KOMMENTAR | Risikosport auf Kosten der Solidargemeinschaft? Wer den Nervenkitzel sucht, soll auch für die Folgen zahlen. Klingt fair – bis man diese Logik zu Ende denkt.
Der Basejumper springt vom Felsen, der Freerider fährt trotz Lawinenwarnung ins Gelände, der Downhill-Biker nimmt den nächsten Baum frontal. Wenig später liegen sie im Schockraum – und die Solidargemeinschaft zahlt. Da kann man schon mal fragen: warum eigentlich? Warum soll die Allgemeinheit dafür geradestehen, wenn sich jemand freiwillig einem außergewöhnlich hohen Risiko aussetzt? Wer den Kick will, könnte doch auch das finanzielle Risiko tragen.
Gerade jetzt hätte diese Forderung ihren Charme. Denn die GKV wird teurer. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen ihre Leistungs- und Verwaltungsausgaben um 7,1 Prozent, die Leistungsausgaben allein um 12,2 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Ende Juni lag der tatsächlich erhobene durchschnittliche Zusatzbeitrag bei 3,13 Prozent. Das zeigen die aktuellen Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums.
Das Kostenproblem ist real. Aber sind ausgerechnet Risikosportler ein relevanter Teil davon? Spoiler: Wir wissen es nicht genau. Schon „Risikosport“ lässt sich kaum sauber abgrenzen. Basejumping und Wingsuit-Fliegen – geschenkt. Aber Mountainbiken? Skifahren? Rennradfahren? Reiten? Kampfsport? Und Amateurfußball?
Die Datengrundlage bleibt vage:
Doch Bewegung verursacht nicht nur Ausgaben, sondern verhindert Krankheit. Die WHO verweist auf die präventiven Effekte körperlicher Aktivität, unter anderem bei kardiovaskulären Erkrankungen, Typ-2-Diabetes oder Adipositas. Wer die Kosten des Sports berechnet, darf nicht nur die Rechnung aus dem Krankenhaus ins Kalkül ziehen.
Aber nehmen wir an, wir wollen trotzdem stärker nach Eigenverantwortung abrechnen. Der Wingsuit-Pilot soll einen Teil seiner Behandlung selbst bezahlen. Schließlich kannte er das Risiko. Einverstanden. Dann bitte als Nächstes zum langjährigen Raucher mit Bronchialkarzinom. Anschließend zum Motorradfahrer mit Polytrauma, zum Patienten mit alkoholbedingter Leberzirrhose sowie zum adipösen Typ-2-Diabetiker. Und was machen wir mit dem Arzt, der seit Jahren 70 Stunden die Woche arbeitet, kaum schläft, seinen Blutdruck ignoriert und mit 54 einen Herzinfarkt bekommt? Selbst schuld?
Das Problem dieser Logik ist nicht der Risikosport. Es ist vielmehr die Grenze. Welche freiwillig eingegangenen Gesundheitsrisiken sind noch solidarisch – und welche nicht? Hier nur auf Risikosport zu blicken, greift zu kurz.
Das V. Sozialgesetzbuch ist bei dem Thema recht zurückhaltend.
Doch war die Adipositas selbst verschuldet, wenn wir an Gen-Umwelt-Faktoren denken? Zu 30, 60 oder 90 Prozent? Wie verrechnen wir Gene, psychische Erkrankungen, soziale Faktoren und Verhalten bei solchen Prozentsätzen?
Dass Eigenverantwortung auch anders funktionieren kann, zeigen unsere Nachbarn. Die Schweizer Unfallversicherung, kurz SUVA, unterscheidet zwischen relativen und absoluten Wagnissen.
Das ist ein interessanter Mittelweg. Wer ein außergewöhnliches Risiko eingeht, kann stärker an dessen finanziellen Folgen beteiligt werden – ohne dass wir medizinische Versorgung von moralischem Wohlverhalten abhängig machen.
Über ein solches Modell oder über eine Zusatzabsicherung für wenige klar definierte Hochrisikoaktivitäten kann man diskutieren. Aber dann sollte man auch sagen, worum es geht: um Eigenverantwortung, nicht um die Rettung der maroden Krankenkassenfinanzen. Denn für die Behauptung, seltene Extremsportarten seien ein relevanter Treiber unserer Krankenkassenbeiträge, fehlt bislang jegliche Datengrundlage.
Ich meine: Eigenverantwortung darf finanzielle Konsequenzen haben. Medizinische Versorgung sollte davon aber nicht abhängig sein. Denn sobald wir anfangen, Behandlungskosten nach persönlicher Schuld zurückzufordern, bleibt am Ende nicht die Frage, wie gefährlich Basejumping ist. Sondern eher die Frage, die irgendwann jeden Patienten treffen kann: Wie gesund muss man gelebt haben, um Solidarität verdient zu haben?
Bildquelle: Erstellt mit KI; Nano Banana 2