Kein Arzt, dafür Ökonom: Carsten Linnemann will die Zahl der Krankenkassen drastisch kürzen – von 93 auf 20. Gleichzeitig verspricht er Entlastung für Notaufnahmen und Pflegende. Wie will er all das einhalten?
Der neue Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann plädiert für weniger Krankenkassen. Dabei verfolgt er ein sportliches Ziel: Er wolle die Zahl von 93 auf maximal 20 zu reduzieren, so der CDU-Politiker im Interview mit der Bild am Sonntag.
Über die Zahl der Krankenkassen gibt es immer wieder Debatten. Deren Zahl sank von rund 1800 im Jahr 1970 auf aktuell unter 100. Befürworter weiterer Einschnitte versprechen sich von einer weiteren Reduzierung unter anderem einen Wegfall von Bürokratie, Verwaltungskosten und Doppelstrukturen.
Carsten Linnemanns Vision für das deutsche Gesundheitssystem ist eine radikale Verschlankung der Kassenlandschaft: Aus derzeit 93 gesetzlichen Krankenkassen sollen nach seiner Vorstellung bis zum Jahr 2032 nur noch zehn bis 20 Kassen übrig bleiben – eine Reduzierung um mehr als vier Fünftel. Linnemann selbst bringt das auf die pointierte Formel, dass ein „Riesen-Verwaltungsvolumen” entstehe, das eingespart werden könnte, wenn weniger und dafür größere Kassen das System steuern würden.
Als Instrument, um diese Konsolidierung zu erzwingen, setzt er auf eine gesetzlich festgelegte Mindestgröße: Kassen, die eine bestimmte Versichertenzahl nicht erreichen, sollen sich zusammenschließen müssen. Brachte er zunächst eine Schwelle von 200.000 bis 250.000 Versicherten ins Spiel, spricht er mittlerweile von einer deutlich höheren Grenze von einer Million Versicherten pro Kasse. Kleinere Kassen, die diese Marke verfehlen, sollen in größeren Einheiten aufgehen.
Linneman betont, er sei kein Arzt. „Ich bin Ökonom. Vielleicht schadet das nicht, ist sogar ein Vorteil, von außen auf die Dinge zu gehen. Wir haben eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt, das aber nicht richtig effizient ist, und das will ich jetzt besser machen.“
Doch er schaut nicht nur, wo man sparen kann: Linnemann will geplante Einsparungen bei den Rentenansprüchen für pflegende Angehörige – die „Alltagshelden Deutschlands“ – stoppen. „Ich halte dieses Signal für nicht richtig, übrigens auch für unsere Gesellschaft.“ Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) begrüßte die Ankündigung des Ministers. Entlastet werden sollen auch die Notfallaufnahmen, die seien „völlig überlastet“, so Linnemann. So soll es in Zukunft „integrierte Notfallzentren geben, vorgeschaltet, wo man schaut: Ist das wirklich ein Notfall?“
Politisch untermauert Linnemann seine Vorhaben mit klarer Unnachgiebigkeit: Auch als er inzwischen als Bundesgesundheitsminister in offizieller Verantwortung steht, hat er öffentlich betont, an dem Ziel festzuhalten und „davon nichts zurückzunehmen”. Der weitere Fahrplan sieht vor, dass eine von ihm eingesetzte Kommission Ende des Jahres 2026 einen Endbericht vorlegt, auf dessen Basis dann die konkreten gesetzgeberischen Schritte folgen sollen.
Eingebettet ist die Kassenreform in eine größere Finanzierungskrise der gesetzlichen Krankenversicherung: Erwartet wird ein Defizit von rund 15 Milliarden Euro; eine separate Expertenkommission unter Gesundheitsministerin Warken hat bereits 66 Sparmaßnahmen vorgeschlagen, die 2027 bis zu 42 Milliarden Euro einsparen könnten. Die Kassenfusionen sind also nur ein Baustein neben weiteren Sparbemühungen, etwa der Diskussion darüber, ob die Krankenkassenbeiträge von Bürgergeld-Empfängern künftig aus Steuermitteln statt aus Beitragsgeldern finanziert werden sollen.
Ein Schwachpunkt in Linnemanns Argumentation für die Kassenfusion bleibt allerdings ungeklärt: Die zentrale Annahme, dass weniger Kassen automatisch zu spürbaren Einsparungen führen, ist bislang empirisch nicht belegt – Kritiker verweisen stattdessen darauf, dass tatsächliche Kostenstrukturen, Wettbewerb zwischen den Kassen und die Versorgungsqualität die eigentlich entscheidenden Stellschrauben seien.
Welche Krankenkassen können deiner Meinung nach weg? Schreib es in die Kommentare!
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