Cannabisblüten sind von heute auf morgen nicht mehr verordnungsfähig. Für Patienten kann das Absetzen zur Herausforderung werden – denn nicht jedes Arzneimittel verzeiht ein abruptes Ende.
Für Eilige gibt’s am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Ein Patient nimmt mit gutem Therapieerfolg sein gewohntes Arzneimittel und soll es von heute auf morgen nicht mehr bekommen. Genau dieses Szenario ist seit Kurzem bei Cannabisblüten die Realität. Seit dem 30. Juli 2026 sind sie nicht mehr zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnungsfähig. Betroffene müssen auf andere Cannabisarzneimittel umgestellt werden. Dabei können Wirkstoffe langsamer oder in geringerer Menge verfügbar werden, als der Körper gewohnt ist. Entzugssymptome wie Reizbarkeit, Unruhe, depressive Verstimmung oder verstärktes Schwitzen können die Folge sein, wenn sich im Körper die Verfügbarkeit des Cannabis-Wirkstoffes THC ändert.
Das Beispiel zeigt ein grundsätzliches Problem der Pharmakotherapie: Ein Arzneimittel lässt sich nicht immer folgenlos absetzen, da sich Rezeptoren, Neurotransmittersysteme und Hormonachsen an eine längerfristige Wirkstoffzufuhr anpassen. Fällt sie weg, kann das klinisch als Absetzsyndrom, Rebound oder Entzugssymptomatik sichtbar werden. Welche Beschwerden auftreten und wie lange sie anhalten, hängt von Wirkstoff, Therapiedauer, Dosis und der individuellen Anpassung des Organismus ab. Bei Antidepressiva hat sich die Fachwelt für die Absetz-Symptomatik ein Akronym einfallen lassen, das fast schon ironisch klingt: FINISH. Es steht für:
Flu-like – grippeähnliche Beschwerden
Insomnia – Schlafstörungen
Nausea – Übelkeit
Imbalance – Schwindel, Gleichgewichtsstörungen
Sensory disturbances – stromschlagartige Sensibilitätsstörungen
Hyperarousal – Reizbarkeit
Die Symptome entwickeln sich meist 1 bis 3 Tage nach der letzten Dosis und bestehen 1 bis 3 Wochen. Der Mechanismus dahinter ist plausibel. SSRIs blockieren den Serotonin-Transporter und erhöhen so den synaptischen Serotoninspiegel. Das Gehirn reagiert auf diesen Dauerbeschuss, indem es langfristig die 5-HT-Rezeptoren herunterreguliert. Fällt der Serotoninspiegel nun abrupt ab, treffen die herunterregulierten Rezeptoren auf einen plötzlichen Mangel an Transmitter.
Es kursieren unterschiedliche Angaben, wie häufig und wie schwer die Absetz-Beschwerden sind. In der Aufarbeitung von Henssler und Kollegen berichteten 31 % der Verum-Gruppe, aber auch 17 % der Placebo-Gruppe davon. Schwere Symptome betrafen knapp 3 %, am häufigsten bei Desvenlafaxin, Venlafaxin, Imipramin und Paroxetin. Grundsätzlich führen kurz wirkende Substanzen häufiger zu schweren Symptomen als Substanzen mit langer Halbwertszeit wie Fluoxetin. Wie also aussteigen? Empfohlen wird ein hyperbolisches statt lineares Tapering nach dem Motto „go slow when you get low“: große Reduktionsschritte am Anfang, immer kleinere gegen Ende. Das klingt zwar zunächst kontraintuitiv, ergibt aber Sinn, weil die Rezeptorbindung nicht linear, sondern hyperbolisch mit der Dosis zusammenhängt und die letzten Milligramm proportional die größte Wirkung haben. Bei Substanzen mit kurzer Halbwertszeit kann es zudem sinnvoll sein, vor dem eigentlichen Ausschleichen erst auf ein länger wirksames Präparat wie Fluoxetin umzustellen.
Bei längerer Einnahme von Benzodiazepinen reicht die Palette der Absetzsymptome von unangenehm bis potenziell lebensbedrohlich: Angst, innere Unruhe, Schlaflosigkeit, Tremor und Muskelkrämpfe sind zu erwarten und in schweren Fällen drohen Krampfanfälle oder sogar Halluzinationen. Benzodiazepine verstärken die Aktivität des GABA-A-Rezeptors – GABA ist der wichtigste hemmende Botenstoff im Gehirn. Bei dauerhafter Verstärkung von außen fährt das Gehirn seine eigene GABA-Produktion herunter und baut gleichzeitig mehr erregende NMDA-Rezeptoren ein, um die Balance zu halten. Wird die Substanz abrupt abgesetzt, kippt das fein austarierte System schlagartig in Richtung Übererregbarkeit. Die auftretenden Symptome sind so unangenehm, dass viele Patienten zur Tabletteneinnahme zurückkehren. Wahrscheinlich kennt jeder in der Apotheke Betroffene, die immer wieder mit Benzo-Verschreibungen zurückkehren.
Ein nachhaltiges Absetzen erfordert Zeit, viel Geduld und Betreuung. Eine Leitlinie zum Benzodiazepin-Tapering hat 2025 die American Society of Addiction Medicine gemeinsam mit 9 weiteren Fachgesellschaften veröffentlicht. Die Basis besteht aus gemeinsamer Entscheidungsfindung mit den Patienten, schrittweiser Dosisreduktion, psychosozialer Unterstützung und engmaschigem Monitoring. Bei hoher Vordosis und langjähriger Einnahme kann ein vollständiges Ausschleichen Monate bis Jahre dauern.
