Die Blutwerte stimmen, die Dosis passt – der Patient kämpft trotzdem mit Müdigkeit und Kilos. Im Netz locken dafür allerlei Fläschchen mit großen Versprechen. Was Ärzte den Kaufwilligen raten sollten.
Die Blutwerte sind unauffällig, die L-Thyroxin-Dosis passt seit Monaten – und trotzdem bleiben Müdigkeit, Gewichtszunahme oder Wortfindungsstörungen. Für Menschen mit Schilddrüsenunterfunktion ist das eine zermürbende Erfahrung, die häufig in dieselbe Richtung führt: die Suche nach Antworten im Internet. Genau dafür formuliert die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) jetzt eine deutliche Warnung.
„Trotz ausreichender Substitution mit L-Thyroxin kann es vorkommen, dass einige Beschwerden wie Müdigkeit, Gewichtszunahme oder Wortfindungsstörungen bestehen bleiben“, sagt Prof. Lars Möller, Oberarzt am Universitätsklinikum Essen.
Möller kennt die Folge dieser Verunsicherung aus der Praxis: Betroffene geraten online an Nahrungsergänzungsmittel, denen eine Wirkung auf die Schilddrüsenhormone zugeschrieben wird. Für den Patienten scheint es wie eine einfache Lösung. „Wir raten davon ab, ohne Rücksprache mit Endokrinologen solche Präparate einzunehmen. Bleiben Beschwerden trotz unauffälliger Werte bestehen, braucht es eine ärztliche Abklärung“, so Möller.
Hersteller derartiger Präparate, die derzeit vor allem online beworben werden, greifen genau diese Unsicherheit auf. Häufig wird behauptet, Ursache der Symptome sei eine gestörte Umwandlung von L-Thyroxin in T3. Inhaltsstoffe wie Selen, Cholin oder Pflanzenextrakte wie Mariendistel sollen diesen Prozess angeblich unterstützen. „Für eine solche Behandlung gibt es jedoch keinen Wirksamkeitsnachweis“, so Möller.
Auch der Verweis auf den Stoffwechsel verkürzt die Fakten: T4 wird nicht nur in der Leber, sondern auch in anderen Geweben zu T3 umgewandelt. Hier werde gezielt mit der Unsicherheit der Patienten bezüglich ihrer Schilddrüsenhormoneinstellung gespielt. „Wissenschaftliche Veröffentlichungen werden teils aus dem Zusammenhang zitiert, zumeist auch ohne konkreten Bezug zum Präparat. Aus einzelnen Laborbefunden oder beobachteten Zusammenhängen lässt sich keine Wirkung eines Präparats ableiten“, erklärt Möller.
Besonders kritisch sieht die DGE Inhaltsstoffe mit möglicher Wirkung auf den Schilddrüsenhormontransport. Für Silychristin, eine Substanz aus Mariendistelextrakten, zeigen Untersuchungen, dass sie den Schilddrüsenhormon-Transporter MCT8 hemmen kann. MCT8 ist ein Transporteiweiß, das Schilddrüsenhormone in die Zellen bringt – eine regelmäßige Einnahme könnte die zu behandelnden Symptome demnach sogar verstärken, statt sie zu lindern.
Auch Cholin, früher als Vitamin B4 bezeichnet, sollte nicht leichtfertig eingenommen werden: Einer aktuellen Studie zufolge können erhöhte Cholinkonzentrationen mit niedrigem Schilddrüsenhormonstatus, erhöhtem TSH im Blut sowie einem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert sein. „Diese Studien zeigen, dass eine Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln nicht immer unkritisch ist. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn die behauptete Wirkung eines Präparats sehr schwammig formuliert ist“, betont Möller.
Ärzte sollten Patienten bei fortbestehenden Beschwerden trotz ausreichender L-Thyroxin-Substitution ermutigen, diese in der Sprechstunde anzusprechen. Zur Unterstützung kann nach der richtigen Einnahme gefragt werden. Außerdem ist es wiederholend sinnvoll, über die möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder Nahrungsergänzungsmitteln aufzuklären und Begleiterkrankungen sowie andere Ursachen für unspezifische Symptome zu besprechen. Der Patient sollte davon abgehalten werden, mit L-Thyroxin selbstständig an der Dosis zu experimentieren oder das Medikament gar abzusetzen. Was für Ärzte selbstverständlich ist, können manche Patienten nicht genug hören. Denn „Online-Werbung kann sehr überzeugend wirken, besonders wenn die beworbenen Produkte lästige Beschwerden wie Müdigkeit oder Gewichtszunahme aufgreifen“, sagt Dr. Birgit Harbeck, Mediensprecherin der DGE.
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