BLOG | Während uns bereits 2020 applaudiert wurde, lässt echter Support bis heute auf sich warten. Ein Höllensommer lässt Helfer ohne Hoffnung zurück. Wie sollen wir dieses kollabierende System stabilisieren?
München, Samstag, 27. Juni 2026, kurz nach 16 Uhr. Der Asphalt flimmert, die Stadt riecht nach heißem Teer und gärenden Mülltonnen. Im Rettungswagen zeigt das Thermometer meiner Sportuhr Werte, bei denen man Medikamente längst nicht mehr lagern dürfte. Die Klimaanlage kämpft und verliert. Wir sind seit Schichtbeginn ununterbrochen unterwegs: Kollaps im Supermarkt, Kollaps an der Tramhaltestelle, Kollaps auf dem Fahrradweg. Die Leitstelle meldet an diesem Wochenende nur noch ein Schlagwort.
Der nächste Einsatz führt in ein Dachgeschoss, vierter Stock, kein Aufzug. Im Treppenhaus staut sich die Hitze wie in einem Kamin, mit jedem Absatz wird die Luft dicker. Oben liegt eine Frau, weit über achtzig, seit Tagen allein mit einem Ventilator, der die heiße Luft nur im Kreis schiebt. Ihre Haut bleibt in Falten stehen, wenn ich sie anhebe, die Zunge ist trocken wie Papier, der Blick weit weg. Auf dem Nachttisch ein volles Wasserglas, unberührt, als hätte selbst das Trinken zu viel Kraft gekostet. Wir tragen sie 4 Stockwerke hinunter, der Schweiß läuft in die Handschuhe. Unten beginnt die zweite Hälfte des Einsatzes: die Suche nach einem Bett. Eine Klinik abgemeldet, die nächste voll, die dritte nimmt nur noch Schockraumpatienten. Über Funk klingt die Leitstelle wie ein Mensch, der seit Stunden gegen eine Flutwelle anredet. Während wir am Krankenhaus nach der Übergabe auffüllen, geht der Melder schon wieder.
An diesem Wochenende gaben übrigens nicht nur Menschen auf. Auch die Technik kapitulierte: Klimaanlagen, die gegen die Glut nichts mehr ausrichteten, und reihenweise Turbolader, die in meinem Rettungsdienstbereich unter der Dauerlast versagten, weil die Fahrzeuge für solche Temperaturen schlicht nicht ausgelegt sind. Man kann das als Randnotiz abtun, man kann darin aber auch das ehrlichste Bild dieses Sommers sehen: Selbst dem Material war es erlaubt, auszufallen. Nur uns nicht. Was sich liest wie der Auftakt eines dystopischen Romans, war der Alltag der letzten Juniwochen. Doch anders als in einem Roman gab es keinen Erzähler, der irgendwann Erbarmen hatte.
Der Deutsche Wetterdienst stufte die Hitzewelle, die am 18. Juni begann, als historisch ein: Nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen gab es in Deutschland eine so lange und intensive Hitzeperiode so früh im Sommer. Erstmals überhaupt wurden in einem Juni mehr als 40 Grad gemessen. Mancherorts 11 sehr heiße Tage in Folge, dazu tropische Nächte, in denen die Städte nicht mehr auskühlten. In Stuttgart und Karlsruhe riefen die Branddirektionen wegen der schieren Zahl an Einsätzen die außergewöhnliche Einsatzlage aus, um Kräfte des Katastrophenschutzes aktivieren zu können. Im Rheinland stützte der Katastrophenschutz Krankenhäuser. Die Weltgesundheitsorganisation sprach von Rekordzahlen bei Rettungsdiensteinsätzen und nannte diese Hitzewelle eine Generalprobe für kommende Sommer.
Man sollte dieses Wort ernst nehmen: Eine Generalprobe ist keine Ausnahme, sondern eine Vorschau. Und ein System, das schon die Probe nur mit Katastrophenschutz und der Selbstausbeutung seiner Beschäftigten übersteht, hat für die Premiere keinen Plan.
