Starke, meist einseitige Kopfschmerzen, begleitet von Übelkeit sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit: Für viele Betroffene ist Migräne weit mehr als eine vorübergehende Schmerzepisode. Dabei beginnt eine Migräneattacke nicht erst mit den Kopfschmerzen. Erste Veränderungen im Gehirn können bereits Stunden oder sogar Tage zuvor auftreten. Mit einer Prävalenz von 15 bis 18 % zählt Migräne zu den häufigsten Erkrankungen weltweit1 und gehört gleichzeitig zu den führenden Ursachen für persönliche, berufliche und soziale Einschränkungen im Alltag.2 Unser Verständnis ihrer Entstehung hat sich dabei grundlegend gewandelt: Anstelle einer reinen Gefäßerkrankung wird Migräne heute als komplexes Zusammenspiel neuronaler, vaskulärer und entzündlicher Prozesse betrachtet.1
Mehr zu den verschiedenen Kopfschmerzarten finden Sie in unserem Beitrag Die vielen Gesichter des Kopfschmerzes – und was dahintersteckt.
Eine Migräneattacke kann scheinbar aus dem Nichts entstehen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um einen dynamischen Prozess, der sich über mehrere Phasen erstreckt. Die eigentlichen Kopfschmerzen sind dabei nur der sichtbarste Teil einer komplexen neurologischen Kaskade. Allgemein kann Migräne in vier Phasen eingeteilt werden: Vorphase (Prodromalphase), Auraphase, Kopfschmerzphase (Attacke) und Erholungsphase (Postdromalphase).1 Diese Phasen sind jedoch nicht bei allen Betroffenen gleichermaßen ausgeprägt: Bei etwa einem Viertel der Betroffenen treten eine Aura oder lokalisierte sensorische Symptome auf.3
Abbildung 1: Migräne-Phasen. Modifiziert nach 1 (Lizenz: CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0)
Die Prodromalphase markiert den Beginn einer Migräneattacke. Laut der International Classification of Headache Disorders (ICHD-3) treten die ersten Warnsignale typischerweise 2 bis 48 Stunden vor der Attacke auf, in Einzelfällen auch früher.4,5 Die Symptome sind vielfältig und reichen von Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen über Licht-, Geräusch- oder Geruchsempfindlichkeit bis hin zu Übelkeit, vermehrtem Durst, häufigem Wasserlassen oder Nackensteifigkeit.5
Die genauen Mechanismen dieser Vorphase sind noch nicht vollständig geklärt. Es konnte jedoch gezeigt werden, dass bereits vor der eigentlichen Kopfschmerzphase zentrale neuronale Netzwerke aktiviert werden. Im Mittelpunkt stehen dabei der Hypothalamus sowie Hirnstamm- und Thalamusregionen, die unter anderem Schlaf, Appetit, Stressreaktionen und Schmerzverarbeitung regulieren. Auch Botenstoffe wie CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide), Orexin, Neuropeptid Y und Dopamin scheinen an der Entstehung typischer Vorbotensymptome beteiligt zu sein. Die Prodromalphase wird daher heute als Ausdruck einer frühen Fehlregulation neuronaler Netzwerke verstanden, die den eigentlichen Migräneanfall vorbereitet.5
Bei etwa 25 % der Patientinnen und Patienten tritt vor oder während einer Attacke eine Aura auf. Typische Symptome sind Sehstörungen wie Flimmern, Lichtblitze oder Gesichtsfeldausfälle. Seltener treten auch Sensibilitäts- oder Sprachstörungen auf.3,4
Als wesentlicher Mechanismus gilt die sogenannte Cortical Spreading Depression (CSD). Dabei breitet sich eine Welle veränderter neuronaler Aktivität über die Hirnrinde aus und beeinflusst vorübergehend die Verarbeitung sensorischer Reize. Die Aura verdeutlicht eindrucksvoll, dass Migräne weit über die Schmerzverarbeitung hinausgeht und verschiedene neuronale Netzwerke betreffen kann.3
Während der Kopfschmerzphase werden Schmerzsignale aus den Hirnhäuten und den dort verlaufenden Blutgefäßen verstärkt an das Gehirn weitergeleitet. Dadurch wird das trigeminovaskuläre System aktiviert und es werden Botenstoffe, wie beispielsweise CGRP, freigesetzt. Diese fördern entzündliche Prozesse und erhöhen die Schmerzempfindlichkeit. Anders als lange angenommen gilt die Vasodilatation heute nicht mehr als Ursache, sondern als Folge der Migräne. Im Mittelpunkt stehen gestörte Signalwege und eine veränderte Schmerzverarbeitung im Gehirn. Dabei spielt der Thalamus, der sensorische Informationen verarbeitet, eine wichtige Rolle. Er trägt zur Entstehung typischer Begleitsymptome wie Licht-, Geräusch- oder Berührungsempfindlichkeit bei.6
Für viele Betroffene endet eine Migräneattacke nicht mit dem Abklingen der Kopfschmerzen. In der sogenannten Postdromalphase treten häufig Symptome wie Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Nackensteifigkeit, Lichtempfindlichkeit, Übelkeit oder Reizbarkeit auf. Mehr als 80 % der Patientinnen und Patienten berichten über mindestens eines dieser Symptome, die oft noch bis zu 24 Stunden anhalten und die Rückkehr in den Alltag erschweren.7
Die genauen Mechanismen sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass neuronale Netzwerke, die bereits in der Vorphase aktiv waren, auch nach der Schmerzphase verändert bleiben. Zudem könnten Veränderungen der Hirndurchblutung und des Energiestoffwechsels zu den anhaltenden Beschwerden beitragen. Die Postdromalphase verdeutlicht somit, dass das Gehirn auch nach dem Ende der Kopfschmerzen Zeit benötigt, um in seinen Ausgangszustand zurückzufinden.7
Als Ursache für Migräne wird eine angeborene erhöhte Empfindlichkeit bestimmter neuronaler Netzwerke diskutiert. Dadurch reagiert das Gehirn leichter auf innere und äußere Reize und verarbeitet sensorische Informationen sowie Schmerzsignale anders als bei Menschen ohne Migräne.
Dabei spielen mehrere Faktoren eine wichtige Rolle:1,8
Die Behandlung von Migräne hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Neben den etablierten Akuttherapien mit nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) und Triptanen stehen mit den CGRP-gerichteten Therapien heute Behandlungsansätze zur Verfügung, die in zentrale Mechanismen der Migräneentstehung eingreifen. Auch im Bereich der Prophylaxe wächst das Spektrum wirksamer Optionen kontinuierlich.9
Gleichzeitig richtet sich der Blick zunehmend in die Zukunft: Forschende arbeiten an neuen molekularen Zielstrukturen, präziseren Biomarkern und personalisierten Therapiekonzepten, die eine individuellere Behandlung ermöglichen sollen. Je besser die biologischen Grundlagen der Migräne verstanden werden, desto größer wird die Chance, Attacken nicht nur zu behandeln, sondern sie langfristig sogar zu verhindern.
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