BLOG | Jäger, Landwirt oder Nomade: Je nach Typ gehört Fleisch oder Gemüse auf den Speiseplan. Die so genannte Blutgruppendiät hat nur einen winzigen Haken – mit echter Wissenschaft hat sie nichts am Hut.
Bei der Blutgruppendiät handelt es sich um ein pseudowissenschaftliches Diätkonzept, bei dem sich die Ernährung nach der eigenen Blutgruppe richtet. Sie geht auf den amerikanischen Naturheilkundler Peter J. D'Adamo zurück und wurde Ende der 90er Jahre bekannt. Seine Grundidee: Menschen sollen Lebensmittel je nach Blutgruppe unterschiedlich gut vertragen, weil diese Blutgruppen angeblich zu unterschiedlichen Phasen der Menschheitsgeschichte passen.
D'Adamos 1996 erschienenes Buch „Eat Right 4 Your Type“ wurde weltweit über 7 Millionen Mal verkauft und in zahlreiche Sprachen übersetzt, hierzulande unter dem Titel „4 Blutgruppen“. Die Idee, Blutgruppen mehr Bedeutung zuzuschreiben, als medizinisch sinnvoll ist, ist allerdings älter. In Japan veröffentlichte der Psychologe Nomi Masahiko bereits im Jahr 1971 die pseudowissenschaftliche These, dass Blutgruppen direkt den Charakter eines Menschen prägen.
Für seine Diät bezieht sich D'Adamo auf das AB0-Blutgruppensystem. Dieses System ordnet Blut nach bestimmten Oberflächenmerkmalen auf roten Blutkörperchen (Erythrozyten) den Blutgruppen A, B, AB oder 0 zu. Medizinisch ist das wegen der Agglutination vor allem bei Bluttransfusionen wichtig. Soweit so gut. Ergibt sich daraus automatisch, dass die Blutgruppe festlegt, ob jemand Milch, Weizen, Fleisch oder Bohnen besser verträgt? Die Wissenschaft sagt nein, D'Adamo sagt ja. Schauen wir uns das Ganze etwas genauer an.
In D'Adamos Theorie steht die Blutgruppe 0 für den „Jäger“. Menschen mit Blutgruppe 0 wird deshalb eine fleischreiche Ernährung empfohlen. Sie sollen unter anderem Weizen, manche Hülsenfrüchte, Milch und Milchprodukte meiden.
Blutgruppe A steht bei ihm für den „Landwirt“. Menschen mit Blutgruppe A bekommen daher eine eher vegetarische Ernährung empfohlen. Sie sollen Fleisch und Milchprodukte meiden.
Blutgruppe B beschreibt D'Adamo als „Nomaden-Typ“. Menschen mit dieser Blutgruppe gelten in seinem Konzept als Menschen, die Milchprodukte, bestimmte Fleischsorten und bestimmte Getreidesorten vertragen. Hühnerfleisch gilt für sie seiner Ansicht nach allerdings als ungünstig.
Blutgruppe AB („der Rätselhafte“) gilt in diesem Konzept als Mischtyp. Für diese Gruppe beschreibt D'Adamo Mischkost, wenig Fleisch, Milchprodukte, Getreide, Eier, Brot und Gebäck als günstig.
Der wichtigste Baustein seiner Blutgruppendiät sind die Lektine. Dabei handelt es sich um bestimmte Glykoproteine, also Zucker-Eiweiß-Verbindungen, die in vielen Lebensmitteln vorkommen. D'Adamo behauptet, dass manche dieser Lektine nicht zur jeweiligen Blutgruppe passen. Nach seiner Theorie sollen sie sich in dem Fall an die roten Blutkörperchen binden und diese verklumpen lassen. Das soll einer Agglutination ähneln. Aus dieser behaupteten Reaktion leitet D'Adamo dann verschiedene Krankheitsrisiken und Ernährungsempfehlungen ab. Belegt ist das Ganze aber nicht. Für eine blutgruppenabhängige Verklumpung durch Lektine aus Lebensmitteln gibt es keine wissenschaftlichen Nachweise.
Auch manche seiner Empfehlungen sind sehr fragwürdig. Ein Beispiel ist die angebliche Milchunverträglichkeit der Blutgruppen 0 und A. Kritiker führen diese Empfehlung auf eine Namensverwechslung zurück. Zur Blutgruppe B gehört Alpha-N-D-Galaktose. In der Milch steckt hingegen Beta-N-D-Galaktose. Klingt ähnlich, ist es aber nicht. Die angebliche Milchunverträglichkeit der Blutgruppen 0 und A ist damit selbst nach D'Adamos eigener Logik nicht haltbar.
Auch die regionale Verteilung der Laktoseintoleranz passt nicht zur Theorie. In Asien ist die Blutgruppe B relativ häufig. Gleichzeitig ist die Laktoseintoleranz dort viel verbreiteter als bei uns in Europa. Wenn die Blutgruppe B wirklich für eine besonders gute Milchverträglichkeit stehen würde, passt die hohe Laktoseintoleranz in Asien nicht dazu.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung weist darauf hin, dass die behaupteten gesundheitlichen Effekte reine Theorie und wissenschaftlich nicht bewiesen sind. Auch eine systematische Übersichtsarbeit kam zu dem Ergebnis, dass keine aussagekräftigen Studien vorliegen, die den behaupteten gesundheitlichen Nutzen der Blutgruppendiät belegen.
