BLOG | „Ich war aber vorher da!“ Stimmt! Dafür kannst du aber noch stehen, will ich schreien. Wer in der Notaufnahme wartet, sieht nur den eigenen Platz in der Schlange – und kommt auf unverfrorene Ideen.
Der Autor ist der Redaktion bekannt und möchte anonym bleiben.
„Der andere kam doch erst nach an!“ Den Satz höre ich in der Notaufnahme ziemlich oft. Mal laut, mal genervt, manchmal mit einem Ton, bei dem man schon weiß: Das Gespräch wird jetzt nicht einfacher. Ich kann den Ärger sogar verstehen. Wenn man mit einer Verletzung in die Notaufnahme kommt, sich anmeldet und dann Stunden verstreichen, während andere Patienten scheinbar einfach an einem vorbeiziehen – dann fragt man sich irgendwann: Was soll das eigentlich? Nur: Eine Notaufnahme funktioniert nicht nach dem Prinzip „Wer zuerst kommt, kommt zuerst dran“. Das musste auch ein Patient letzte Woche verstehen.
Ein Mann hatte sich zu Hause am Finger geschnitten. Die Wunde war bereits ordentlich versorgt. Er kam trotzdem zu uns, weil er wissen wollte, ob die Verletzung vielleicht tiefer ging und beispielsweise Sehnen oder Knochen betroffen waren. Nach der Anmeldung hieß es also: warten. Und er wartete. Währenddessen kamen Rettungswagen. Kinder mit hohem Fieber. Erwachsene mit hohem Fieber. Patienten mit Brustschmerzen und Verdacht auf Herzinfarkt. Fälle, bei denen einfach niemand sagen kann: „Die können noch zwei Stunden warten.“
Der Mann mit dem geschnittenen Finger saß derweil im Wartebereich. Eine zweite Stunde. Noch eine dritte Stunde. Irgendwann kam er zur Anmeldung und fragte, warum er so lange warten müsse. Ein anderer Patient, der nach ihm gekommen war, sei schließlich schon dran gewesen. Tja. Genau hier beginnt das Problem mit der Notaufnahme. Der Patient sieht nur den Wartebereich. Er sieht, wer nach ihm gekommen ist. Er sieht, wer aufgerufen wird. Was er nicht sieht, ist das, was hinter den Türen passiert.
Er sieht nicht den Rettungswagen, der gerade einen Patienten mit akuten Brustschmerzen bringt. Er sieht nicht die Kollegen, die gleichzeitig versuchen, mehrere Patienten zu versorgen. Er sieht nicht, dass wir manchmal innerhalb weniger Minuten entscheiden müssen, wer jetzt wirklich sofort Hilfe braucht. Und vor allem sieht er nicht, dass wir nicht irgendwo sitzen und darauf warten, dass die Zeit vergeht.
Natürlich kann man einem Patienten erklären, warum er warten muss. Das gehört dazu. Und natürlich versuchen wir, ruhig und freundlich zu bleiben. Aber irgendwann wird man auch als Pflegekraft müde, wenn man zum wiederholten Mal erklärt, warum jemand anderes vorgezogen wird. Bei diesem Patienten war irgendwann eine Kollegin ziemlich deutlich: „Wir sitzen hier nicht herum. Es kommen ständig dringende Fälle mit dem Rettungsdienst. Diese Patienten müssen zuerst versorgt werden.“ Er musste also weiter warten. Und er wartete. Noch eine Stunde hielt er es aus, aber irgendwann hatte er offenbar genug. Er ging nach Hause.
Der Fall schien erledigt. Doch wenige Stunden später stand derselbe Patient wieder vor uns – diesmal nicht zu Fuß, sondern mit einem unfreiwilligen Taxi. Seine ungewöhnliche Idee: Er hatte tatsächlich den Rettungswagen gerufen, um zurück in die Notaufnahme gebracht zu werden. In der Hoffnung, jetzt schneller dran zu kommen.
Und da saß er wieder. Mit seinem Finger. Natürlich wurde er erneut triagiert und wieder derselben Dringlichkeitsstufe zugeordnet wie bei seinem ersten Besuch. Die Situation war also eigentlich genau die gleiche – nur dass er diesmal mit dem Rettungsdienst gekommen war. Der Frust bei uns war jedoch groß. Nicht nur, weil dadurch ein Rettungsmittel gebunden wurde, das an anderer Stelle dringend gebraucht werden könnte. Auch die Kollegen im Rettungsdienst hatten dadurch zusätzliche Arbeit und Zeit verloren.
Doch was soll man machen? Selbst wenn wir uns über die Situation ärgern – der Patient bleibt ein Patient. Genau das ist vielleicht eine der schwierigsten Seiten an der Arbeit in der Notaufnahme. Man muss lernen, mit solchen Situationen umzugehen. Mit Ungeduld. Mit Beschwerden. Mit Menschen, die überzeugt sind, dass sie jetzt sofort dran sein müssten. Und manchmal auch mit Entscheidungen anderer, die man selbst nicht unbedingt nachvollziehen kann.
Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass hinter jeder Beschwerde ein Mensch sitzt, der seine Situation vielleicht einfach nicht anders einschätzen kann. Der Patient sieht seine Wartezeit. Wir sehen alle Patienten. Er sieht, dass jemand nach ihm aufgerufen wird. Wir wissen, warum. Er denkt vielleicht: „Die kümmern sich nicht um mich.“ Und wir denken: „Wenn du sehen könntest, was gerade hinter dieser Tür passiert.“ Beide Seiten erleben dieselbe Situation – aber aus völlig unterschiedlichen Perspektiven.
Und manchmal sitzt am Ende eben ein Mann mit einem geschnittenen Finger wieder bei uns im Wartebereich. Mit einem Rettungswagen angekommen. Und ganz genau wie davor wird er wieder blau eingestuft. So ist das Leben in der Notaufnahme.
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