Wer Krebs hat, erkrankt seltener an Alzheimer – und umgekehrt. Klingt komisch, ist aber so. Steckt hinter diesem Paradox ein biologischer Mechanismus?
Für Eilige gibt's am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Viele Krankheitsrisiken laufen Hand in Hand: Höheres Lebensalter, Rauchen und Bewegungsmangel erhöhen beispielsweise sowohl das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen als auch für verschiedene Krebserkrankungen.
Eine überraschende Ausnahme bildet das Krankheitspaar Krebs und Alzheimer, bei dem die Risiken offenbar in entgegengesetzte Richtungen laufen. Aus verschiedenen Studien ist bekannt, dass bei Alzheimer-Patienten eine neu diagnostizierte Krebserkrankung unwahrscheinlicher ist als bei gleichaltrigen Kontrollen. Andersherum scheinen Menschen mit einer Krebserkrankung weniger oft an Alzheimer zu erkranken. Statistisch spricht man von einer sogenannten inversen Korrelation. Dieser ungewöhnliche Zusammenhang wird auch als Krebs-Alzheimer-Paradox bezeichnet.
Intuitiv würde man davon ausgehen, dass auch bei diesen beiden Krankheiten die Risiken parallel verlaufen. Schließlich sind einige Risikofaktoren bekannt, die das Risiko sowohl für Alzheimer als auch Krebs erhöhen: Höheres Lebensalter, Rauchen und Bewegungsmangel gehören dazu. Eine wichtige Frage lautet deshalb: Ist der Zusammenhang echt oder beruht er auf statistischen Verzerrungen? Zusammenhänge zwischen verschiedenen Krankheitsrisiken werden in Beobachtungsstudien untersucht, die nicht unter kontrollierten Laborbedingungen stattfinden. Dadurch sind sie anfälliger für Verzerrungen.
Denkbar wäre zum Beispiel folgende Erklärung: Wenn bei einem Menschen erst einmal Alzheimer diagnostiziert wurde, könnte sich diagnostische Zurückhaltung, um nicht zu sagen, medizinischer Nihilismus breitmachen. Nach neuen Krebserkrankungen wird dann vielleicht weniger gesucht, da man sowieso von einer stark reduzierten Lebenserwartung ausgeht.
Andersherum könnten bei einer Krebserkrankung andere Dinge im Vordergrund stehen, als kognitive Defizite abzuklären. Zudem könnten diese häufiger auf psychische Auswirkungen der Krankheit oder Nebenwirkungen der Therapie zurückgeführt werden, sodass die Diagnose einer Alzheimer-Demenz weniger wahrscheinlich gestellt wird. Andererseits wäre auch eine gegenläufige Verzerrung denkbar: Krebspatienten haben mehr Arztkontakte und mehr diagnostische Untersuchungen. Kognitive Defizite könnten dadurch sogar eher auffallen als bei sonst gesunden Menschen.
Um diesen und anderen möglichen Verzerrungen auf den Grund zu gehen, wurden die bislang durchgeführten Studien systematisch auf mögliche Fehlerquellen hin untersucht. Hinweise, dass die beschriebenen statistischen Verzerrungen allein für den Zusammenhang verantwortlich sind, ergaben sich nicht. Studien, bei denen die Teilnehmer gründlich untersucht wurden, fanden sogar eine stärkere inverse Korrelation zwischen Krebs und Alzheimer als solche, die auf reinen Routinedaten beruhen. Zudem wird das Krebs-Alzheimer-Paradox erstaunlich konsistent nachgewiesen: In 11 von 22 Studien bestand eine statistisch signifikante inverse Korrelation, in 7 weiteren gab es ebenfalls einen gegenläufigen Zusammenhang, der jedoch statistisch nicht signifikant war.
Ganz ausschließen lassen sich statistische Erklärungen allerdings nicht. Insbesondere ein sogenannter Survival Bias bleibt denkbar: Krebspatienten, die lange genug überleben, um überhaupt noch eine Alzheimer-Erkrankung zu entwickeln, könnten eine besonders robuste und damit nicht repräsentative Gruppe darstellen.
Bewiesen ist deshalb nicht, dass hinter dem beobachteten Paradox tatsächlich ein biologischer Mechanismus steckt. Allerdings erscheint eine rein statistische Erklärung weniger wahrscheinlich. Es existieren Theorien, die eine mögliche Erklärung liefern. Bewiesen ist auch von diesen keine. Ein besseres Verständnis könnte sowohl Alzheimer- als auch Krebsforschung einen großen Schritt nach vorne bringen.
Die Neurowissenschaftlerin Rebekah Feng vom National Institute on Aging charakterisiert Krebs und Alzheimer als zwei entgegengesetzte Ausprägungen normaler biologischer Prozesse. Unsere Zellen unterliegen einem fein austarierten Gleichgewicht zwischen Zellteilung und Wachstum auf der einen sowie Stabilität und kontrolliertem Zelltod auf der anderen Seite. Zellen sollen sich teilen und Gewebe nachbilden, wenn alte Zellen ihr Lebensende erreicht haben oder Schäden entstanden sind. Diese Zellteilung und -neubildung muss jedoch streng kontrolliert werden. Bei unkontrollierter Zellteilung kann Krebs die Folge sein: Zellen teilen sich immer weiter, der Tumor wächst und entzieht sich der sonst üblichen Kontrolle.
Während Krebs eine Krankheit mit einem Zuviel an Zellteilung ist, gibt es bei Alzheimer ein Zuviel an neuronalem Zelltod. Auf molekularer Ebene gibt es Kandidaten, die dabei als eine Art Schalter fungieren könnten. Ein Beispiel ist das als sogenannter Tumor-Suppressor bekannte Protein p53: In Tumorzellen ist seine Funktion oft ausgeschaltet, was unkontrolliertes Zellwachstum erleichtert. Im Gehirn kann eine verstärkte Aktivierung von p53 dagegen den Zelltod fördern und mit Alzheimer-typischen Veränderungen wie Tau-Ablagerungen in Verbindung stehen.
Ein weiterer Kandidat, der möglicherweise einen Teil der Erklärung liefert, ist ausgerechnet einer der bekanntesten Bösewichte der Alzheimer-Krankheit: β-Amyloid. In Zell- und Tierexperimenten konnte β-Amyloid das Wachstum von Tumoren hemmen. Genetisch veränderte Mäuse, in deren Gehirnen vermehrt β-Amyloid gebildet wird, entwickelten nach der Implantation von Gliomzellen deutlich kleinere Tumoren als Kontrollmäuse. Zudem schien die für das Überleben der Tumorzellen essentielle Gefäßneubildung gehemmt. Die Tumore vergrößerten sich deshalb unter der höheren Amyloid-Konzentration langsamer.
Damit könnte man sich das Krebs-Alzheimer-Paradox als eine Art Tauziehen vorstellen: Mechanismen, die Zellteilung und -wachstum bremsen, könnten vor Krebs schützen, gleichzeitig aber Nervenzellen anfälliger für Alzheimer-typische Zellschädigung machen.
Ein besseres Verständnis der biologischen Schalter, die das Alzheimer- und Krebsrisiko justieren, könnte sowohl in der Alzheimer- als auch in der Krebsforschung neue Möglichkeiten eröffnen. Dr. Feng plädiert deshalb dafür, dass sich die zwei Forschungsrichtungen enger vernetzen und austauschen. Große wissenschaftliche Fortschritte entstehen schließlich oft an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen.
Das Wichtigste auf einen Blick
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