Ich erinnere mich noch an den Klang des Frühjahrs 2020, an das Klatschen, das jeden Abend um 21 Uhr von den Balkonen hallte. Es war ehrlich gemeint, das glaube ich bis heute. Aber es war auch bequem, denn das Wort Held hat eine Eigenschaft, die selten thematisiert wird: Es entlastet den, der es ausspricht. Ein Held opfert sich freiwillig, also schuldet man ihm nichts. Er tut es aus Berufung, also muss man seine Bedingungen nicht verhandeln. Er hält durch, also darf man sich darauf verlassen, dass er weiter durchhält. Die Heldenrhetorik der Pandemie war keine Anerkennung, sie war deren Ersatz. Sie verwandelte eine Tarif- und Strukturfrage in eine Charakterfrage, und Charakterfragen kosten den Staat nichts.
Was folgte, kennen wir: einmalige Prämien, ungleich verteilt, teils erst nach Gerichtsverfahren nachgezahlt. Wertschätzungsdebatten, die in Talkshows begannen und dort auch endeten. Und ein Berufsalltag, der sich nicht verbessert, sondern verdichtet hat. Viele Kolleginnen und Kollegen haben seither ihre Stunden reduziert oder den Beruf verlassen, weil er sie verbraucht. Jede unbesetzte Stelle verteilt ihre Last auf die, die bleiben. Von außen heißt das Personalmangel, von innen heißt es Erschöpfung.
6 Jahre liegen zwischen dem Applaus und diesem Sommer, in denen man Dienstpläne hätte entlasten, Vergütungen hätte anheben, Fahrzeuge und Gebäude hätte ertüchtigen können für ein Klima, das sich lange angekündigt hat. Der eigentliche Befund dieses Sommers ist, dass man es nicht ernsthaft versucht hat. Ein Turbolader, der bei 38 Grad Außentemperatur stirbt, ist kein Pech, sondern eine Beschaffungsentscheidung. Wenn Maximalversorger an solchen Wochenenden gravierende Ausfälle melden und Kliniken die Kühlung fehlt, ist das eine unterlassene Investition. Die Belastung derer, die darin arbeiten, war in jeder dieser Entscheidungen eine bekannte Größe. Man hat sie eingepreist.
Man könnte annehmen, ein Sommer wie dieser würde die Politik alarmieren. Tatsächlich läuft parallel eine Sparoperation, deren Taktung fast zynisch wirkt. Den Anfang machte Ende 2025 das sogenannte kleine Sparpaket, kurzerhand an das Pflegekompetenzgesetz angehängt: rund 1,8 Milliarden Euro Einsparungen bei den Kliniken für 2026. Dazu die Aussetzung der Meistbegünstigungsklausel, die den Vergütungsrahmen der Krankenhäuser zusätzlich verengt, und die Halbierung des Innovationsfonds. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft protestierte, das Paket kam trotzdem.
Es war nur der Auftakt. Am 12. Juni 2026, 6 Tage vor Beginn der Hitzewelle, beriet der Bundestag in erster Lesung das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Der größte Teil der geplanten Einsparungen soll aus Vergütungsbegrenzungen bei Kliniken, Praxen und Herstellern kommen. Die vollständige Refinanzierung von Tariflöhnen in den Krankenhäusern wird eingeschränkt, die Schutzfunktion des Pflegebudgets nach Einschätzung des Deutschen Pflegerats an zentralen Stellen geschwächt. Noch in dieser Woche, mitten in die Nachwehen des Hitzesommers hinein, soll das Gesetz in zweiter und dritter Lesung durch den Bundestag. Weit über 15.000 Menschen haben nach Gewerkschaftsangaben inzwischen dagegen protestiert, 8.000 allein bei der Gesundheitsministerkonferenz in Hannover: Pflegekräfte und Rettungsdienstler, die nach ihren Schichten auf die Straße gehen, weil sie wissen, was diese Paragrafen in Dienstplänen bedeuten.
