China war lang die Werkbank der Pharmabranche. Jetzt entwickelt das Land die Medikamente selbst und kassiert Milliarden. Deutschland versucht verzweifelt, die Produktion zurückzugewinnen. Reicht das?
Über Jahrzehnte gab es in der Pharmabranche eine recht klare Arbeitsteilung: Viele innovative Arzneimittel kamen aus den USA oder aus Europa, während China und Indien zu wichtigen Standorten für Wirkstoffe, Vorprodukte und Generika gehört haben. Doch dieses Bild kippt. „2030 werden chinesische Unternehmen meine Konkurrenz sein – nicht Merck“, bestätigte Pfizer-Chef Albert Bourla kürzlich.
China hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der weltweit wichtigsten Standorte für biopharmazeutische Forschung und Entwicklung entwickelt. Nach McKinsey-Schätzungen entfielen 2025 rund 30 % der weltweit in klinischer Entwicklung befindlichen innovativen Wirkstoffkandidaten auf China. Besonders ausgeprägt ist Chinas Stellung in der Onkologie sowie bei neuartigen Therapieformen wie Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten, bispezifischen Antikörpern und Zelltherapien. Doch wie ist dieser Wandel gelungen?
Ein wichtiger Faktor für Chinas Aufstieg ist Geschwindigkeit. Die chinesische Arzneimittelbehörde NMPA hat ihre Verfahren in den vergangenen Jahren grundlegend reformiert und deutlich beschleunigt. Bei Anträgen auf klinische Studien gilt heute: Erhebt das zuständige Center for Drug Evaluation innerhalb von 60 Arbeitstagen keine Einwände, kann die Studie beginnen.
2024 legte Peking noch einmal nach. In bestimmten Regionen wurde ein Pilotverfahren eingeführt, das die Prüfung klinischer Studien für besonders innovative Medikamente von 60 auf 30 Arbeitstage verkürzte. 2025 wurde dieser Ansatz weiterentwickelt und breiter angewendet. Für geeignete innovative Arzneimittel gibt es damit einen beschleunigten 30-Tage-Pfad. Gleichzeitig sank die durchschnittliche Bearbeitungszeit für Anträge auf klinische Studien nach Angaben der NMPA auf rund 50 Arbeitstage. Komplexere Fälle können weiterhin in das reguläre Verfahren zurückfallen.
Doch schnelle Genehmigungen sind nur ein Teil des Erfolgs. China kann neue Medikamente für einen riesigen Heimatmarkt entwickeln und erproben. Große Patientenzahlen erleichtern es, Teilnehmer für klinische Studien zu finden – gerade in der Onkologie, wo für einzelne Krebsarten und Biomarker oft sehr spezifische Patientengruppen benötigt werden. Pfizer-Chef Bourla sagte 2025 laut Reuters, chinesische Biopharmaunternehmen könnten Patienten für Studien zwei- bis fünfmal schneller rekrutieren als US-Unternehmen.
Gleichzeitig ist in den vergangenen Jahren ein dichtes Netzwerk aus Universitäten, Forschungseinrichtungen, Biotech-Unternehmen, Auftragsforschern und Arzneimittelherstellern entstanden. Dadurch liegen Forschung, klinische Entwicklung und Produktion häufig näher beieinander und lassen sich schneller miteinander verzahnen.
Hinzu kommt eine gezielte Industriepolitik. Peking betrachtet Biotechnologie und innovative Arzneimittel als strategisch wichtige Zukunftsfelder und fördert den Aufbau entsprechender Forschungs- und Produktionskapazitäten. Auch regionale Biotech-Zentren wie Shanghai, Suzhou und Peking haben sich zu Clustern entwickelt, in denen Wissenschaft, Unternehmen, Investoren und spezialisierte Dienstleister aufeinandertreffen.
Auch Chinas Preismodell dürfte den Wandel beschleunigt haben. Seit 2018 setzt der Staat auf eine mengenbasierte Beschaffung (NVBP): Pharmaunternehmen erhalten große Abnahmemengen, müssen dafür aber erhebliche Preisnachlässe gewähren. Das setzt vor allem die Margen bei Generika und älteren Standardpräparaten unter Druck.
Einige Untersuchungen finden steigende Investitionen in Forschung und Entwicklung und eine höhere Qualität der Innovationsaktivitäten. Die Ergebnisse sind allerdings nicht immer klar; teilweise zeigen Arbeiten mehr Innovationsinput und höhere Qualität, aber nicht zwingend eine größere Zahl neuer Innovationsoutputs (siehe u. a. hier, hier und hier).
Der Preisdruck allein erklärt Chinas Biotech-Boom allerdings nicht. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Wettbewerb, staatlicher Förderung, Kapital, schnelleren Verfahren und einer leistungsfähigen Forschungsinfrastruktur.
Wie weit diese Entwicklung fortgeschritten ist, zeigen Beispiele aus dem europäischen Markt:
Das zeigt: China exportiert damit längst nicht mehr nur Wirkstoffe, Vorprodukte und Generika. Es exportiert zunehmend auch pharmazeutische Innovation.
