Jeden Monat eine Spritze ins Auge: Das ist nicht nur unangenehm, sondern auch zeitintensiv. Bei feuchter AMD könnte ein reiskorngroßes Implantat Patienten den Piks ersparen – und Arztpraxen die vielen Termine.
Alle paar Wochen der gleiche Ablauf: Anfahrt in die Augenklinik, Wartezimmer, dann die Spritze ins Auge, dann noch zu einem Augenarzt zur Kontrolle – ein Leben lang. Für viele, meist ältere Patienten mit feuchter altersabhängiger Makuladegeneration ist das Alltag. Eine Studie namens Sightspire an der Klinik für Augenheilkunde der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) testet nun eine Alternative: ein kleines, nachfüllbares Implantat, das kontinuierlich das Medikament ins Auge abgibt.
Die altersabhängige Makuladegeneration (AMD) ist die häufigste Ursache für Sehverlust im Alter. In Deutschland sind mehrere Millionen Menschen von der chronischen Netzhauterkrankung betroffen. Man unterscheidet eine trockene und eine feuchte Form – Letztere ist seltener, schreitet aber schneller fort.
Betroffen ist die Netzhaut im Bereich der Makula, dem Punkt des schärfsten Sehens. Die feuchte Form entsteht meist aus der trockenen AMD: Krankhafte, undichte Blutgefäße wachsen im Makulabereich und können Schwellungen, Blutungen und Sehverlust verursachen. „Es wird angenommen, dass der vaskuläre endotheliale Wachstumsfaktor (VEGF), ein Protein, zur Bildung dieser Gefäße beiträgt“, erklärt Oberärztin Dr. Ekaterina Sokolenko. Die Betroffenen büßen an Sehkraft ein und können häufig nicht mehr lesen, was die Lebensqualität stark einschränkt. In Deutschland leiden etwa 400.000 Menschen an einer feuchten AMD.
Bewährt ist seit Jahrzehnten die Therapie mit Ranibizumab, das die Wirkung der VEGF-Proteine blockiert. Dafür müssen Patienten lebenslang regelmäßig in die Augenklinik kommen, damit ihnen die Spritze ins Auge verabreicht werden kann – in individuell unterschiedlichen Abständen. „Mit jedem Besuch sind für die meist älteren Patienten und Patientinnen Anfahrt, Wartezeit und häufig auch Angst vor der Spritze verbunden“, sagt Anke Beckmann, leitende Studienkoordinatorin. „Außerdem schließt sich an die Behandlung in der Klinik immer noch ein Termin in einer niedergelassenen Augenarztpraxis an, um sicherzugehen, dass sich nach der Behandlung keine Augenentzündung entwickelt.“
„Der Bedarf an einer weniger aufwändigen, aber dennoch wirksamen und sicheren Therapiemöglichkeit ist groß“, stellt Sokolenko fest. Im Rahmen der Sightspire-Studie der Firma Roche möchten sie und ihr Team nun die Sicherheit und Wirksamkeit des sogenannten Port-Delivery-Systems (PDS) beurteilen. „Das Implantat ist etwa so klein wie ein Reiskorn und wird durch einen Zwei-Millimeter-Schnitt hinter der Linse eingesetzt. Der Eingriff dauert circa 40 Minuten und kann unter örtlicher Betäubung oder Vollnarkose erfolgen“, erläutert die Augenärztin.
Nach einer Nacht zur Überwachung kann die Patientin oder der Patient die Klinik wieder verlassen. Das Implantat ist für Dritte nicht sichtbar, es liegt versteckt unter dem Oberlid, kann ein Leben lang im Auge bleiben und gibt dort kontinuierlich die gleiche Menge des Medikaments ab. Alle sechs bis neun Monate muss das System nachgefüllt werden – dafür wird das Medikament nicht direkt ins Auge, sondern durch eine Membran in das Implantat injiziert.
Das PDS ist in den USA bereits seit 2021 zugelassen, nun ist auch der Markteintritt in Europa geplant.
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