2014 wurde die Blutgruppendiät in einer Studie mit 1.455 jungen Erwachsenen überprüft. Die Forscher prüften die Ernährung der Teilnehmer und bestimmten zusätzlich ihre Blutgruppe über eine genetische Analyse. Dann verglichen sie, ob eine Ernährung nach Blutgruppe A, B, AB oder 0 mit Messwerten wie Body-Mass-Index, Taillenumfang, Blutdruck, Blutfetten und Insulinwerten zusammenhing.
Das Ergebnis schien tatsächlich erst einmal positiv zu sein. Wer sich stärker nach dem Ernährungsmuster für Blutgruppe A ernährte, hatte bei mehreren dieser Messwerte günstigere Werte. Auch das Ernährungsmuster für Blutgruppe AB und teilweise das Ernährungsmuster für Blutgruppe 0 schnitten bei einzelnen Messwerten günstiger ab. Der Punkt ist aber: Diese Effekte hatten rein gar nichts mit der zugrundeliegenden Blutgruppe zu tun. Wer also viel Obst und Gemüse isst und wenig Fleisch, kann günstigere Messwerte haben, unabhängig von seiner Blutgruppe. Das ist jetzt auch nicht sonderlich überraschend, sondern passt zu den üblichen Empfehlungen für eine gesunde Ernährung. Die Studie beweist also nicht die Wirksamkeit der Blutgruppendiät. Sie spricht eher dagegen.
Auch die Evolutionsgeschichte hinter der Blutgruppendiät kann nicht überzeugen. D'Adamos Behauptung, dass die Blutgruppe 0 die ursprüngliche „Jäger-Blutgruppe“ sei, woraus er eine fleischreiche Ernährung ableitet, ist nicht belegt. Während D'Adamo den Typ 0 als älteste Urblutgruppe ansieht, spricht die genetische Forschung eher dafür, dass Typ A früher entstanden ist. Auch Menschenaffen besitzen Blutgruppenmerkmale wie A, B und 0. Die Blutgruppen sind also deutlich älter als Ackerbau, Viehzucht oder andere menschliche Ernährungsweisen. Die einfache Einteilung in „Jäger“, „Landwirt“ und „Nomade“ passt deshalb nicht.
Auch die Lektin-Erklärung passt als Erklärung nicht. Lektine können zwar tatsächlich problematisch sein, weshalb man zum Beispiel bestimmte Hülsenfrüchte wie Bohnen nicht roh essen sollte. Das gilt aber für alle Menschen, unabhängig von ihrer Blutgruppe. Außerdem werden viele Lektine durch Erhitzen verändert oder zerstört. Mit Lektinen lässt sich seine Theorie daher auch nicht belegen.
Hinzu kommen mögliche Nachteile seiner Blutgruppendiät. Je nach Blutgruppe fallen die Ernährungsempfehlungen teils sehr fleisch- und eiweißreich aus. Das ist nicht automatisch ein Problem. Ein möglicher Nachteil ist aber, dass solche einseitigen Vorgaben Gichtanfälle oder die Bildung von Harnsäuresteinen begünstigen können. Außerdem wirkt das Konzept nicht nur wie eine Ernährungstheorie, sondern auch wie ein Geschäftsmodell. Rund um seine Blutgruppendiät bietet D'Adamo auch passende Nahrungsergänzungsmittel und andere Produkte wie Cremes an. Zusätzlich gibt es einen kostenpflichtigen Sekretor-Statustest. Dabei geht es vereinfacht gesagt um die Frage, ob bestimmte Blutgruppenmerkmale nur auf den roten Blutkörperchen vorkommen oder auch in Körperflüssigkeiten nachweisbar sind. Dafür soll laut Anbieter ein Abstrich von der Wangenschleimhaut reichen. Damit soll dann genetisch bestimmt werden, ob jemand ein sogenannter Sekretor oder Nicht-Sekretor ist.
Nach D'Adamos Konzept soll dieses Ergebnis die Ernährungsempfehlungen noch genauer machen. Manche Lebensmittel können dadurch innerhalb seines Systems anders eingestuft werden. Mit anderen Worten: Es bleibt nicht nur bei den 4 Blutgruppen A, B, AB und 0, sondern es kommen noch weitere Untergruppen hinzu.
Die britische Berufsorganisation der Ernährungswissenschaftler (British Dietetic Association, BDA) setzte die Blutgruppendiät 2019 auf ihre Top-5-Liste der zu vermeidenden Modediäten. Auch bei der Stiftung Warentest kam die Blutgruppendiät nicht gut weg. Dort wurden 2005 drei Bücher zur Blutgruppendiät untersucht. Und alle drei bekamen die schlechteste Note, was nicht überraschend kam. Wer sich also insgesamt gesünder ernähren möchte, muss dafür nicht auf seine Blutgruppe achten, sondern auf eine sinnvolle Ernährung.
Bildquelle: Klim Musalimov, Unsplash