BLOG | Drei Uhr nachts, die Augen sind bleischwer, der Kaffee ist kalt – und plötzlich wird ein Unfallopfer angekarrt, das dringend abhauen will. Willkommen im Nachtdienst.
Ein Text von Schwester Inna
Es ist 03:20 Uhr in der Notaufnahme – und es ist ruhig. Manchmal ist genau diese Ruhe das Problem. Wenn in der Notaufnahme richtig viel los ist, merke ich die Müdigkeit kaum. Dann funktioniere ich einfach. Patient rein, Einschätzung, Blutabnahme, Medikamente, Dokumentation, nächster Patient.
Aber wenn es zwischen 2 und 4 Uhr morgens plötzlich ruhig wird, merke ich jede Minute. Die Augen werden schwer. Der Kaffee steht irgendwo verloren rum und ist längst kalt geworden. Und man denkt kurz darüber nach, wie schön jetzt das eigene Bett wäre.
Also machen wir das, was nachts eben auch gemacht werden muss. Betten sauber machen. Schränke auffüllen. Wagen kontrollieren. Geräte überprüfen. Schauen, ob für den nächsten Tag alles funktioniert und da ist, wo es sein soll. Besonders aufregend ist das nicht. Aber morgens ist es ziemlich praktisch, wenn plötzlich niemand sagen muss: „Wo ist eigentlich das Material?“ Und so arbeitet man gegen die immer stärker werdende Müdigkeit an.
Mittendrin kommt der Anruf. Schwerer Verkehrsunfall. Ab diesem Moment ist 03:20 Uhr egal, die Müdigkeit ist weggepustet. Ein Mietwagen fuhr mit hoher Geschwindigkeit in eine Leitplanke und überschlug sich. Das Auto löste einen automatischen Notruf aus. Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst waren bereits vor Ort. Die Feuerwehr musste das Auto öffnen, um den Patienten herauszubekommen.
Der Patient war bei Bewusstsein und kam zu uns in die Notaufnahme. Dann ging es los: Monitoring, Untersuchung, Blutabnahmen, Diagnostik. Dazu Polizei. Im Auto waren Drogen gefunden worden. Für den Patienten war inzwischen ziemlich offensichtlich, dass diese Nacht nicht gerade nach Plan lief. Aber unser Job war erstmal ein anderer. Wir mussten herausfinden, was medizinisch mit ihm los war. Unter anderem hatte er eine Rippenfraktur. Und dann wollte er gehen. Nach einem Autounfall mit Überschlag einfach gehen.
Wir erklärten ihm, dass das keine gute Idee ist. Eine gebrochene Rippe kann echt schmerzhaft sein, das schien ihn nur nicht zu kümmern. Aber nach einem schweren Unfall interessiert uns nicht nur die Rippe. Wir müssen auch an mögliche Verletzungen im Brustkorb und an andere innere Verletzungen denken. Er wollte trotzdem raus. Wir erklärten ihm nochmal, dass er bleiben muss. Er wurde laut. Wir erklärten es noch einmal. Er wurde noch lauter. Mittlerweile war er ziemlich aufgebracht und machte auch keinen Hehl daraus, dass er mit der Polizei nichts zu tun haben wollte. „Ich hasse Polizei.“ Gut. Das hatten wir verstanden. Nur darum ging es in diesem Moment gar nicht. Es ging darum, dass er nach einem schweren Unfall mit einer Rippenfraktur nicht einfach aus der Notaufnahme verschwinden sollte. Irgendwann fanden wir die Telefonnummer seines Bruders.
Der kam tatsächlich, redete mit ihm – und unser Patient blieb. Manchmal braucht es offenbar nicht noch eine medizinische Erklärung, sondern einfach den richtigen Menschen. Wir konnten ihn endlich weiter versorgen und die Situation schließlich etwas beruhigen.
Später, als wieder etwas Ruhe eingekehrt war, dachte ich darüber nach, wie schnell diese Nacht gekippt war. Eine halbe Stunde vorher hatten wir noch Betten gemacht und Schränke aufgefüllt. Ich war müde. Sehr müde sogar. Und dann plötzlich: Unfall, Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst, Diagnostik, Blutabnahmen, ein Patient, der gehen will, und ein Bruder, der ihn davon überzeugen muss, zu bleiben.
So ist der Nachtdienst. Du weißt nie, was durch die Tür kommt. Nachts ist das Team kleiner. Wenn plötzlich mehrere Dinge gleichzeitig passieren, gibt es nicht einfach noch 5 Leute, die man irgendwo aus einem anderen Bereich holen kann. Jeder muss funktionieren. Auch wenn man um 3 Uhr morgens eigentlich nur noch schlafen möchte.
Das Verrückte ist: Sobald es wirklich losgeht, ist die Müdigkeit weg. Zumindest vorübergehend. Man arbeitet einfach, bis irgendwann die Sonne aufgeht und der Frühdienst kommt. Während man selbst nur noch an sein Bett denkt, startet der Frühdienst frisch in den Tag. Für mich ist er dann endlich vorbei. Spätestens auf dem Heimweg merke ich wieder: Nachtdienst ist wirklich nicht einfach Frühdienst im Dunkeln.
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