Eine Chlamydien-Infektion gehört zu den am häufigsten sexuell übertragenen Erkrankungen – doch nicht immer gibt es Symptome. In diesen Fällen schafft die Niederlande nun das Screening ab. Kann das auch für Deutschland funktionieren?
Für Eilige gibt’s am Ende eine kurze Zusammenfassung.
In den Industriestaaten ist Chlamydia trachomatis der häufigste bakterielle Erreger von Urogenitalinfektionen. In Deutschland besteht keine Meldepflicht, außer in Sachsen-Anhalt. Man geht davon aus, dass hierzulande 6 % der Bevölkerung infiziert sind. In einzelnen Studien wurden Prävalenzraten von 10 % bei 17-jährigen Mädchen bzw. 20 % bei 20- bis 24-jährigen Frauen gefunden. Seit 2008 haben Frauen bis zum vollendeten 25. Lebensjahr einen Anspruch auf eine jährliche kostenlose Screening-Untersuchung. Darüber hinaus werden alle Schwangeren altersunabhängig im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge auf Chlamydien getestet, um Komplikationen während der Schwangerschaft und eine Übertragung auf das Neugeborene zu verhindern. Auch vor einem Schwangerschaftsabbruch wird eine Testung vorgenommen. Tückisch sind die Infektionen deshalb, weil sie häufig asymptomatisch verlaufen. Bei Frauen in bis zu 80 % und bei Männern in etwa 50 % der Fälle – gesundheitliche Konsequenzen können dennoch folgen.
Nach einer Inkubationszeit von ein bis drei Wochen manifestiert sich eine urogenitale Chlamydien-Infektion bei Frauen zunächst an der Zervikalschleimhaut, die wenig innerviert ist und deshalb bis auf einen eitrigen Fluor kaum Beschwerden zeigt. Die Infektion kann auch die Harnröhre betreffen und wird spätestens dann symptomatisch mit Unterleibsschmerzen und Brennen beim Wasserlassen.
Von der Zervix kann die Infektion auf das Endometrium, die Tuben oder auch in den Peritonealraum aszendieren und eine Infektion des kleinen Beckens (PID) auslösen. Die Folgen sind eine Salpingitis, Endometritis und Perihepatitis (Fitz-Hugh-Curtis-Syndrom). Die Salpingitis kann zu Verklebungen und narbigen Strikturen und damit zu Funktionseinschränkungen der Tuben führen. Folgen können extrauterine Schwangerschaften (EUG) und eine sekundäre Sterilität (Tubensterilität) sein. Weiterhin kann eine reaktive Arthritis auftreten. Wird die Infektion rechtzeitig erkannt und therapiert, sind Komplikationen vermeidbar.
Diagnostisch ist der Erregernachweis mittels PCR (Polymerase-Kettenreaktion) die Methode der Wahl. Für das Screening hat sich die Urinprobe aus dem ersten Morgenurin bewährt. Beim Verdacht auf eine urogenitale Infektion ist eine PCR mittels Abstrichs aus dem Zervikal- und Harnröhrenbereich oder eine serologische Diagnostik möglich. Therapeutisch werden außerhalb der Schwangerschaft Tetrazykline (Doxycyclin) und Makrolide (Erythromycin, Azithromycin) auch in der Schwangerschaft eingesetzt. Etwa vier Wochen nach Abschluss der Therapie empfiehlt sich eine Kontrolluntersuchung, besonders in der Schwangerschaft. Um Reinfektionen zu verhindern, soll eine Untersuchung und Mitbehandlung von allen Sexualpartnern der letzten 60 Tage veranlasst werden.
In einer prospektiven Kohortenstudie von 2008 bis 2022 aus den Niederlanden wurde die Relevanz von Screening-Programmen auf asymptomatische Chlamydien-Infektionen untersucht. Es wurden 5.704 Frauen im gebärfähigen Alter aus einer Chlamydien-Screening-Studie rekrutiert und bis zu 14 Jahre nachverfolgt. Ergebnisdaten wie Infektionen des kleinen Beckens (PID), Schwangerschaften einschließlich EUG und Tubensterilität wurden durch Fragebögen erhoben.