Noch deutlicher zeigt sich der Wandel bei den Lizenzgeschäften. Chinesische Biotechs entwickeln Wirkstoffe bis zu einem klinisch interessanten Stadium und lizenzieren anschließend internationale Rechte an westliche Pharmakonzerne. Sie brauchen dafür keine eigene globale Vertriebsorganisation – und westliche Konzerne erhalten Zugang zu einer schnell wachsenden Pipeline.
Nach PharmCube-Daten erreichten Out-Licensing-Deals chinesischer Entwickler 2025 einen angekündigten potenziellen Gesamtwert von rund 135,7 Milliarden Dollar. Diese Summe ist allerdings nicht mit tatsächlich geflossenem Geld gleichzusetzen: Sie enthält vor allem erfolgsabhängige Meilensteinzahlungen, die nur fällig werden, wenn bestimmte Entwicklungs-, Zulassungs- oder Umsatzziele erreicht werden. Die unmittelbar vereinbarten Vorauszahlungen lagen nach PharmCube-Daten bei rund 7 Milliarden Dollar (siehe u. a. hier und hier). Mitunter werden gestaffelte Meilensteinzahlungen nur zu einem Teil tatsächlich abgerufen, weil Entwicklungsprogramme scheitern oder sich verzögern.
Die Größenordnung einzelner Vereinbarungen ist laut Nature dennoch bemerkenswert. Ein umfangreiches Kooperationspaket zwischen GeneQuantum, Biohaven und AimedBio wurde mit einem potenziellen Gesamtwert von rund 13 Milliarden Dollar beziffert. GSK und Jiangsu Hengrui vereinbarten eine Partnerschaft, die einen COPD-Kandidaten sowie Optionen auf bis zu 11 weitere Programme umfasst. GSK zahlt zunächst 500 Millionen Dollar; bei Erreichen sämtlicher vereinbarter Entwicklungs-, Zulassungs- und kommerzieller Meilensteine könnten weitere rund 12 Milliarden Dollar hinzukommen.
Pfizer wiederum zahlte 3SBio zunächst 1,25 Milliarden Dollar für Rechte an einem Krebswirkstoff. Weitere Zahlungen hängen vom Erreichen vereinbarter Meilensteine ab; insgesamt könnte der Deal auf rund 6 Milliarden Dollar anwachsen. Auch 2026 setzt sich die Dynamik fort. Für das erste Quartal wurden Vereinbarungen mit einem potenziellen Gesamtvolumen von rund 60 Milliarden Dollar gemeldet. Auch hier handelt es sich um mögliche Gesamtwerte einschließlich künftiger Meilensteinzahlungen und nicht um bereits geflossene 60 Milliarden Dollar.
Damit dreht sich die traditionelle Rollenverteilung teilweise um: Mitunter entsteht der Wirkstoff zunächst bei einem chinesischen Entwickler in Shanghai, Suzhou oder Peking, während ein amerikanischer oder europäischer Konzern anschließend Teile der globalen Entwicklung, Zulassung und Vermarktung übernimmt.
Während China seine Innovationspipeline ausbaut, konzentriert sich ein wichtiger Teil der europäischen Pharmapolitik auf Versorgungssicherheit. Bei Generika und kritischen Wirkstoffen haben anhaltender Preisdruck und Kostenvorteile anderer Produktionsstandorte dazu beigetragen, dass erhebliche Produktionskapazitäten aus Europa abgewandert sind.
Spätestens seit den Lieferengpässen während der Corona-Pandemie gilt die starke geografische Konzentration einzelner Lieferketten als strategisches Risiko. Genau deshalb sollen Teile der Produktion wieder nach Europa verlagert werden (Reshoring). Das ist notwendig, aber es löst nur einen Teil des Problems.
Denn während Europa trotz Life-Sciences-Strategie und dem geplanten Biotech-Act erhebliche Ressourcen darauf verwendet, die Produktion etablierter und kritischer Medikamente abzusichern, könnte China bei der nächsten Generation von Arzneimitteln zu einem immer wichtigeren Innovationslieferanten werden. Die Gefahr ist, alte Abhängigkeiten zu verringern, um bei innovativen Wirkstoffen in neue Abhängigkeiten zu rutschen.
Das bedeutet: Europa muss unverzichtbare generische Arzneimittel wieder verlässlicher und wirtschaftlich produzieren können. Gleichzeitig dürfen die Nationen bei innovativen Medikamenten technologisch und wirtschaftlich nicht ins Hintertreffen geraten.
Wer frühere Produktionskapazitäten zurückholt, gewinnt keinen Innovationswettbewerb. Und wer nur auf neue Wirkstoffe setzt, löst das Problem fragiler Lieferketten nicht. Die eigentliche Lehre aus China lautet deshalb: Versorgungssicherheit und Innovation dürfen nicht länger als zwei getrennte Aufgaben behandelt werden. Europa braucht eine Pharmastrategie, die beides zusammenbringt.
Bildquelle: Nano Banana 2