Zehn Jahre Nierenkrebs, ständige Rückfälle und fast überall Metastasen. Der Fall scheint ausweglos – bis eine Infusion den Tumor verschwinden lässt. Was steckt hinter dem ungewöhnlichen Behandlungserfolg?
Ein Junge erkrankt im Alter von sieben Jahren an einem Nephroblastom (Wilms-Tumor) – und kämpft über zehn Jahre hinweg gegen immer neue Rückfälle. Als sich die Erkrankung zuletzt dramatisch verschärft, mit großen Tumorherden im Bauchraum, Metastasen in Lunge, Leber und Becken sowie einer Hirnmetastase, scheinen die Therapieoptionen erschöpft. Ärzte und Forscher des Hopp-Kindertumorzentrums Heidelberg (KiTZ) entscheiden sich für einen ungewöhnlichen Weg.
Molekulare Analysen im Rahmen des INFORM-Tumorsequenzierungsprogramms identifizieren bei dem Patienten das Tumorantigen PRAME – ein Protein, das in vielen Tumorzellen, kaum aber in gesundem Gewebe vorkommt und sich deshalb als Angriffsziel für speziell konstruierte Immunzellen eignet.
„PRAME ist als Zielstruktur für Immuntherapien bei Krebserkrankungen von Erwachsenen, beispielsweise dem schwarzen Hautkrebs, gut beschrieben“, erklärt Dr. Christian Seitz, ärztlicher Leiter der Stammzelltransplantation, Zell- und Gentherapie am KiTZ. Die Entscheidung, trotz weit fortgeschrittener Erkrankung den Therapieversuch anzubieten, beruhe laut Seitz insbesondere auf den vielversprechenden klinischen Daten des Kooperationspartners Immatics, einem Biotechnologieunternehmen aus Tübingen: „Im Rahmen klinischer Studien bei Erwachsenen konnten bereits beeindruckende Therapieerfolge mit PRAME-spezifischen T-Zellen erzielt werden.“
Ablauf: Die patienteneigenen T-Zellen wurden im Labor des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg gentechnisch so verändert, dass sie PRAME erkennen können; den dafür nötigen Vektor stellte der Tübinger Kooperationspartner bereit. Nach siebentägiger Herstellung erhielt der Patient die modifizierten Zellen im Juli 2025 per Infusion.
Schon am neunten Tag nach der Infusion zeigte eine Tumorbiopsie eine massive Infiltration der Immunzellen und ausgedehntes Tumorzellsterben. In den folgenden Wochen und Monaten bildete sich der Tumor an allen betroffenen Organen kontinuierlich zurück. Drei Monate nach der Therapie ließen sich in der Biopsie keine lebenden Tumorzellen mehr nachweisen.
Fast ein Jahr nach der Infusion war von der einstmals lebensbedrohlichen Erkrankung nichts mehr zu sehen. „[…] fast ein Jahr nach der Infusion der T-Zellen ist unser Patient in einer ausgezeichneten Verfassung. Er trainiert regelmäßig, nimmt an Radrennen teil, konnte erfolgreich seine Ausbildung abschließen und plant nun, sein Abitur nachzuholen“, berichtet Seitz.
Auf Basis des im New England Journal of Medicine veröffentlichten Falls und der Daten von mehr als 2.500 Patienten aus der hauseigenen INFORM-Studie bereiten die Heidelberger Forscher nun die klinische Studie PRAMEtime vor. Ab 2027 soll sie bis zu 18 Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 17 Jahren mit PRAME-positiven soliden Tumoren offenstehen. Die benötigten gentechnisch veränderten Immunzellen werden wieder in Tübingen produziert. Die Ergebnisse der Studie könnten den Weg für eine neue Therapie ebnen. „Tumordaten von mehr als 2.500 Patientinnen und Patienten aus unserer INFORM-Studie zeigen, dass dieses Eiweiß in vielen Hochrisiko-Tumoren bei Kindern und Jugendlichen vorkommt und somit ein vielversprechendes Angriffsziel für neue Therapien darstellt“, erklärt Prof. Olaf Witt, Co-Leiter der Studie und Direktor des KiTZ.
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