BLOG | Eine Patientin am Limit, ein Rettungswagen ohne Backup und ein System, das im entscheidenden Moment niemanden schickt. Bei diesem Einsatz liegt die Verantwortung allein auf meinen Schultern.
Der Herbstnachmittag hing wie ein alter, grauer Lappen über der Stadt. Der Melder schwieg stundenlang, mein Körper schaltete in den Standby-Modus, der Kopf dämmerte irgendwo zwischen Kaffeepause und Dienstende. Ein fataler Zustand, denn im Rettungsdienst tötet dich nicht der Stress, sondern der plötzliche Wechsel von Null auf Hundert, der dich aus der Kurve wirft. Dann der Alarm: „Atembeschwerden“ – eine Gummimeldung, die von der alten Dame, die ihr Fenster nicht aufbekommt, bis hin zur vitalen Bedrohungslage alles sein kann. Ich schob die Kaffeetasse beiseite und ahnte nicht, dass dieser Einsatz mir keine körperliche, sondern eine moralische Höchstleistung abverlangen würde. Eine Entscheidung, die mich noch eine Weile verfolgen sollte.
Als wir die Wohnung betraten, riss die Realität mir die Maske vom Gesicht. Der Geruch von Angst ist metallisch und scharf, er legt sich auf die Zunge. Der Ehemann stand in der Ecke, ein Statist in der Tragödie seiner Frau. Er funktionierte, gab präzise Antworten, während sein Blick an ihr klebte wie ein Ertrinkender an einer Boje. Sie lag im Bett, fahl, die Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Der Brustkorb hob und senkte sich viel zu schnell, aber die Luft reichte trotzdem nicht. Ich sprach sie an. Ihre Augen flackerten, fixierten mich kurz, glitten dann wieder ab. Das hier waren keine Atembeschwerden. Das war der Endkampf.
Ihre Haut hatte die Farbe von Papier, das zu lange im Winterlicht gelegen hatte. Die Atmung ging viel zu schnell. Sie sah mich an, ohne mich zu sehen. Marlene klebte die Elektroden. Unser Corpuls C3 erwachte zum Leben und schrie uns sofort an. 190 Schläge pro Minute. Keine geordnete Vorhofaktion, nur elektrisches Chaos, das ungebremst auf die Kammern einschlug. Bei dieser Frequenz und dem Alter füllen sich die Kammern nicht ausreichend – und wo keine Füllung, da kein Auswurf. Instabil, kritisch und dazu ein kardiologisch-internistischer Albtraum. Der Blutdruck von 110 systolisch war in meinen Augen ein physiologisches Wunder. Meine Kollegin Marlene maß zur Sicherheit händisch nach.
In der Theorie – diesem wunderbaren Ort, an dem Dozenten leben – gibt es hier nur eine Lösung: Strom in Form einer Kardioversion. Synchronisierter Schock, den Reset-Knopf des Herzens drücken und den Sinusrhythmus erzwingen. Aber die Realität hält sich nicht an Lehrbücher. Die Dame war deutlich über 80. Ich starrte auf den Monitor, dann auf die Patientin. Ich wusste nicht, wie lange dieses Vorhofflimmern bereits andauerte. Wenn ich sie jetzt schocke, spiele ich Russisch Roulette mit ihrem Gehirn. Warum? Weil im linken Vorhof, genauer im Vorhofohr, bei diesem Vorhofflimmern das Blut nicht fließt. Es steht und gerinnt. Es bilden sich Thromben. Ein Schock würde den Vorhof wieder zum Kontrahieren bringen. Eine wunderbare Pumpleistung, die diesen Thrombus wie ein Geschoss direkt in den Kreislauf feuert. Zielt das Geschoss ins Bein, ist das schlecht. Zielt es in den Kopf, haben wir zum Beispiel einen Verschluss der Arteria basilaris, die unter anderem auch den Hirnstamm und ein paar andere sinnvolle Komponenten da oben drin versorgt. Wenn die dicht macht, fliegt nicht nur eine Sicherung raus, sondern es wird der Hauptschalter für das gesamte System umgelegt. Atmung, Bewusstsein, Kreislauf – alles weg. Um das auszuschließen, bräuchte man eine transösophageale Echokardiographie –also Schluckecho, auch als TEE abgekürzt. Man schiebt eine Ultraschallsonde die Speiseröhre runter, quasi von hinten ans Herz ran, um in dieses verflixte Vorhofohr zu schauen. Aber hatte ich so ein TEE-Ding am RTW? Nein. Ahnung davon? Sicher nein. Hatte ich Lust, der armen Frau den Hirnstamm zu zermörsern? Definitiv nein.
