Bei therapieresistenter Depression sind die Optionen begrenzt. Nun rückt ein alter Bekannter aus der Parkinsontherapie in den Fokus: Pramipexol. Die Daten machen Hoffnung – doch die Nebenwirkungen sind nicht zu unterschätzen.
Seit Jahren wird fieberhaft nach einer Neuerung bei der Behandlung von Depressionen gesucht. Angefangen von Psilocybin über Stuhltransplantation bis hin zu Neurosteroiden. Doch was wäre, wenn wir einen schon seit Jahren bekannten Wirkstoff jetzt als eine ganz neue Hoffnung hätten? Pramipexol, ein Dopaminagonist aus der Parkinsontherapie, wird jetzt als vielversprechender Ansatz bei therapieresistenten depressiven Verläufen neu diskutiert.
In der PAX-D-Studie wurde untersucht, ob der Dopamin-D2/3-Agonist Pramipexol die Symptome bei therapieresistenter unipolarer Depression signifikant verbessern kann. Dafür erhielten 150 Erwachsene zusätzlich zu ihrer unveränderten Medikation entweder Pramipexol oder ein Placebo. Der primäre Endpunkt war die Veränderung der selbstberichteten Depressionssymptomatik nach 12 Wochen.
Die Forscher fanden heraus, dass die Punktwerte der in der Pramipexolgruppe erhobenen Depressionsskalen signifikant stärker abnahmen als in der Vergleichsgruppe. Ebenfalls zeigte sich auch eine deutlich höhere Response- (44,1 vs. 16,4 %) und Remissionsrate (27,9 vs. 7,5 %) in der Pramipexolgruppe als in der Placebogruppe. Zudem verbesserten sich ebenfalls Anhedonie und Angstsymptome stärker. Diesem klinisch beeindruckenden Effekt standen jedoch ausgeprägte Verträglichkeitsprobleme gegenüber. Ungefähr 20 % der Teilnehmer brachen die Studie aufgrund der Pramipexolnebenwirkungen, wie Übelkeit, Schwindel, Schlafstörungen und Kopfschmerzen, ab.
Das Symptom der Anhedonie wird bei der Depression häufig als besonders belastend empfunden und geht oft mit einer geringeren Lebensqualität (hier), einem ungünstigeren Krankheitsverlauf (hier) und auch einem schlechteren Ansprechen auf herkömmliche Antidepressiva einher (hier). Studien deuten darauf hin, dass die Anhedonie mit einer verminderten Aktivität des ventralen Striatums, Nucleus accumbens und mit Veränderungen frontostriataler Netzwerke, die Motivation, Belohnungserwartung und Verstärkungslernen mitsteuern, einhergeht (hier). Pramipexol wiederum aktiviert nun die D3-Dopaminrezeptoren, die im Nucleus accumbens reichlich vorhanden sind.
Die Idee, depressive Symptome über das dopaminerge System zu beeinflussen, ist daher keineswegs neu. Jedoch ist die bisherige Evidenz zu Pramipexol bei Depression trotz erster positiver Signale weiterhin begrenzt.
Pramipexol ist für die Behandlung von Depressionen nicht zugelassen. Dennoch steht der Wirkstoff beispielhaft für eine Entwicklung, die die Depressionsforschung zunehmend prägen wird. Anstatt ausschließlich nach der Diagnose „Depression“ zu behandeln, könnten Therapien zukünftig stärker symptomorientiert erfolgen – etwa bei ausgeprägter Anhedonie, Appetitlosigkeit oder Hinweisen auf inflammatorische Veränderungen. Auch sollte die Wirksamkeit dopaminerger Medikamente immer gegen die bestehenden Risiken abgewogen werden. So können neben Schwindel und Kopfschmerzen unter anderem Halluzinationen, Verwirrtheit sowie Impulskontrollstörungen auftreten. Gerade deshalb sind für einen Off-Label-Use eine strenge Indikationsstellung, sorgfältige psychiatrische Anamnese, ein ausführliches Aufklärungsgespräch und engmaschige klinische Kontrollen unverzichtbar.
Der „Dopamin-Kick“ bei Depressionen ist also sicher nicht die schnelle Lösung. Ob Pramipexol aber in Zukunft einer etablierten Augmentationsstrategie wie Lithium oder atypischen Antipsychotika überlegen sein wird, bleibt weiterhin offen. Bis dahin bleibt Pramipexol aber eine interessante, zwar mechanistisch plausible, aber weiterhin sorgfältig abzuwägende Off-Label-Option.
Bildquelle: Sina Sadeqi, Unsplash