Faszination trifft Unbehagen: Ein Roboter darf künftig selbstständig zur Nadel greifen und Blut abnehmen. Die FDA gibt grünes Licht – besteht aber weiterhin auf eine Fachkraft im Raum. Löst das den Fachkräftemangel?
Es klingt wie ein Science-Fiction-Roman von Isaac Asimov, wird beworben als Zukunft der Medizin – und wirft dennoch Fragen auf: ein Roboter zur Blutabnahme. Wie wahrscheinlich ein solches Service-Szenario in Kliniken wird, zeigt nun eine Zulassung der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA.
Seit dem 19. August 2026 ist die venöse Blutabnahme durch den autonomen Roboter Aletta® erlaubt. Die Maschine ist damit die erste ihrer Art, ein sogenanntes „Autonomous Robotic Phlebotomy Device™“.
Der Roboter sucht dabei vollkommen selbstständig nach einer geeigneten Vene, desinfiziert, entnimmt Blut und verarztet die Einstichstelle am Ende sogar mit einem Pflaster. Die erfolgreiche Suche und Unterscheidung zwischen Vene und Arterie gelingt per Nahinfrarot-Bildgebung, Ultraschall/Doppler-Ultraschall und KI. Bewegt sich der Patient zu viel, bricht das System den Eingriff automatisch ab. Ganz allein gelassen wird er dabei jedoch nicht: Eine ausgebildete Fachkraft startet jede Sitzung neu und bleibt in Rufweite.
Laut FDA ist das System bei der Blutabnahme ähnlich erfolgreich wie trainierte Fachkräfte. Und auch bei Patienten mit schwierigem Venenzugang soll die Erfolgsquote laut Bericht hoch liegen (rund 94,5 %).
Doch wozu die ganze Automatisierung? Fakt ist: Den USA ergeht es mit dem Fachkräftemangel nicht anders als Deutschland. So fehlt die nötige Menge an ausgebildeten Phlebotomisten, die eine der häufigsten Tätigkeiten in US-amerikanischen Kliniken übernehmen. Das erklärt auch Dr. Michelle Tarver, Direktorin des FDA-Zentrums für Medizinprodukte und Strahlenschutz. Blutentnahmen zählen laut ihr „zu den häufigsten medizinischen Eingriffen in den Vereinigten Staaten“. Doch aufgrund des zunehmenden Mangels an qualifizierten Phlebotomisten könne es zu Verzögerungen für Patienten kommen.
Mit dem blutsaugenden Roboter erhofft man sich nun eine Arbeitsverschlankung. Eine Fachkraft soll dabei gleichzeitig bis zu drei robotergesteuerte Blutabnahmen beaufsichtigen. Profitieren würde damit vor allen Dingen die ambulante Versorgung, für die der Roboter erstmals zugelassen wurde.
Wer jetzt „was kümmern mich die USA?“ denkt, dem sei gesagt: Ganz so entfernt vom europäischen Markt ist das Robo-Produkt nicht. Das Gerät ist bereits seit 2024 CE-zertifiziert und in klinischer sowie präkommerzieller Nutzung in Europa. DocCheck berichtete Anfang letzten Jahres (hier). Beim Hersteller selbst handelt es sich um die niederländische Firma namens Vitestro. Der europäische Markt soll dabei noch vor den USA bezwungen werden: „Aletta wird zunächst in Europa kommerziell eingeführt, danach folgen die USA.“
Die Erfolgsmeldung der FDA ist in den USA nicht ganz unumstritten. Dennis J. Ernst, Gründer des Center for Phlebotomy Education, weist etwa darauf hin, dass die Blutröhrchen bereits vor der Befüllung beschriftet werden – ein Vorgehen, das den CLSI-Richtlinien zur korrekten Probenkennzeichnung widerspricht. Was auf den ersten Blick kleinkariert erscheint, gilt im klinischen Alltag als nicht zu unterschätzende Fehlerquelle. Die amerikanischen CLSI-Richtlinien (Clinical and Laboratory Standards Institute, das international führende Standardgremium für Laborprozesse) schreiben vor, dass Probenröhrchen erst nach der Blutentnahme beschriftet werden sollen – und zwar direkt am Patienten, während dieser noch anwesend ist. Der Grund ist simpel: Nur so lässt sich mit größtmöglicher Sicherheit ausschließen, dass eine Probe versehentlich der falschen Person zugeordnet wird.
In Deutschland stellt sich die Lage anders dar: Eine so eindeutige Zeitpunktvorgabe wie bei CLSI ist der Rili-BÄK der Bundesärztekammer soweit ersichtlich nicht zu entnehmen. Hier wird in erster Linie eine zweifelsfreie, lückenlose Zuordnung von Probe und Patient über den gesamten Prozess gefordert. Wie genau das zeitlich umgesetzt wird, bleibt offen.
Diskussionswürdig bleibt darüber hinaus, ob damit dem Fachkräftemangel tatsächlich geholfen ist. Eine einzige Fachkraft soll bis zu drei Geräte gleichzeitig überwachen – das klingt in der Theorie nach Effizienzgewinn. In der hektischen Klinikroutine könnte das aber schnell an Grenzen stoßen, etwa wenn bei mehreren Patienten gleichzeitig Komplikationen auftreten.
Und grundsätzlich stellt sich die Frage nach der Akzeptanz: Bringen Patienten einer Maschine bei einem invasiven Eingriff wie einer Venenpunktion ähnliches Vertrauen entgegen wie einem Menschen? Bislang ist das kaum untersucht – zumal öffentlich dokumentierte, unabhängige Praxiserfahrungen aus dem klinischen Regelbetrieb noch weitgehend fehlen.
Es braucht daher unabhängige Feldtests, bevor der Roboter vorschnell als gleichwertige oder gar bessere Alternative zur menschlichen Fachkraft gefeiert wird.
Bildquelle: KI-generiert mit Nano Banan 2