Also Plan B: Frequenzkontrolle. Betablocker. Marlene zog eine Ampulle Metoprolol auf. Ich schwankte innerlich. Wenn dieses Herz, das da mit 190 Schlägen vor sich hinstolpert und bereits dekompensiert ist, bereits am absoluten Limit arbeitet, um überhaupt noch Blut zu bewegen, nehme ich ihm mit dem Betablocker den letzten Antrieb: Ich nehme einem Motor das Gas weg, während er einen Berg bezwingt. Ergebnis: Der Patient könnte stehen bleiben. Willkommen im Rettungsdienst.
Marlene sah mich an. Ihre Pupillen waren geweitet. „Notarzt?“ – „Ja – klar“, nickte ich und fragte mich, wie sie angesichts des Zustandes der Frau auf die Frage kommt. Marlene griff zum Telefon. Ich hörte ihre Stimme, erst fest, dann ungläubig, dann wütend. Der Disponent am anderen Ende spielte Tetris mit den Ressourcen. „Er sagt, der nächste Notarzt ist 40 Minuten weg“, zischte Marlene, nachdem sie aufgelegt hatte. „Er meinte, er könnte jemanden aus dem Nachbarlandkreis schicken, aber das dauert.“ „Wir sind mitten in der Stadt!“, blaffte ich zurück. „Ich weiß! Er sagt, alle sind gebunden.“
Ich spürte, wie Wut in mir hochkochte. Heiße, ätzende Wut, denn das System frisst sich selbst. Irgendwo da draußen fuhr gerade ein hochqualifizierter Notarzt mit Sondersignal zu irgendeinem Low-Code-Fall – zum Beispiel einer Analgesie oder zu einem hohen Blutdruck, der wenn überhaupt einen Schluck Urapidil und eine Fahrt in die Notaufnahme brauchte. Warum? Weil wir in einem System der Angst leben. Weil Notfallsanitäter sich nicht trauen, Maßnahmen zu ergreifen, obwohl sie top ausgebildet sind und das juristische Fundament besteht. Es ist das „Tribunal der Unverschämten“, diese elende Angstkultur vor dem Ärztlichen Leiter Rettungsdienst (ÄLRD), die uns lähmt. Wir haben Gesetze, wir haben die Ausbildung, wir haben den Pyramidenprozess. Wir dürfen und müssen analgesieren. Aber die Angst, morgen zum Rapport bestellt zu werden, weil man eigenmächtig gehandelt hat, führt dazu, dass Kollegen noch immer für alles außerhalb der Delegation nachfordern. Und deshalb stand ich jetzt hier, allein, mit einer sterbenden Frau und der Wahl zwischen zwei Katastrophen.
Ich sah den Ehemann an. Er vertraute mir. Er dachte, der Mann in der Uniform weiß, was er tut. Wenn der wüsste. „Wir können nicht warten“, sagte ich zu Marlene. „Wenn wir warten, bleibt sie stehen.“ Ich untersuchte sie noch einmal. Keine gestauten Halsvenen. Keine Beinödeme. Die Lunge klang frei, auch wenn die Sättigung schlecht war. Keine klassischen Zeichen für ein Herzversagen. Das war mein dünner, brüchiger Strohhalm. „Metoprolol. Fraktioniert.“ Insgeheim dachte ich: Wenn das schiefgeht, bin ich am Ende. Und die Patientin ebenfalls. Diese Sätze schrieben sich in meinem Kopf wie von selbst.
Ich spritzte 2 Milligramm. Langsam. Wir starrten auf den Monitor. Die Sekunden dehnten sich. 190. 188. 191. Nichts. Die Patientin stöhnte kaum hörbar. „Noch mal drei“, sagte ich irgendwann. Wieder drückte ich den Kolben runter. Der Monitor blinkte. 180 … 170 … 160 … 150. „Frequenz geht runter“, meldete Marlene. 150 Schläge. Immer noch zu schnell, aber kein konkretes Todesurteil mehr. Der Blutdruck blieb stabil bei 110 systolisch. Ich atmete aus. Aber die Patientin klarte nicht auf. Sie blieb dämmrig, blass und schien weit weg.