Insgesamt waren 2.103 (36,9 %) Frauen Chlamydien-positiv und 3.692 Frauen (64,7 %) mindestens einmal schwanger. Die Risiken für PID, EUG und Tubensterilität betrugen 1,62 (95 % KI 1,20–2,17), 1,84 (95 % KI 1,14–2,95) und 2,75 (95 % KI 1,53–4,94) im Vergleich zur Chlamydien-negativen Gruppe. Die adjustierte Hazard Ratio (aHR), also der Risikovergleich beider Gruppen über die Zeit hinweg, betrug für eine PID nach symptomatischen und asymptomatischen Infektionen 2,29 (95 % KI 1,62–3,25) bzw. 1,06 (95 % KI 0,66–1,69).
Zusammengefasst bestand im Ergebnis ein höheres Risiko für eine PID (1,6-fach), EUG (1,8-fach) und Tubensterilität (2,8-fach) bei Chlamydien-positiven im Vergleich zu Chlamydien-negativen Frauen, wobei die Gesamtinzidenzraten der Komplikationen niedrig blieben. Ausschlaggebend für die Krankheitslast scheinen die symptomatischen Infektionen zu sein: Frauen mit Symptomen hatten ein mehr als doppelt so hohes Risiko für eine PID und Tubensterilität als asymptomatische Frauen. Symptomatische Infektionen zeigten auch eine höhere Inzidenz an EUGs im Vergleich zu asymptomatischen.
Seit diesem Jahr werden in den Niederlanden symptomlose Frauen nicht mehr auf Chlamydien gescreent. „Es scheint mit Blick auf die Prävention späterer Komplikationen nichts zu bringen, asymptomatische Tests bei Chlamydien breitflächig durchzuführen“, so Henry de Vries, Professor an der Universität von Amsterdam. Er ist Experte für dermatologische Infektionen und verantwortet die jüngste Empfehlung zum Chlamydien-Screening mit. Zugrunde legt er unter anderem Studienergebnisse, die die Krankheitslast und deren Folgen bei asymptomatischen Chlamydien-positiven Frauen als nicht signifikant ansehen. Er zieht den Vergleich zwischen Chlamydien- und HPV-Infektionen: Ein gesundes Immunsystem komme mit diesen Infektionen zurecht und scheide die Verursacher meist wieder aus. Man fürchte, so de Vries, eher die Antibiotikaresistenzen als die Auswirkungen asymptomatischer Infektionen. Ein positiver Chlamydien-Test habe oft auch negative Auswirkungen auf die Beziehung. Bislang seien die PID-Fälle ohne Screening nicht gestiegen – doch erst nach zwei Jahren ließen sich die Ergebnisse vergleichen.
Ähnlich wie das Hautkrebs-Screening könnte das Screening auf Chlamydien demnächst auf der Liste der Einsparungen im Gesundheitssystem stehen. Derzeit prüft das Projekt FemScreen-CT an der Uniklinik Bonn unter Leitung von Prof. Nadine Scholten das weitere Procedere. Bis Ende 2027 sollen Befragungen von Patientinnen und Frauenärzten sowie Abrechnungsdaten der KV herausfinden, wie das Screening besser gefördert werden könnte. Laut aktueller Daten wird es bisher nämlich nicht ausreichend genutzt.
Aus Sicht der Projektleiterin reicht die aktuelle Studienlage nicht aus, um das Screening auch hierzulande zu beenden. Es gäbe noch zu viele Forschungslücken über den Krankheitsverlauf, Reinfektionen und deren Folgen. Experten sehen außerdem das Problem in der Zuordnung von unklaren Unterbauchbeschwerden, einerseits durch die Betroffenen selbst, andererseits auch in der medizinischen Versorgung. Nicht jeder denke bei unklaren Beschwerden an Chlamydien. „Vielleicht sind wir in zehn Jahren so weit, dass wir sagen: ‚Jetzt haben wir so viel Wissen und Erfahrung – wir müssen das Screening nicht mehr machen.‘ Aber aktuell weiß man es noch nicht genau. Unter Umständen ist es doch der falsche Weg, und wir haben asymptomatische Frauen, bei denen man Jahre später merkt, man hätte Infertilität verhindern können“, meint Scholten.
Auf jeden Fall animiert die Diskussion um das Chlamydien-Screening, bei unklaren Beschwerden an diese häufige Infektion zu denken, um gravierende Folgen zu verhindern. Bis die Studienlage eindeutiger ist, sollte am bisherigen Vorgehen festgehalten werden. Die meisten Mediziner haben sich damit abgefunden: There is no glory in prevention.
Das Wichtigste auf einen Blick
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