BLOG | Für sterbende Angehörige soll oft „alles versucht” werden. Aber vom verlängerten Leben profitieren nicht immer die Patienten selbst. Wie unterscheidet man jetzt zwischen Liebe und Eigeninteresse?
Ein Text von Christian Fuchs
Manchmal ist nicht der Tod grausam – sondern der Zwang, weiterleben zu müssen. „Er muss leben. Egal, was kommt.” Diesen Satz habe ich auf Intensivstationen öfter gehört, als mir lieb ist. Vor mir liegt ein Mensch, dessen Körper längst nur noch mit maximaler Medizin funktioniert. Beatmung, Kreislaufmedikamente, Dialyse, Sonden, Zugänge, Monitore. Wir lagern ihn, wir saugen ab, wir behandeln Infektionen, wir reagieren auf jeden Alarm. Aber der Mensch selbst kann oft längst nicht mehr sagen, ob er das überhaupt noch will.
Und dann stehen Angehörige am Bett: „Machen Sie alles. Geben Sie ihn nicht auf. Er muss weiterleben”. Natürlich steckt dahinter oft Liebe, Angst, Hoffnung oder auch die Unfähigkeit, einen geliebten Menschen gehen zu lassen. Aber wir sollten endlich den Mut haben, über etwas zu sprechen, das kaum jemand auszusprechen wagt: Nicht immer geht es nur um Liebe.
Es gibt Familien, deren gesamte Existenz inzwischen an diesem Menschen hängt. Die Rente läuft weiter, Pflegegeld oder andere Leistungen spielen eine Rolle, Wohnung, Einkommen oder finanzielle Verpflichtungen sind daran gekoppelt. Und plötzlich bekommt der Satz „Er muss leben“ eine völlig andere Bedeutung. Das klingt hart? Ist es auch. Aber wer auf Intensivstationen arbeitet, weiß, dass Familienkonflikte, finanzielle Abhängigkeiten und Eigeninteressen nicht an der Krankenhaustür verschwinden. Natürlich darf man Angehörigen nicht pauschal unterstellen, einen Menschen wegen Geld am Leben halten zu wollen. Aber wir dürfen auch nicht so naiv sein, so zu tun, als könne es solche Motive niemals geben.
Und genau deshalb muss eine Frage im Mittelpunkt stehen: Was wollte der Patient? Nicht: Was wollen die Kinder? Was will der Ehepartner? Wer braucht die Rente? Wer kann die Wohnung sonst nicht halten? Wer hält den Abschied nicht aus? Sondern: Was hätte dieser Mensch für sich selbst entschieden?
Denn Intensivmedizin ist mächtig. Wir können einen Kreislauf stabilisieren, eine Lunge ersetzen, Nierenfunktion übernehmen, Ernährung künstlich zuführen. Aber nur weil wir einen Körper weiter funktionieren lassen können, bedeutet das nicht automatisch, dass wir einem Menschen noch etwas Gutes tun. Und irgendwann wird aus „alles tun“ möglicherweise etwas anderes: Festhalten. Aus Angst. Aus Schuld. Aus Hoffnung. Und manchmal vielleicht auch aus Eigeninteresse.
Genau deshalb sind Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten keine Bürokratie. Sie sind Schutz. Schutz davor, dass andere irgendwann über deinen Körper entscheiden, wenn du selbst nicht mehr sprechen kannst. Denn wenn dein Wille nicht bekannt ist, entscheiden andere. Und dann kann es passieren, dass nicht deine Vorstellung von Würde darüber bestimmt, wie lange gekämpft wird, sondern die Bedürfnisse der Menschen um dein Bett herum.
Der Tod ist nicht immer das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Manchmal ist es schlimmer, nicht sterben zu dürfen, weil andere nicht bereit sind, loszulassen. Oder weil sie zu viel zu verlieren haben.
Der Text erschien zuvor auf LinkedIn.
Bildquelle: Hans, Unsplash