Wer Bisoprolol, Metoprolol oder Propranolol von einem Tag auf den anderen absetzt, riskiert Rebound-Tachykardie, einen Anstieg des Blutdrucks, Angina pectoris und in ungünstigen Fällen sogar einen Myokardinfarkt. Das höchste Risiko liegt im ersten Monat nach dem Absetzen. Unter chronischer Betablockade werden kardiale β-Adrenozeptoren hochreguliert. Es entstehen also zusätzliche Andockstellen für Adrenalin, weil die vorhandenen blockiert sind. Fällt der Blocker plötzlich weg, trifft körpereigenes Adrenalin auf deutlich mehr aktive Rezeptoren als vor Therapiebeginn. Eine überschießende sympathische Antwort ist die Folge. Bereits die Arbeit von Psaty und Kollegen zeigte 1990 in JAMA ein 4-fach erhöhtes Risiko koronarer Ereignisse nach abruptem Betablocker-Stopp. Der Befund prägt bis heute die Empfehlung, bei koronarer Herzkrankheit über Wochen auszuschleichen, etwa mit einer Dosisreduktion um 10–25 % alle 1 bis 2 Wochen, begleitet von Blutdruck- und EKG-Kontrollen.
Wer Cortison über längere Zeit eingenommen hat und es dann absetzt, kann in eine Art hormonelles Loch fallen. Das Beschwerdebild bei der akuten Nebenniereninsuffizienz ist unspezifisch: Müdigkeit, Muskelschwäche, niedriger Blutdruck, Übelkeit. Für das Vorgehen beim Absetzen der Medikamente ist die Dauer der vorherigen Therapie gemäß einer gemeinsamen Leitlinie der European Society of Endocrinology und der Endocrine Society entscheidend:
Unter 3 bis 4 Wochen Therapiedauer ist ein Tapering unabhängig von der Dosis nicht erforderlich, hier darf meist einfach aufgehört werden. Bei längerer Anwendung gilt, dass im supraphysiologischen Dosisbereich zunächst zügiger reduziert werden kann. Erst wenn man sich dem physiologischen Bereich nähert – etwa einem Prednisolon-Äquivalent von 4–6 mg –, wird deutlich langsamer reduziert. Bei ausgeprägten Beschwerden kann die zuletzt gut vertragene Dosis vorübergehend wiederhergestellt und die Taper-Dauer verlängert werden.
„Mir geht es jetzt schlechter als vor der Therapie“, klagen manche Patienten in der Apotheke, wenn sie ihren Protonenpumpenhemmer (PPI) abgesetzt haben. Das Gefühl ist oft korrekt und wird als Rebound-Säurehypersekretion bezeichnet. Das ausgeprägte Sodbrennen beginnt typischerweise wenige Tage bis eine Woche nach dem Absetzen und kann sich über mehrere Wochen hinziehen. Die Säuresuppression führt kompensatorisch zu einer Hypergastrinämie. Gastrin schießt in die Höhe, weil der Magen merkt, dass zu wenig Säure da ist. Das erhöhte Gastrin stimuliert das Wachstum der säureproduzierenden Belegzellen und der histaminfreisetzenden ECL-Zellen. Fällt der PPI dann weg, produzieren die vergrößerten Zellpopulationen vorübergehend mehr Säure als vor der Therapie (hier). Patienten sollten daher vor dem Beenden einer PPI-Therapie über die mögliche Rebound-Hypersekretion aufgeklärt werden, schon allein, damit sie das wiederkehrende Sodbrennen nicht fälschlicherweise so deuten, dass der PPI doch weiter nötig ist. Um PPIs abzusetzen, empfiehlt sich ein stufenweises Vorgehen. Zum Beispiel kann die Einnahme erst mal auf jeden zweiten Tag heruntergefahren werden.
Wenn ein Medikament aus dem Körper verschwindet, können also unterschiedliche Vorgänge zu Beschwerden führen. Beim Entzug/Absetzsyndrom entstehen durch die körperliche Anpassung an die vorherige Dauereinnahme neue, eigenständige Symptome. Das FINISH-Akronym bei Antidepressiva ist ein Beispiel. Beim Rebound schießt eine zuvor unterdrückte physiologische Funktion nach Wegfall des Medikaments vorübergehend über das ursprüngliche Ausgangsniveau hinaus. Das Phänomen zeigt sich unter anderem bei PPIs. Beim Rezidiv kehrt hingegen das zurück, wofür das Medikament ursprünglich eingesetzt wurde. Setzt jemand sein Antidepressivum ab und die Depression flammt nach einigen Wochen wieder auf, ist das kein Absetzsymptom, sondern ein Rezidiv der ursprünglichen Erkrankung.
Je nach Situation sind andere Maßnahmen erforderlich: Ein echtes Entzugssyndrom rechtfertigt Abwarten und ein langsameres Tapering. Ein Rebound erfordert oft eine Übergangsstrategie, etwa Antazida oder Alginate als Brücke nach dem PPI. Ein Rezidiv braucht dagegen möglicherweise die Rückkehr zur Behandlung. Der Körper braucht also Zeit, manchmal Tage, manchmal Wochen, um sich an die neue, alte Normalität nach Absetzen einer Medikation zu gewöhnen.
Das Wichtigste auf einen Blick
Bildquelle: Jack Krzysik, Unsplash