Zu viel des Guten: Vitamin D kann Babys vergiften. In welcher Form Eltern es verabreichen, ist dabei entscheidend. Nur zwei weitere Minuten Aufklärung können Familien vor einer Tragödie bewahren.
Für Eilige gibt's am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Wer kennt es nicht: Hektik im Praxisalltag. Schnell noch 2 Telefonate, dazwischen eine Routineuntersuchung, im Vorbeigehen ein Rezept unterschreiben, daneben will eine Wöchnerin wissen, wie das mit der Vitamin-D-Gabe ihres Neugeborenen geht: „Kann ich die nicht einfach aus dem Internet bestellen?“ Nein, nicht so einfach – und Vorsicht bei der Dosierung!
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) berichtete bereits zweifach über eine schwere Vitamin D-Vergiftung im Säuglingsalter, Ende 2021 und nun erneut im Juli 2026. Vorausgegangen war eine Fehlverabreichung eines hochdosierten Nahrungsergänzungsmittels für Erwachsene, das über das Internet erworben wurde. Bei einer exzessiv hohen Aufnahme von Vitamin D kann es zu einer Vergiftung, auch als Hypervitaminose D bezeichnet, kommen.
Dabei entwickelt sich eine Hyperkalzämie, vergesellschaftet mit weiteren gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Bei Säuglingen treten Symptome auf wie Trinkschwäche, Erbrechen, Schläfrigkeit, Muskelschwäche, Gewichtsverlust, Obstipation, Polyurie mit Dehydration und Elektrolytentgleisungen (Hyperkalzämie, Hyperkaliämie und Hyponatriämie). Daraus können renale Komplikationen wie Nephrolithiasis und Nephrokalzinose bis hin zur Niereninsuffizienz resultieren.
In Deutschland gehören Säuglinge zu den Risikogruppen für eine Vitamin-D-Unterversorgung. Vitamin D reguliert den Calcium- und Phosphatstoffwechsel und fördert die Knochenstabilität, indem es einer Rachitis – einer gestörten Mineralisierung des wachsenden Knochens – entgegenwirkt. Es trägt außerdem zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei. Beim Menschen wird es vor allem unter dem Einfluss von Sonnenlicht in der Haut gebildet. Säuglinge zählen zu den Risikogruppen für eine Vitamin-D-Unterversorgung: Zum einen sind sie keiner direkten Sonneneinwirkung ausgesetzt, zum anderen aufgrund des niedrigen Vitamin-D-Gehalts in der Muttermilch.
Die ersten Wochen nach einer Geburt bedeuten eine komplette Ausnahmesituation für die Eltern, der man in der Beratung gegensteuern sollte. Bei der klinischen Abschlussuntersuchung, der postpartalen Vorstellung bei der Frauenärztin und der Erstuntersuchung des Neugeborenen beim Kinderarzt sollte die richtige Vitamin-D-Prophylaxe Thema sein. In Deutschland wird sie standardmäßig empfohlen. Es sollten nur Präparate in der Menge von 400 bis 500 I. E. bzw. 10 bis 12,5 µg Vitamin D pro Tagesdosis eingesetzt werden. Höher dosierte Präparate und/oder mit wöchentlichem oder monatlichem Einnahmemodus sind riskant hinsichtlich einer versehentlichen Überdosierung. Insbesondere sollten keine hochkonzentrierten flüssigen Präparate verwendet werden, da hierbei das Risiko einer Überversorgung höher liegt. Die Präparate sollen explizit für Säuglinge zur Rachitisprophylaxe bestimmt sein. Empfohlen ist eine Verabreichung bis zum 2. erlebten Frühsommer. Die Vitamin-D-Gabe wird idealerweise in Kombination mit Fluorid zur Kariesprävention verabreicht.
Während die Empfehlungen der medizinischen Fachgesellschaften zur Rachitisprophylaxe weitgehend einheitlich sind, differierten bislang die Handlungsempfehlungen zur Kariesprävention. 2021 wurde deshalb ein Konsenspapier veröffentlicht, an dem unter anderem der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und die Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde beteiligt waren. Darin wird für Kinder zusätzlich zur Rachitisprophylaxe die Anwendung von Fluorid zum Zweck der Kariesprävention empfohlen. Die Höhe der Fluoriddosis und die Art der Fluoridanwendung richten sich nach dem Alter des Kindes und der Zufuhr aus anderen Quellen.
Säuglinge sollen von Geburt bis zum Durchbruch des ersten Milchzahns täglich ein Kombinationspräparat mit 0,25 mg Fluorid und 400–500 I. E. Vitamin D in Tablettenform erhalten. Wenn Wasser (Trinkwasser, Mineralwasser) mit einem Fluoridgehalt ≥ 0,3 mg/l zur Nahrungszubereitung verwendet wird, soll ein Supplement mit Vitamin D ohne Fluorid gegeben werden. Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht unter 1500 g sollten in den ersten Lebensmonaten täglich 800–1000 I. E. Vitamin D erhalten. Ausschließlich gestillte Säuglinge sollten laut Leitlinie mindestens bis zum 2. Lebensjahr 500 I. E./Tag Vitamin D verabreicht bekommen.
In der ärztlichen Betreuung von Müttern mit kleinen Kindern hilft ein stetes Nachfragen, damit Wichtiges nicht im Alltagstrubel untergeht: Wenn es um die Vitamin-D-Gabe geht, erscheint es sinnvoll, sich auch nach Präparat und Dosierung zu erkundigen. Bei Internetbesorgungen ist der Hinweis auf mögliche inadäquate Dosierungen, Konzentrationen und Applikationsformen hilfreich. Falls typische Symptome geschildert werden, sollte man an eine Hypervitaminose D denken. Die Empfehlung der Fachgesellschaften, eine kombinierte Rachitis- und Kariesprophylaxe durchzuführen, rundet das Beratungsgespräch ab. In der Praxis haben sich ergänzende Informationsbroschüren bewährt, die jedoch die gezielte ärztliche Beratung nicht ersetzen können.
Das Wichtigste auf einen Blick
Bildquelle: KI-Bild erstellt mit Nano Banana 2