INTERVIEW | Trigger, Trauma, toxisch – Therapiesprech liegt im Trend. Doch wer alles direkt zur Störung erklärt, macht aus gesunden Menschen Patienten. Ein Gespräch über die Grenzen des Normalen.
Jens Bergmann ist stellvertretender Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins brand eins. Er hat Psychologie studiert und ehrenamtlich in einer Beratungsstelle gearbeitet. Auch als Journalist ist er dem Thema Psychologie und dem kritischen Blick darauf treu geblieben. In seinem Buch „Von achtsam bis toxisch: Was hinter Therapiesprech steckt“ das bei Duden erscheint, warnt er vor der Psycho-Etikettierung alltäglicher Unbilden. Der „leidende Gesunde“ wird zum Kranken – und tut sich damit keinen Gefallen. Im Interview sprach Bergmann mit DocCheck darüber, wie die Sphäre des Normalen schrumpft.
DocCheck: Welche ist Ihre Lieblings-Psycho-Plattitüde?
Jens Bergmann, Copyright: Stefan OstermeierBergmann: Triggern kommt mir sehr häufig unter. Das Buzzword erinnert mich an den Kniesehnenreflex, also eine unwillkürliche Reaktion auf einen Reiz. Damit machen sich Leute interessant und gleichzeitig klein, denn wir Menschen müssen uns nicht triggern lassen – wir können uns bewusst zu den Gegebenheiten der Welt verhalten. Und dann wäre da noch toxisch. Wenn diese Person oder jene Situation toxisch ist, heißt das: Achtung, Gefahr, Finger weg. Beides sind Kurzdiagnosen, im Grunde Kurzschlüsse.
DocCheck: Manche Begriffe sind inzwischen aus der Mode gekommen, wie die Drapetomanie, die krankhafte Neigung von Sklaven, ihren Herren wegzulaufen. Welche heutigen Modebegriffe werden dereinst Geschichte sein?
Bergmann: Ich hoffe, dass passiv-aggressiv verschwindet. Der Begriff hat eine üble Geschichte. Er wurde von einem Psychiater der US-Army während des Zweiten Weltkriegs geprägt. Er bezeichnete damit Soldaten, die sich seiner Ansicht nach durch Inkompetenz von der Front drücken wollten. Menschen, die ihr Leben retten wollen, als psychisch krank zu bezeichnen, ist absurd. Doch der Begriff ist nach dem Krieg nicht etwa verschwunden, sondern wurde auf alle möglichen Verhältnisse übertragen, an die sich Menschen nicht anpassen wollten, beispielsweise bei der Arbeit oder in der Partnerschaft. Heute wird passiv-aggressiv im allgemeinen Sprachgebrauch unisono für bestimmte Verhaltensweisen verwendet: Kollege Meier applaudiert nicht, wenn die Chefin eine Ansprache hält, mein Ehemann macht nicht, was er soll. In Fachkreisen wird diskutiert, auf den Begriff zu verzichten. Das wäre wünschenswert, ist aber unwahrscheinlich, weil er sich so gut eignet, andere ins Unrecht zu setzen und sich selbst ins Recht.
DocCheck: Freud soll gesagt haben, das Ziel der Psychoanalyse sei die Verwandlung von hysterischem Elend in gemeines Unglück. Sehen wir heute den umgekehrten Trend?
Bergmann: Der Kunstgriff von Freud war zunächst einmal, alle Menschen zu Neurotikern zu erklären, da sie frühkindliche, sexuell aufgeladene Konflikte durchlitten hätten. Damit waren auch alle Menschen behandlungsbedürftig. Einen Schub bekam dieser Gedanke durch den in den Siebzigerjahren beginnenden Psychoboom und den entsprechenden Jargon. Seitdem schrumpft die Sphäre des Normalen. Das ist unter anderem daran zu erkennen, dass gesunde Reaktionen auf bestimmte Ereignisse wie zum Beispiel Trauer pathologisiert werden.
DocCheck: Woher kommt die Inflation der Psychobegriffe?
Bergmann: Sie hat zum einen mit der Individualisierung der Gesellschaft zu tun, in der jeder einzelne sehr auf sich schaut, und fragt, was mit ihm los ist. Der Jargon vermittelt Scheinsicherheit: Aha, deswegen ticke ich so. Diagnosen entlasten zudem. Eine der aktuell populärsten ist ADHS. Der Begriff vermittelt Eltern von unruhigen oder impulsiven Kindern die beruhigende Botschaft: Es handelt sich um eine Krankheit, für die Fachleute zuständig sind und die medikamentös behandelt werden kann. Was man generell wissen sollte: Der derzeitige Psychoboom und die entsprechenden Geschäfte beruhen nicht auf der über alle Zeitläufte hinweg erstaunlich stabilen Zahl schwer psychisch Kranker, sondern auf der Zielgruppe der leidenden Gesunden – uns allen also.
DocCheck: Ein Beispiel?
Bergmann: Eine der Diagnosen der Wahl ist die sogenannte Anpassungsstörung. Sie ist gedacht für Menschen, die eine schmerzhafte Erfahrung wie den Verlust des Arbeitsplatzes gemacht haben, aber nicht krank sind. Dennoch wird die Anpassungsstörung sehr häufig diagnostiziert und therapiert. Da treffen sich die Interessen leichter Fälle an einer Diagnose mit denen der Therapeuten an leichten Fällen. Viel sinnvoller wäre es, solchen Menschen zu sagen: Sie sind in einer schwierigen Situation, aber nicht behandlungsbedürftig. Das passiert zu selten.
