Zwischen Aufnahme und Entlassung bleibt ein Risiko oft unbemerkt: Mangelernährung bei stationären Patienten. Warum hier Veränderung auf den Speiseplan gehört.
Ein Patient kommt mit gebrochenem Oberschenkelhals ins Krankenhaus, wird operiert, versorgt und irgendwann entlassen – doch niemand hat bemerkt, dass er seit Wochen kaum noch etwas isst. So oder ähnlich läuft es in deutschen Kliniken offenbar regelmäßig ab: Eine Mangelernährung bleibt häufig unentdeckt, obwohl sie Genesung verzögert, Komplikationen begünstigt und die Sterblichkeit erhöht.
Wie groß die Lücke zwischen tatsächlicher Häufigkeit und ärztlicher Diagnose ist, zeigt eine aktuelle Auswertung, die in einer im Deutschen Ärzteblatt International veröffentlichten Arbeit vorgestellt wird. Während wissenschaftliche Studien bei 27 bis 40 % der stationären Patienten eine Mangelernährung feststellen, taucht sie in den offiziellen ICD-Diagnosen der Kliniken nur bei rund 1,2 % der Fälle auf. Zwischen 2017 und 2024 hat sich an dieser Diskrepanz kaum etwas geändert.
Dr. Michael Adolph, Ärztlicher Leiter der Stabsstelle Ernährungsmanagement am Universitätsklinikum Tübingen, ordnet die Zahlen ein: Sie bestätigten eine „seit Langem bekannte Versorgungslücke“. Er hält eine „verbindliche Versorgungskette aus Screening, weiterführender Diagnostik“ und anschließender Behandlung für notwendig, um Betroffene systematisch zu erfassen. Als Vorbild nennt er internationale Beispiele wie die Niederlande, die bereits 2007 ein strukturiertes Vorgehen eingeführt haben, sowie entsprechende Programme in Portugal.
Auch Prof. Dorothee Volkert, Professorin für Klinische Ernährung im Alter an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, sieht in der extrem niedrigen Diagnoserate weniger ein Abbild der Realität als vielmehr ein Zeichen mangelnden Problembewusstseins. Die Zahlen spiegelten „das äußerst geringe Bewusstsein“ für das Thema wider, nicht die tatsächliche Häufigkeit. Als Haupthürde nennt sie „etablierte und festgefahrene Vorstellungen“ darüber, wie personelle und finanzielle Ressourcen in Kliniken verteilt werden.
Prof. Kristina Norman, Leiterin der Abteilung Ernährung und Gerontologie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung, verweist auf die klinischen Konsequenzen. Die Studie zeige „sehr deutlich die Auswirkungen einer Mangelernährung: eine höhere Krankheitslast“. Aus ihrer Sicht sind ein systematisches Screening und eine frühzeitige Ernährungstherapie zentral, um gegenzusteuern. Bereits bestehende Qualitätsverträge zeigten, dass sich entsprechende Strukturen in Kliniken aufbauen lassen. Als Hürden im Alltag nennt sie jedoch Zeitmangel durch Dokumentationslast sowie eine unzureichende Schulung des Personals.
Alle drei Experten hoffen, dass eine geplante Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses hier ansetzt. Erwartet werden unter anderem ein verpflichtendes Screening, ein vollständiger Versorgungspfad von der Erkennung bis zur Behandlung sowie klare Anforderungen an das eingesetzte Personal. Auch eine angemessene Refinanzierung der zusätzlichen Leistungen zählt zu den zentralen Forderungen. Gelingt die Umsetzung, könnten die Lücken zwischen den beteiligten Fachgruppen geschlossen werden – und Mangelernährung im Klinikalltag künftig seltener unentdeckt bleiben.
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