KOMMENTAR | Husten, Diarrhö und trotzdem zum Arzt? Was Hausärzten an der AU-Debatte mächtige Bauchschmerzen bereitet – und welche Baustellen im Gesundheitssystem dringender wären.
AU ab Tag 1 – echt jetzt??? Ein solcher Eingriff in das alltägliche Leben jeder angestellten Person nur wegen ein paar zehntel Prozent Stimmen aus dem wirtschaftsliberalen Mittelstand? Ist das diese ganze Diskussion und diesen ganzen Unmut wert? Tausendfach geteilte Memes „Krankschreibung bis Ende Merz“ nur für das Wohlwollen einer sehr kleinen Wählergruppe, die der Union dank der Bedeutungslosigkeit der FDP doch sowieso sicher sein sollte. Mal ganz abgesehen von dem Zuwachs an Bürokratie für alle größeren Unternehmen.
Wie sollen die sowieso schon komplett überlasteten hausärztlichen Praxen das schaffen? Sollen sich noch mehr hoch infektiöse Erkrankte in das übervolle Wartezimmer quetschen und dann bisher noch nicht infizierte Personen anstecken? Gerade die ersten 2–3 Tage einer viralen Infektion der Atemwege sollten bestenfalls zu Hause verbracht werden, um andere Mitmenschen zu schützen. Diese hochansteckenden grippigen oder gastroenteritischen Patienten sollten, sofern nicht nötig, bitte nicht in unseren Praxen vorstellig werden und erst recht nicht auf ihrem Arbeitsplatz erscheinen.
Kleinere Praxen werden das Mehraufkommen an Patienten in der Akutsprechstunde nicht kompensieren und auch personell keine Video- oder Telefonsprechstunde zusätzlich anbieten können. Aus rein medizinischer Sicht ist eine Anamnese und Untersuchung an Tag 3 oder später viel zielführender als an Tag 1, wo sich die klinische Situation des Erkrankten u. a. durch die akut hochgefahrene Immunantwort oft sehr unspezifisch darstellt.
Sollen sich diese Personen dann 2 Tage später nochmals vorstellen? Oder doch lieber direkt die AU bis Ende Merz bekommen? Viel drängender als diese klientelpolitisch motivierte Diskussion sind doch strukturelle Verbesserungen unseres Gesundheitssystems! Anstatt undurchsichtige Sparmaßnahmen durchzuboxen, wären tiefgreifende und nachhaltige Reformen wichtiger.
Der vergleichende Blick in andere Länder der EU lohnt sich und lässt aus meiner Sicht nur einen Schluss zu. Wir gönnen uns das teuerste Gesundheitssystem Europas und liegen bei den Krankenhausbetten und Arztbesuchen pro Kopf in der Spitzengruppe, dennoch haben wir nicht die gesündesten Bürger Europas. Um diese Situation zu verbessern, ist aus meiner Sicht ein großer Wumms alternativlos.
Vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft und leeren Sozialkassen müssen schnellstmöglich zwei grundlegende Dinge passieren:
Sollte es weiterhin nur bei Sparmaßnahmen bleiben und keine strukturellen Reformen erfolgen, ist ein Kollaps des gesamten Gesundheitssystems zu befürchten. Dann hilft die AU ab Tag 1 oder auch bis Ende Merz auch niemandem mehr.
Ein Text von Paul Batteux.
Bildquelle: KI generiertes Bild, erstellt mit Grok