DocCheck: Ein Gegenbeispiel ist die Homosexualität, die als psychiatrische Diagnose ganz gestrichen wurde.
Bergmann: Das Thema Homosexualität zeigt, wie sehr psychiatrische Diagnosen den Zeitgeist spiegeln: Die Behauptung, homosexuelle Menschen seien krank, ließ sich irgendwann nicht mehr aufrechterhalten. Diese Streichung ist allerdings eine Ausnahme. Die Zahl offizieller psychiatrischer Diagnosen hat sich seit den 50er Jahren fast vervierfacht, und die Schwellenwerte wurden in vielen Fällen gesenkt. Zum Beispiel beim Thema Trauer, wo der Wert erst jüngst nach starker Kritik wieder angehoben wurde. Es ist aber überhaupt fragwürdig, die Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen zu pathologisieren. Zumal wirklich gute Studien zeigen, dass Menschen ganz unterschiedlich und auch unterschiedlich lange trauern. Und das ist vollkommen okay.
DocCheck: Werden auch Ärzte zunehmend mit Psychosprech konfrontiert?
Bergmann: Das denke ich. Der Hausarzt sieht ein breites Spektrum von Patienten und ist der erste Ansprechpartner. Es geht dann darum, wie das einzuschätzen ist, was Patienten sagen und ob man sie überweist.
DocCheck: Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Hausarzt und jemand kommt zu Ihnen mit der festen Überzeugung, seine körperlichen Probleme gehen auf eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) zurück. Sie halten das für völlig übertrieben. Was machen Sie?
Bergmann: Die wichtigen Stichworte sind Konkretion und Kontext. Ich würde die Person auffordern, mir sehr genau zu schildern, wie es ihrer Ansicht nach zu dem Leiden gekommen ist. Begriffe wie Trauma oder PTBS würde ich dabei vermeiden, weil sie in der Alltagssprache bis zur Unkenntlichkeit abgenutzt wurden und zu Kurzschlüssen verleiten.
DocCheck: Sie nennen im Buch als weitere Möglichkeiten im Umgang mit Psychosprech ignorieren, direkt die Probleme ansprechen und Humor. Sind diese Strategien auch für die Hausarztpraxis geeignet?
Bergmann: Ich denke schon. Zuerst geht es darum, eine verständliche und anschauliche Sprache jenseits der Psycho-Labels zu verwenden, um herausfinden, was den Patienten tatsächlich passiert ist, was sie erlebt und wie sich dabei gefühlt haben. Humor ist auch ein probates Mittel gegen viele unfreiwillig komische Buzzwords. Wenn zum Beispiel jemand in die Praxis kommt und sagt, sein inneres Kind habe ihm dieses oder jenes mitgeteilt, ist es naheliegend, ein bisschen darüber zu schmunzeln. Allerdings erst dann, wenn der Knoten geplatzt ist und sich der Patient selbst mit einer gewissen Distanz sehen kann. Humor ist überhaupt eine gute Voraussetzung, um besser mit sich klarzukommen.
DocCheck: Was machen Sie, wenn die Diagnose von einem Psychotherapeuten stammt? Dann hat man als Hausarzt schlechte Karten, das zu hinterfragen, oder?
Bergmann: Richtig. Aber es ist gut, sich klarzumachen, dass psychiatrische Diagnosen häufig auf tönernen Füßen stehen oder unter Fachleuten umstritten sind. So gibt es namhafte Psychiater, die zum Beispiel der Diagnose PTBS kritisch gegenüber stehen, weil sie sehr allgemein definiert ist und Patienten an vergangene Ereignisse kettet. Daher ist eine gewisse Skepsis gegenüber psychiatrischen Diagnosen auf alle Fälle gesund und kann dazu beitragen, den Patienten auf andere Art und Weise weiterzuhelfen.
DocCheck: Was machen Sie als Hausarzt, wenn Sie den Eindruck haben, dass ein Patient massive psychische Probleme hat, das aber alles für einen Hype hält?
Bergmann: Ich möchte auf keinen Fall der Ansicht Vorschub leisten, psychische Probleme seien Quatsch, die Leute sollten sich einfach zusammenreißen. Die Sorgen und Nöte der Menschen sind real und sollten ernst genommen werden. Aber es steckt nicht hinter allem, worunter wir leiden oder worüber wir uns ärgern, eine psychische Krankheit. Und nicht jede schwierige Situation im Leben verlangt nach einem Psychotherapeuten. Oft ist es sinnvoller erst einmal im Kollegen- und Bekanntenkreis nach Lösungen zu suchen. Mit anderen zu sprechen ist überhaupt hilfreich. Zuzuhören ist die Kernkompetenz von Therapeuten, es gibt aber auch andere Menschen, die das können.
DocCheck: Wovon raten Sie Ärzten dringend ab?
Bergmann: Von Therapiesprech. Ich würde den Jargon möglichst ganz vermeiden. Und ihn bei Patienten, die ihn verwenden, grundsätzlich hinterfragen.
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