Übertragung durch engen Hautkontakt. Auch eine indirekte Übertragung über kontaminierte Oberflächen ist möglich.
In Deutschland wurden bislang 17 bestätigte Fälle gemeldet. Die ersten 16 Fälle betrafen Männer aus Berlin und Brandenburg mit Erkrankungsbeginn zwischen Dezember 2025 und April 2026. Bei den Fällen mit verfügbarer Expositionsanamnese handelte es sich um MSM; nahezu alle berichteten über Saunabesuche in Deutschland oder Spanien. Einen gemeinsamen epidemiologischen Kontakt zwischen den deutschen Fällen konnte man jedoch nicht nachweisen.
Für die Allgemeinbevölkerung bewertet das ECDC das Risiko weiterhin als sehr niedrig. Auch für MSM insgesamt wird es als niedrig eingeschätzt; höher ist die Expositionswahrscheinlichkeit bei häufig wechselnden Partnern und beim Besuch entsprechender Einrichtungen. Präventiv stehen daher einfache Maßnahmen im Vordergrund: bei aktiven Hautläsionen engen Hautkontakt vermeiden, gemeinsam genutzte Flächen und Sportgeräte konsequent reinigen, feuchte Umgebungen hygienisch kontrollieren und bei verdächtigen Hautveränderungen frühzeitig eine Diagnostik veranlassen. Entscheidend ist eine zielgruppengerechte Kommunikation ohne Stigmatisierung.
Die aktuelle Entwicklung erinnert zunächst an Mpox, ist aber nur bedingt vergleichbar. Auch Mpox galt lange primär als Zoonose, bevor sich ab 2022 eine anhaltende Mensch-zu-Mensch-Übertragung in bestimmten Kontaktnetzwerken zeigte. Für Mpox gibt es inzwischen Hinweise darauf, dass das Virus bereits Jahre zuvor kontinuierlich im Menschen zirkulierte und dabei charakteristische genetische Veränderungen akkumulierte.
Für D. congolensis ist eine solche Wirtsanpassung, also eine evolutionäre Anpassung des Erregers an den Menschen, bislang nicht belegt. Die aktuellen Ausbrüche zeigen zunächst etwas anderes: Ein ursprünglich vor allem tierassoziierter Erreger kann nach einem Spillover in Kontaktnetzwerke gelangen, in denen enge Hautkontakte, Mikroverletzungen und feuchte Umgebungen seine Weitergabe begünstigen.
Die Häufung ungewöhnlicher Zoonosen bedeutet daher nicht automatisch, dass Viren und Bakterien generell schneller „auf den Menschen überspringen“. Sichtbarer werden vielmehr die Bedingungen, unter denen seltene Erreger nach einem Spillover ausreichend Gelegenheit zur Weiterübertragung erhalten. Aus One-Health-Perspektive ist genau dies möglicherweise die wichtigste Gemeinsamkeit zwischen Mpox und der aktuellen Dermatophilose: Nicht jeder neue Ausbruch ist Ausdruck einer neuen Wirtsanpassung – aber jeder anhaltende Übertragungszyklus schafft die Voraussetzung dafür, dass Evolution überhaupt stattfinden kann.
Das Wichtigste auf einen Blick
Bildquelle: Live Kaiah, Unsplash