„Okay – einladen, und ab die Luzie“, entschied ich und fragte mich in diesem Moment eine Hundertstelsekunde, woher dieser Spruch kommt. Wir luden sie ein und machten uns auf den Weg.
Die Fahrt war ein Rausch aus Blaulicht und Adrenalin. Ich klebte an ihren Vitalwerten, bereit, bei der kleinsten Veränderung zu reagieren. In der Notaufnahme übergaben wir an einen jungen, dynamischen Internisten. Er hörte zu, nickte und setzte sofort den Schallkopf auf die Brust der Dame. Sein Gesicht verfinsterte sich. Er drehte den Bildschirm zu mir. „Schau mal her“, zeigte er mir ein Herz, das sich kaum bewegte, „die hat fast keinen Auswurf mehr. Die ist im massiven Herzversagen.“ Mir lief es eiskalt den Rücken runter. „Das war absolut nicht ersichtlich …“, sagte ich. „Dass sie nicht ansprechbar ist, ist kein Wunder – kommt ja nichts an im Kopf. Und dass ihr Herz auf die Betablocker nicht stehengeblieben ist, ist ein Wunder.“ Er sah mich an, nicht vorwurfsvoll, eher anerkennend. „Du hattest keine Wahl. Ohne die Frequenzsenkung wäre sie jetzt möglicherweise tot. Mit Kardioversion wäre sie es vielleicht. Ich versuche jetzt mal Amiodaron.“ Er nickte der Schwester zu, die zur Ampulle griff.
Ich trat aus dem Schockraum und zog die Handschuhe aus, meine Hände waren schweißnass. Draußen im Flur sah ich einen Notarzt in voller Montur am Kaffeeautomaten stehen. Er lachte mit einer Schwester. „Wie läufts?“, fragte er mich im Vorbeigehen. „Geht so“, murmelte ich. „Wir waren gerade bei einer Analgesie“, erzählte er ungefragt und rollte mit den Augen. „Dislozierter Unterarm, Dipidolor wirkungslos, aber die Besatzung wollte nicht mehr geben ohne Doc. Ich check′s nicht.“ Er lachte und nahm seinen Becher. Ich sah ihm nach, spürte das Gewicht der letzten Stunde in meinen Knochen, die Angst, die Entscheidung, das Risiko. Und ich spürte die Wut. Während ich hier drin fast eine Frau umgebracht hätte, weil ich allein entscheiden musste, hat er draußen Händchen gehalten. Ein Systemfehler? Nein. Eine Bankrotterklärung bayerischer ÄLRD an alle Notfallsanitäter.
Ich ging zum RTW zurück. Der Herbstnachmittag war draußen schon längst der Dunkelheit gewichen. Marlene wischte die Trage ab. „Alles gut?“, fragte sie. „Sie lebt“, sagte ich. Ich setzte mich und starrte auf meine Hände. Es war nicht die Medizin, die mich fertig machte, sondern das Gefühl, in wesentlichen und kritischen Momenten allein zu sein, die Entscheidung im Ungefähren treffen zu müssen, wissend, dass man im Zweifel der Dumme ist. Das System hatte versagt.
Ich saß im RTW und lehnte mich zurück. Diese Stunde hatte mir gezeigt, was ich längst wusste: Nicht die Notfallmedizin ist das Risiko. Wir sollen Entscheidungen treffen, die ein System nicht mitträgt, und gleichzeitig dafür geradestehen, wenn was schiefgeht. Der Preis dafür ist das stetige Gefühl, allein gegen ein Konstrukt anzurennen, das längst selbst reanimationspflichtig ist. Während die Trage auf dem Tragetisch einrastete und Marlene die Türen schloss, wusste ich: Das war nicht der letzte Moment, in dem Glück der entscheidende Faktor war. Aber Glück ist kein Konzept – und darf erst recht keine Strategie im Rettungsdienst sein.
Bildquelle: Jack Hamilton, Unsplash