China ist vom reinen Produktionsstandort zum Innovationsmotor geworden. Die Frage ist nicht, ob chinesische Anbieter global relevant werden – sondern wo sie bereits ernstzunehmende Konkurrenz für euch darstellen.
China war traditionell vor allem Wirkstoffhersteller und Zulieferer der globalen Generikaindustrie. Doch die Zeiten ändern sich. Wie weit China den Schritt vom günstigen Produzenten zum Technologieanbieter bereits geschafft hat, zeigt sich in der Medizintechnik. Wer international bestehen will, braucht mehr als niedrige Preise: Technologie, Zulassungen und das Vertrauen von Kliniken. Und genau dort gewinnen chinesische Anbieter an Boden: Der chinesische Markt erreichte 2025 rund 208 Milliarden US-Dollar und ist damit der zweitgrößte nationale Markt der Welt. Gleichzeitig stiegen die chinesischen Medizintechnik-Exporte auf 45,8 Milliarden Dollar – das sind 62,4 Prozent mehr als in 2019.
Noch deutlicher ist die Transformation in der Pharmaindustrie. Chinesische Wirkstoffkandidaten werden zunehmend von internationalen Pharmakonzernen einlizenziert. Der angekündigte potenzielle Gesamtwert grenzüberschreitender Lizenzdeals erreichte 2025 137,7 Milliarden US-Dollar – fast zehnmal so viel wie in 2021. Ein großer Teil des möglichen Dealvolumens wird erst fällig, wenn Entwicklungs-, Zulassungs- oder kommerzielle Meilensteine erreicht werden. Die wichtigsten Akteure im Markt:
Bei Mindray ist die Internationalisierung weit fortgeschritten. Der Konzern deckt Patientenmonitoring und Life Support, In-vitro-Diagnostik sowie medizinische Bildgebung ab. Hinzu kommen unter anderem die minimalinvasive Chirurgie und interventionelle Technologien.
Wie stark sich das Geschäft inzwischen internationalisiert hat, zeigen Zahlen für 2025: Mindray erwirtschaftete rund 2,6 Milliarden US-Dollar im Ausland – 7,4 Prozent mehr als im Vorjahr und erstmals 53 Prozent des Gesamtumsatzes. Bemerkenswert ist das auch deshalb, weil der Gesamtumsatz gleichzeitig um 9,4 Prozent nach unten gegangen ist. Das Ausland gewann deutlich an Gewicht.
Noch stärker auf High-End-Technologie fokussiert ist United Imaging Healthcare. Das Unternehmen entwickelt CT-, MRT- und PET/CT-Systeme. Es tritt in direkte Konkurrenz zu GE HealthCare, Siemens Healthineers und Philips. Dabei verbindet United Imaging klassische Bildgebung mit Software und künstlicher Intelligenz. Ende 2025 verfügte das Unternehmen über 75 CE-zertifizierte und 58 von der FDA per 510(k) Clearance freigegebene Produkte. Mehr als 20 Systeme hatten FDA-Freigaben für KI-gestützte Funktionen. Der Auslandsumsatz stieg 2025 um gut 51 Prozent auf rund 510 Millionen US-Dollar.
Hinter diesen etablierten Champions formiert sich eine weitere Gruppe chinesischer MedTech-Anbieter. Dazu zählen MicroPort, seine Robotik-Tochter MedBot und Lepu Medical. MicroPort hat sich von der Kardiologie zu einem breit aufgestellten MedTech-Konzern entwickelt, der unter anderem Herz-Kreislauf-Therapien, Orthopädie, Neurointervention und chirurgische Robotik abdeckt.
Besonders dynamisch wächst das Auslandsgeschäft: In 2025 erreichte das vom Konzern ausgewiesene „Going-abroad“-Geschäft 163,9 Millionen US-Dollar – das sind 78,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei der chirurgischen Robotik stiegen die Auslandserlöse sogar um 286,6 Prozent. Sehr gut sichtbar wird die Expansion beim Toumai-Roboter. Bis März 2026 hatte MedBot weltweit mehr als 220 neue Bestellungen eingesammelt. Außerhalb Chinas waren bereits 94 Systeme kommerziell installiert; regulatorische Zulassungen lagen in mehr als 60 Auslandsmärkten vor.
Noch größer ist der Trendwandel in den Bereichen Pharma und Biotech. China entwickelt sich vom reinen Produktionsstandort zu einer der wichtigsten Quellen neuer Wirkstoffkandidaten und klinischer Entwicklungsprogramme für die globale Pharmaindustrie.
Wie schnell sich das Kräfteverhältnis verschiebt, zeigen DealForma-Daten von J.P. Morgan. Noch in 2021 stammten lediglich fünf Prozent der von J.P. Morgan und DealForma erfassten In-Licensing-Deals globaler Large-Cap-Biopharmaunternehmen mit Vorauszahlungen von mindestens 50 Millionen Dollar von chinesischen Biopharmaunternehmen. In 2025 waren es bereits 39 Prozent. Im ersten Quartal 2026 stieg der Anteil auf 50 Prozent.
Ganz vorne steht Hengrui Pharmaceuticals. Im Mai 2026 vereinbarte das Unternehmen mit Bristol Myers Squibb eine strategische Partnerschaft über 13 Programme in Onkologie, Hämatologie und Immunologie. BMS zahlt 600 Millionen Dollar upfront; insgesamt bis zu 950 Millionen Dollar. Mit Optionen sowie Entwicklungs-, Zulassungs- und kommerziellen Meilensteinen kann der potenzielle Gesamtwert auf rund 15,2 Milliarden Dollar steigen.