Parallel liegt seit dem 4. Juni ein Referentenentwurf zur Pflegereform vor, dessen Kabinettsbeschluss noch vor der Sommerpause geplant ist, sowie ein Entwurf zur Notfallreform, der den Rettungsdienst neu ordnen soll. Und auch die Länder sparen mit: Der bayerische Doppelhaushalt 2026/27 setzt auf Stellenmoratorium und Kürzungen im Sozialen, während Gewerkschaften davor warnen, dass ausgerechnet beim Rettungsdienst die vollständige Refinanzierung tariflicher Kosten ins Rutschen gerät. Ein Kostendeckel auf Tariflöhne ist eben keine abstrakte Haushaltsgröße. Er ist die Ansage an eine Branche, die ohnehin niemanden mehr findet: Eure Arbeit soll künftig weniger wert sein dürfen, als eure Tarifverträge festhalten.
Die bittere Pointe: Dieselben Berufe bekommen zugleich immer mehr Verantwortung übertragen. In der Pandemie war es der eilig geschaffene Paragraf 5a des Infektionsschutzgesetzes, der medizinischem Fachpersonal die Ausübung der Heilkunde übertrug; ein Vertrauensvorschuss aus der Not geboren. Heute geschieht dasselbe planvoll: Das Pflegekompetenzgesetz erweitert die Befugnisse der Pflege, die Notfallreform soll den Rettungsdienst als eigenständige Versorgungsleistung stärken, inklusive Behandlung ohne Transport. Gegen erweiterte Kompetenzen ist nichts einzuwenden, im Gegenteil, sie sind überfällig. Aber Verantwortung ohne entsprechende Ausstattung ist keine Aufwertung, sondern die Delegation von Risiko nach unten. In der Pandemie hieß es: Ihr müsst es tun, weil es niemand anderen mehr gibt. Heute heißt es: Ihr dürft es tun, aber bitte zum gedeckelten Tarif.
Vielleicht liegt das Missverständnis im Wort selbst. Anerkennung wird hierzulande gern als Gefühl behandelt, als etwas, das man ausspricht, beklatscht, in Sonntagsreden würdigt. Aber Anerkennung ist keine Emotion. Sie sieht so aus: ein Dienstplan, der ohne kurzfristiges Einspringen funktioniert. Eine Vergütung, die der Verantwortung entspricht, die man uns per Gesetz überträgt. Tariflöhne, die vollständig refinanziert werden, ohne dass Kliniken dafür an anderer Stelle Personal streichen müssen. Hitzeschutzkonzepte, die vor der Hitzewelle existieren und nicht als Pressemitteilung danach. Eine Personalbemessung, die vom Bedarf der Patienten ausgeht und nicht vom Budget des Trägers.
Nichts davon ist heroisch. Nichts davon eignet sich für Balkone. Es sind Haushaltszeilen und Gesetzestexte, und genau deshalb wären sie ehrlich. Der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen ist die Summe rationaler Entscheidungen von Menschen, die irgendwann nachgerechnet haben, was der Beruf gibt und was er nimmt. Wer geht, ist nicht illoyal. Er zieht nur die Konsequenz aus Bedingungen, die andere zu verantworten haben. Jeder einzelne Sparbeschluss dieses Sommers verschiebt diese Rechnung weiter zulasten derer, die noch da sind.
Es wird wieder solche Sommer geben, die Generalprobe hat es gezeigt. Es wird wieder Krisen geben, Nächte und Nachmittage, in denen dieses Land davon abhängt, dass Menschen in Rettungswagen, Notaufnahmen und auf Stationen funktionieren. Sie werden funktionieren, vermutlich. Das ist das Verlässlichste und zugleich das Beschämendste an dieser Geschichte: dass man sich auf uns verlassen kann, obwohl man so gut wie nichts dafür getan hat.
Ich denke manchmal an die Frau aus dem Dachgeschoss, an das unberührte Wasserglas neben ihrem Bett. Sie hat überlebt, weil an diesem Nachmittag noch jemand kam. Die eigentliche Frage dieses Sommers ist, wie lange noch jemand kommt. Helden braucht nur, wer Strukturen verweigert. Ein Gesundheitswesen, das funktioniert, käme wunderbar ohne Helden aus. Es hätte einfach genug Menschen.
Bildquelle: Javier García, Unsplash