BLOG | Kein Termin beim Orthopäden? Dann eben ab in die Notaufnahme! Was das für echte Notfälle bedeutet – und warum ich trotzdem nicht einfach „Nein“ sagen kann.
Text von Schwester Inna
„Ich habe keinen Termin beim Orthopäden bekommen, deshalb bin ich hier.“Diesen Satz habe ich in der Notaufnahme schon mehr als einmal gehört.Und jedes Mal brauche ich kurz einen Moment. Nicht, weil der Patient vor mir schwierig wäre. Meistens ist er sogar freundlich und ganz überzeugt davon, dass er gerade das Richtige tut.
Der Patient richtet sich hilflos an mich: „Ich habe Schmerzen im Knie.“Okay. „Seit wann?“„Schon eine Weile.“„Ist etwas passiert? Sind Sie gestürzt? Gab es einen Unfall?“„Nein.“
Und dann kommt der Satz: „Ich wollte eigentlich zum Orthopäden. Aber ich habe keinen Termin bekommen.“ Da sitze ich dann und denke: Was mache ich jetzt damit? Denn natürlich kann ich den Patienten nicht einfach wieder nach Hause schicken. Ich muss ihn aufnehmen, seine Beschwerden erfassen und eine Ersteinschätzung machen. Danach entscheidet der Arzt über das weitere Vorgehen.
Also mache ich meine Arbeit. Und gleichzeitig sehe ich, was um mich herum passiert. Nebenan kommt vielleicht gerade ein Patient nach einem Sturz mit einer blutenden Verletzung. Ein Rettungswagen fährt vor. Ein anderer Patient hat starke Brustschmerzen. Irgendwo piept ein Monitor. Kollegen laufen von einem Patienten zum nächsten. Und ich sitze da und beschäftige mich mit einem Knie, das seit Wochen schmerzt. Das ist der Moment, in dem ich mich manchmal frage: Wie sind wir eigentlich hier gelandet?
Ich verstehe den Patienten trotzdem. Wirklich. Wer schon einmal kurzfristig einen Facharzttermin gebraucht hat, weiß, wie schwierig das sein kann. Man ruft an und bekommt keinen Termin. Oder erst in einigen Wochen. Oder die Praxis nimmt gerade keine neuen Patienten auf. Das ist frustrierend. Und irgendwann denkt man vielleicht: Dann gehe ich eben in die Notaufnahme. Dort muss mich schließlich jemand anschauen. Und genau da liegt das Problem.
Die Notaufnahme ist tatsächlich ein Ort, an dem man mit seinen Beschwerden nicht einfach vor verschlossener Tür steht. Aber das bedeutet nicht, dass sie als Ersatz für einen fehlenden Facharzttermin gedacht ist.
Ich erkläre dem Patienten also, dass es heute länger dauern kann – sehr lange sogar. Er kann entscheiden, ob er bleiben möchte. Und meistens bleibt er. Natürlich versorgen wir ihn trotzdem. Auch wenn wir wissen, dass sein Problem wahrscheinlich besser beim Orthopäden aufgehoben wäre. Denn auch ein Patient mit nicht akutem Knieproblem ist ein Patient. Und er verdient eine vernünftige Behandlung. Aber diese Versorgung kostet Zeit. Meine Zeit. Die Zeit des Arztes. Zeit für Dokumentation, Untersuchung und möglicherweise Diagnostik. Und währenddessen warten andere Patienten.
Das ist der Punkt, der mich daran beschäftigt. Ich glaube nämlich nicht, dass die meisten Menschen aus Bosheit oder Faulheit in die Notaufnahme kommen.Viele wissen es einfach nicht besser. Und genau deshalb brauchen wir meiner Meinung nach mehr Patientenschulung und mehr Gesundheitskompetenz. Wir bringen Menschen bei, wie sie Medikamente einnehmen sollen. Wir erklären ihnen Diabetes, Blutdruck oder Wundversorgung. Aber wie unser Gesundheitssystem eigentlich funktioniert, darüber wissen die meisten erstaunlich wenig.
Wann gehe ich zum Hausarzt? Wann brauche ich einen Facharzt? Wann ist die Notaufnahme richtig? Wann reicht vielleicht der ärztliche Bereitschaftsdienst?Und was mache ich, wenn ich keinen Termin bekomme? Das sind doch eigentlich ganz grundlegende Fragen.
Ich habe während meiner Ausbildung unglaublich viele Stunden über Kommunikation, Beratung und Patientenaufklärung gelernt. Damals habe ich mich manchmal gefragt: Warum ist das eigentlich so wichtig?Heute weiß ich es. Kommunikation ist ein riesiger Teil unserer Arbeit. Wir erklären, warum jemand warten muss. Wir erklären, warum ein anderer Patient gerade wichtiger ist. Wir erklären, warum nicht jede Untersuchung sofort gemacht wird. Und wir erklären immer wieder, dass die Notaufnahme nicht dafür da ist, einen fehlenden Facharzttermin zu ersetzen.
Manchmal habe ich dabei das Gefühl, dass wir in der Notaufnahme eine Aufgabe übernehmen, die eigentlich viel früher beginnen müsste. Patientenschulung sollte nicht erst stattfinden, wenn jemand schon vor unserer Anmeldung steht. Sie könnte beim Hausarzt beginnen. In Schulen könnte Gesundheitskompetenz stärker vermittelt werden. Krankenkassen könnten verständlicher erklären, welche Anlaufstellen es gibt. Auch Gesundheitskampagnen im Fernsehen oder in sozialen Medien könnten dabei helfen.
Und warum eigentlich nicht direkt am Eingang einer Notaufnahme? Ich könnte mir eine einfache Orientierungshilfe vorstellen. Kein kompliziertes medizinisches Programm. Einfach ein paar verständliche Fragen: Ist etwas akut passiert? Gibt es starke Blutungen? Atemnot? Bewusstlosigkeit? Starke Brustschmerzen? Oder besteht das Problem schon seit Wochen und braucht eigentlich eine fachärztliche Abklärung? Natürlich ersetzt so etwas keine medizinische Einschätzung. Aber vielleicht hilft es Menschen, ihre Beschwerden besser einzuordnen und die richtige Anlaufstelle zu finden.
Denn genau darum geht es bei Patientenschulung für mich: nicht darum, Patienten zu sagen, was sie falsch gemacht haben. Sondern darum, ihnen Wissen mitzugeben, damit sie beim nächsten Mal selbst besser entscheiden können. Wenn jemand keinen Orthopäden findet und deshalb in die Notaufnahme kommt, ist das schließlich auch ein Zeichen dafür, dass an anderer Stelle etwas nicht funktioniert.
Aber wir können dieses Problem nicht jedes Mal in der Notaufnahme auffangen. Denn während wir uns um den Patienten mit den Knieschmerzen kümmern, läuft die eigentliche Notaufnahme weiter. Rettungswagen kommen.Patienten warten. Kollegen arbeiten am Limit. Und irgendwo sitzt vielleicht jemand, bei dem es tatsächlich um Minuten geht.
Ich wünsche mir deshalb mehr Aufklärung und mehr Gesundheitskompetenz – nicht erst dann, wenn der Patient schon in der Notaufnahme sitzt. Nicht, um Menschen wegzuschicken. Sondern damit sie schneller dort landen, wo ihnen wirklich geholfen werden kann. Denn am Ende wollen wir doch alle dasselbe:Der Patient soll die richtige Behandlung bekommen. Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort. Und manchmal ist dieser Ort eben nicht die Notaufnahme.
Bildquelle: Diana Polekhina, Unsplash