Macht Zocken doch schlau? Nachweislich verbesserte Reaktionszeit und ein genaueres Arbeitsgedächtnis bei Kindern bringen das prominente Handyverbot ins Wanken. Zu schön, um wahr zu sein?
Für Eilige gibt’s am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Seit Jahren stehen Smartphone und Co. unter Generalverdacht, bei den Heranwachsenden für mehr Konzentrationsprobleme, Schlafmangel und die Zunahme von psychischen Erkrankungen zu sorgen. Und fast täglich wird vor den negativen Folgen der Bildschirmzeit bei Jugendlichen gewarnt. Mancherorts ist dann sogar von Handyverboten die Rede. Umso überraschender wirkt eine aktuelle Studie aus Finnland. Sie berichtet, dass eine über die Kindheit hinweg höhere Bildschirmzeit mit besseren kognitiven Testergebnissen im Jugendalter assoziiert ist. Macht jetzt also eine häufige Smartphone-Nutzung unsere Kinder doch klüger?
Eine intensive Bildschirmzeit verbunden mit einer digitalen Mediennutzung ist besonders bei Heranwachsenden mit ungünstigen Folgen für Schlaf, Konzentration und Wohlbefinden verbunden. Für die psychische Gesundheit berichten systematische Übersichtsarbeiten über Zusammenhänge zwischen hoher Bildschirmzeit und depressiven Symptomen. Auch longitudinale Daten deuten darauf hin, dass der durch die Mediennutzung beeinträchtigte Schlaf einen Teil des Zusammenhangs zwischen Bildschirmzeit und späteren depressiven Symptomen erklären kann.
Die PANIC-Studie (Physical Activity and Nutrition in Children) ist eine in Finnland durchgeführte Kohortenstudie, die weitestgehend mit Hilfe von Selbstfragebögen seit 2007 untersucht, wie Bewegung, Ernährung und sedentäres Verhalten mit der körperlichen und psychischen Gesundheit von Kindern zusammenhängen. Hierzu wurden zu Studienbeginn, nach 2 und nach 8 Jahren die körperliche Aktivität, das sedentäre Verhalten und die Bildschirmzeit von insgesamt 260 Kindern erfasst.
Nun wurde eine Sekundäranalyse der Daten dieser umfangreicheren PANIC-Kohorte veröffentlicht, die die Angaben zur Bildschirmzeit sowie das Sitz- und Bewegungsverhalten aus der Kindheit mit den kognitiven Leistungen in der Jugend verglichen hat. Hierbei zeigte sich, dass eine höhere selbstberichtete Bildschirmzeit mit einer besseren Reaktionszeit und Genauigkeit in Arbeitsgedächtnisaufgaben assoziiert war. Bemerkenswert war auch, dass sich bei der mit einem Bewegungssensor objektiv gemessenen körperlichen Aktivität und der Sitzzeit insgesamt kein entsprechender Zusammenhang mit der Kognition fand.
Das Studiendesign mit Selbsteinschätzungsbögen zur Erfassung der Bildschirmzeit erschwert die Verbindung zur mit Sensoren gemessenen Bewegungs- und Sitzzeit erheblich: Dass Jugendliche mit mehr berichteter Bildschirmzeit in der Testung zum Arbeitsgedächtnis dann besser abschnitten, ist eine Beobachtung – nur darüber hinaus leider nichts.
Fragebogenstudien sind anfällig für Erinnerungsverzerrungen und Antworten mit sozialer Erwünschtheit. Darüber hinaus bleibt es auch unklar, welche konkreten Inhalte hinter der selbstangegebenen Bildschirmzeit standen. Lernplattformen, kreatives Arbeiten, Gaming, Social Media oder passiver Videokonsum wurden damit unter dem Sammelbegriff „Bildschirmzeit“ zusammengeführt – obwohl sie hinsichtlich Aufmerksamkeit, sozialem Kontext und möglicher Entwicklungsfolgen kaum miteinander vergleichbar sind.
Auch die kognitive Leistungsfähigkeit wurde laut Studienbeschreibung erst beim 8-Jahres-Follow-up mit der CogState-Testbatterie erfasst, ohne zuvor eine Ausgangsmessung der Kognition durchgeführt zu haben. Damit lässt sich nicht beurteilen, ob sich die kognitive Entwicklung in Abhängigkeit von der Bildschirmzeit tatsächlich unterschiedlich verändert hat, oder ob schon zuvor Unterschiede in der Kognition bestanden.
Der Aufbau einer longitudinalen Kohorte von Kindern und Jugendlichen ist zweifelsohne ein großer Aufwand und grundsätzlich ein wertvoller Forschungsansatz. Auch die Fragestellung, körperliche Aktivität, Sitzverhalten und Bildschirmzeit gemeinsam mit kognitiven Leistungen zu vergleichen, ist ebenso sinnvoll.
Nur leider bleibt die Aussagekraft der vorliegenden Analyse dann doch sehr begrenzt. Die Bildschirmzeit wurde mittels Selbstangaben erfasst, während körperliche Aktivität und sedentäres Verhalten sensorbasiert gemessen wurden. Und der wichtigste Parameter, nämlich die kognitive Leistungsfähigkeit, wurde erst nach 8 Jahren erhoben, ohne kognitive Ausgangsmessung. Die Daten liefern damit vor allem eines – Ansatzpunkte für weitere Forschung, nicht aber einen Beleg dafür, dass mehr Bildschirmzeit die kognitive Entwicklung auch verbessern kann. Denn nicht jede Bildschirmzeit ist schädlich. Wer digitale Medien bei Heranwachsenden beurteilt, sollte weniger auf einen pauschalen Stundenwert der Bildschirmzeit schauen, sondern eher auf die Inhalte, die soziale Einbettung und die möglichen Folgen für Schlaf und Bewegung.
Das Wichtigste auf einen Blick
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