Eine Medfluencerin tappt in die Falle und klärt für Geld über eine erfundene Krankheit auf. Der Shitstorm ist groß. Doch wir ziehen daraus die falsche Lehre: Ärzte sollen soziale Medien nicht verlassen – sie sollen in die Tasten hauen.
Eine Krankheit, die es nicht gibt. Eine Pharmafirma, die nicht existiert. Und eine Medizinerin, die trotzdem öffentlich erklärt, sie kenne das Krankheitsbild aus ihrem Studium: Der Fall der Influencerin Alina Walbrun, auf Instagram als „Doc Alina“ bekannt, klingt wie ein schlechter Scherz. Doch genau so hat er sich zugetragen.
Der YouTuber Marvin Wildhage hatte für ein Experiment die „postvirale nasale Hypersensibilität“ erfunden. Nach einem Infekt, so seine fantasievolle Story, reagiere die Nase dauerhaft überempfindlich. Wildhages Team baute dazu eine falsche Pharmafirma samt Website auf, inklusive Hinweis auf den Schwindel. Mehrere Medfluencer wurden für eine bezahlte Awareness-Kampagne angefragt. Walbrun ist in die Falle getappt. Für 3.800 Euro veröffentlichte sie eine Story über die vermeintliche Erkrankung. Nachdem das Experiment öffentlich wurde, räumte sie ihren Fehler ein und kündigte an, die 3.800 Euro sowie zusätzlich den gleichen Betrag aus eigener Tasche an Ärzte ohne Grenzen zu spenden.
Klar ist: Wer medizinische Kompetenz zur Grundlage seiner Marke macht, muss Informationen sorgfältig prüfen – erst recht, wenn Geld fließt. Doch die entscheidende Frage geht über diesen Einzelfall hinaus: Wäre es wirklich besser, wenn Ärzte Social Media anderen kampflos überlassen? Wohl kaum.
Denn Menschen suchen längst Gesundheitsinformationen auf TikTok, Instagram und YouTube. Die Frage ist nicht, ob dort über Medizin gesprochen wird, sondern wer dort spricht – und nach welchen Regeln. Mittlerweile sieht sogar die Bundesärztekammer soziale Medien als möglichen Ort gesundheitlicher Aufklärung. Sie warnt zwar vor Datenschutzproblemen, vor juristischen Fallstricken und vor Risiken für das Arzt-Patient-Verhältnis. Zu dem Schluss, Ärzte hätten dort nichts verloren, kommt sie aber nicht.
Das ist relevant, denn Ärzte genießen großes Vertrauen. Eine aktuelle Befragung des Bundesinstituts für Risikobewertung zu Nahrungsergänzungsmitteln zeigt: 84 Prozent vertrauen Ärzten, Influencern dagegen nur fünf Prozent. Trotzdem können Influencer Verhalten beeinflussen: Sechs Prozent der Nutzer von Nahrungsergänzungsmitteln geben an, Produkte auch wegen entsprechender Empfehlungen einzunehmen. Glaubwürdigkeit und Reichweite sind eben nicht dasselbe. Aber beides kann unser Verhalten beeinflussen.
Bei Medfluencern treffen beide Größen aufeinander: medizinische Autorität und im besten Fall Tausende Follower. Im Sprechzimmer ist ihre Rolle eindeutig. Auf Instagram kann ein Arzt erst eine Studie erklären, dann sein Frühstück zeigen und schließlich ein Produkt bewerben. Für Nutzer erscheint alles im selben Feed, präsentiert von derselben vertrauten Person. Das eigentliche Risiko liegt deshalb nicht in der Präsenz auf Social Media, sondern in der Vermischung von ärztlicher Autorität, persönlicher Marke und kommerziellen Interessen.
Die Ärztekammer Nordrhein weist etwa darauf hin, dass die ärztliche Berufsordnung auch in sozialen Medien gilt. Sachliche, berufsbezogene Informationen sind erlaubt, anpreisende oder irreführende Werbung dagegen nicht. Auch die Verbindung der ärztlichen Berufsbezeichnung mit gewerblichen Interessen ist begrenzt. Ein kleiner „Werbung“-Hinweis in der Ecke reicht nicht unbedingt. Nutzer müssen erkennen: Welche Qualifikation hat jemand? Worauf beruht eine medizinische Aussage? Welche wirtschaftlichen Interessen stehen dahinter?
Dass man Medfluencer nicht über einen Kamm scheren sollte, zeigt etwa Felix Berndt alias „Doc Felix“. Im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt beschreibt der approbierte Arzt seine Social-Media-Arbeit als Ergänzung, nicht als Ersatz der medizinischen Versorgung. Individuelle Beratungen gibt er nach eigenen Angaben in den Channels nicht; seine Inhalte würden anhand aktueller Studien und Fachberichte überprüft.
Sein Argument für die medizinische Präsenz auf Social Media ist überzeugend: Weil sich im Netz grundsätzlich jeder einen weißen Kittel anziehen und ein Stethoskop umhängen kann, sollten Fachleute das Feld nicht denen überlassen, die keine entsprechende Ausbildung besitzen.
Die Anforderungen an seriöse Gesundheitskommunikation sind dabei eigentlich simpel:
Denn medizinische Autorität verändert die Wirkung einer Botschaft. Wenn jemand nicht nur als beliebiger Influencer, sondern zugleich als Arzt spricht, verleiht seine Ausbildung der Aussage zusätzliches Gewicht. Gerade deshalb braucht es strengere Maßstäbe – aber keinen Rückzug von Ärzten.
Die Alternative zu Medfluencern ist keine Welt, in der Menschen ihre Gesundheitsfragen ausschließlich beim Hausarzt stellen und bis zum nächsten Termin nicht online recherchieren. Solche Zeiten sind längst vorbei. Die Alternative ist ein Feed, in dem Ärzte neben Fitness-Influencern, Supplement-Verkäufern, Coaches und selbsternannten Experten um Aufmerksamkeit konkurrieren. Algorithmen vergeben keine Reichweite nach Approbation oder Evidenzgrad.
Genau deshalb beweist die Causa „Doc Alina“ nicht, dass Mediziner besser von Social Media verschwinden sollten. Er zeigt, dass medizinische Autorität dort besondere Verantwortung mit sich bringt: Kollegen sollten sorgfältiger prüfen, klar zwischen Aufklärung und Werbung trennen, Quellen und Interessen transparent machen. Vielleicht brauchen wir nicht weniger Medfluencer. Sondern einfach mehr gute. Wenn Gesundheitsinformationen ohnehin im Feed landen, sollten Ärzte dieses Feld nicht den Laien überlassen.
Bildquelle: DocCheck, KI-generiert