Ähnlich bemerkenswert ist Innovent Biologics. Im Mai 2026 vereinbarte das Unternehmen mit Pfizer eine globale Onkologiepartnerschaft über zwölf frühe Entwicklungsprogramme, darunter Antikörper-Wirkstoff Konjugate und multispezifische Antikörper. Der potenzielle Gesamtwert liegt bei 10,5 Milliarden Dollar, davon 650 Millionen Dollar upfront. Innovent führt zunächst Phase-I-Studien durch; bei ausgewählten Wirkstoffen übernimmt Pfizer anschließend die globale Weiterentwicklung. Pfizer beschreibt die Vereinbarung hier im Detail.
Auch der Blick auf CSPC Pharmaceutical lohnt sich. Im Januar 2026 vereinbarte CSPC mit AstraZeneca eine Kooperation über acht Programme gegen Adipositas und Typ-2-Diabetes sowie über den Zugang zu Technologien für KI-gestütztes Wirkstoffdesign und langwirksame monatliche Injektionen. AstraZeneca zahlt 1,2 Milliarden Dollar upfront; einschließlich möglicher Meilenstein- und Umsatzzahlungen kann der Deal bis zu 18,5 Milliarden Dollar erreichen.
3SBio zeigt ebenfalls, wie begehrt chinesische Entwicklungsprogramme geworden sind. Pfizer sicherte sich 2025 die Rechte außerhalb Chinas an SSGJ-707, einem bispezifischen PD-1/VEGF-Antikörper zur Krebsbehandlung. Dafür flossen 1,25 Milliarden Dollar upfront sowie weitere 100 Millionen Dollar als Beteiligung an 3SBio; hinzu kommen potenzielle Meilensteinzahlungen von mehr als 4,8 Milliarden Dollar.
Und die Liste wächst weiter. RemeGen, Akeso, Henlius, Dizal und Chia Tai Tianqing gehören ebenfalls zu jener Gruppe chinesischer Unternehmen, deren Wirkstoffe international auf Interesse stoßen.
Dass sich die Entwicklung nicht auf innovative Krebsmedikamente beschränkt, zeigt Shanghai Henlius Biotech. Im August 2026 sicherte sich Sandoz die Vermarktungsrechte außerhalb Chinas an drei Biosimilar-Programmen für die Referenzprodukte Repatha, Benlysta und Erbitux. Die Vereinbarung umfasst zudem eine Option auf ein weiteres Asset. Aus diesen initialen Vereinbarungen kann Henlius insgesamt bis zu 322 Millionen Dollar erhalten. Der darüber hinaus vereinbarte Kooperationsrahmen kann künftig auf bis zu zehn Biosimilar-Assets ausgeweitet werden.
Bleibt als Frage: Was macht das chinesische Modell so erfolgreich? Der entscheidende Vorteil liegt – anders als früher – nicht mehr allein in niedrigeren Produktionskosten. China verbindet Kostenvorteile mit einer großen Forschungs- und Entwicklungslandschaft, schneller klinischer Entwicklung, Skalierung und intensivem Wettbewerb. Aus einer Vielzahl paralleler Programme können weltweit tätige Konzerne jene Kandidaten herausfiltern, die sich international weiterentwickeln oder lizenzieren lassen.
Zahlreiche chinesische Unternehmen arbeiten gleichzeitig an ähnlichen Wirkmechanismen und Technologieklassen. Das erzeugt erheblichen Wettbewerbs- und Preisdruck, schafft aber auch eine breite Auswahl klinisch getesteter Wirkstoffkandidaten. Und regulatorische Reformen haben die Bedingungen für klinische Studien zusätzlich verbessert.
Für internationale Pharmakonzerne entsteht dadurch faktisch eine externe Entwicklungspipeline. Statt jeden Wirkstoff selbst von der Entdeckung bis zum klinischen Wirksamkeitsnachweis zu finanzieren, können sie Programme beobachten, die in China bereits erste Hürden genommen haben – und anschließend die aussichtsreichsten Kandidaten einlizenzieren. Interessanterweise verändert sich bereits die Strategie westlicher Unternehmen. J.P. Morgan weist darauf hin, dass nicht nur große Pharmakonzerne, sondern auch kleinere westliche Biotechunternehmen prüfen, ob der Einkauf chinesischer Frühphasen-Assets kapitaleffizienter sein kann als entsprechende Programme selbst von Grund auf aufzubauen.
Auch für Chinas forschende Hersteller ist das Modell attraktiv: Sie müssen nicht zwingend eine komplette Vertriebsorganisation in den USA oder in Europa aufbauen. Sie können Discovery, präklinische Forschung und frühe klinische Entwicklung übernehmen und anschließend globale Rechte an Unternehmen wie Pfizer, AstraZeneca oder BMS verkaufen. Das ermöglicht ihnen, einen Teil des wirtschaftlichen Werts ihrer Forschung bereits vor einer eigenen globalen Vermarktung zu realisieren.
China ist längst mehr als die Werkbank des Westens. Das Land wird zunehmend zu einer wichtigen externen Innovations- und Entwicklungspipeline der globalen Pharmaindustrie – und zwingt Europa damit, nicht nur über bessere Forschung, sondern vor allem über mehr Geschwindigkeit nachzudenken.
Bildquelle: DocCheck, KI-generiert