Rezept digital, Akte klickbereit – das ist Alltag in der Praxis. Im Krankenhaus dagegen regiert noch das Papier. Die ePA ist Pflicht, doch was bringt sie wirklich?
An der elektronischen Patientenakte führt für Leistungserbringer kaum ein Weg vorbei. Seit 1. Oktober 2025 sind alle Leistungserbringer verpflichtet, die ePA zu nutzen und sie mit gesetzlich festgelegten Daten aus der Behandlung zu befüllen. Dazu gehören unter anderem Befunde und Arztbriefe. Für Versicherte selbst bleibt die ePA dagegen freiwillig: Sie können ihrer Einrichtung und Nutzung widersprechen.
Die Idee dahinter: Informationen sollen dort verfügbar sein, wo sie gebraucht werden – unabhängig davon, wer einen Patienten zuvor behandelt hat. Das zur Theorie. Wo ist noch Sand im Getriebe?
Eine Antwort liefert der TI-Atlas 2026 der gematik. Demnach arbeiten mittlerweile knapp 70 % aller Arztpraxen intensiv mit der ePA. In Krankenhäusern setzt sie dagegen erst etwa die Hälfte kontinuierlich im Alltag ein. Der TI-Atlas wird von der gematik gemeinsam mit dem IGES Institut erstellt. Für die Erhebung im Mai 2026 hatten die Autoren 43.687 Leistungserbringer und Krankenkassen eingeladen; 5.057 Einrichtungen und Organisationen nahmen teil.
Dabei sind Kliniken keineswegs untätig. Eine repräsentative Befragung des Deutschen Krankenhausinstituts unter 489 Krankenhäusern zeigte Anfang 2026: 90 % hatten mit der technischen Inbetriebnahme der ePA in ihrem führenden Krankenhausinformationssystem begonnen. Ende Februar erwarteten allerdings nur 57 %, sie noch im ersten Halbjahr im gesamten Haus einsetzen zu können. Das Problem ist also weniger, dass die Kliniken die ePA nicht hätten. Vielmehr muss die Technik erst in einen komplexen Betrieb aus Stationen, Ambulanzen, Notaufnahme, Pflege, Labor und zahlreichen IT-Systemen integriert werden. Dass das nicht reibungslos funktioniert, hatte sich bereits vor dem Pflichtstart gezeigt. In einer DKI-Befragung vom August 2025 berichteten Krankenhäuser von einer aufwendigeren technischen Einführung als erwartet. Updates haben gefehlt, die Qualität der Software wurde teilweise kritisiert.
Die unterschiedliche Nutzung kann nicht zwangsläufig als eine Frage der Motivation gewertet werden. Eine ePA in einer Praxis einzuführen, ist eben etwas anderes, als sie in die Abläufe eines ganzen Krankenhauses mit seinen zahlreichen Berufsgruppen, Abteilungen und IT-Systemen zu integrieren.
Doch wie wird die Nutzung im Krankenhaus von Ärzten empfunden? Dr. Johannes Heinemann, Neurologe am Uniklinikum Freiburg erklärt auf Nachfrage von DocCheck:
„Der Start der ePA liegt ja jetzt schon mehr als ein Jahr zurück. Die Anwendung in der Klinik startet meiner Erfahrung nach allerdings eher träge. Während es in den Praxen ja mittlerweile Standard ist, dass Rezepte digital ausgestellt werden und Dokumente digital hochgeladen und abgerufen werden, ist bei uns der Papierweg immer noch Standard. Woran es genau liegt? Das hat meines Erachtens nach unterschiedliche Gründe: Zum einen besteht oft das Gefühl, dass man die Arbeitslast an einem Tag gerade so mit den bewährten Methoden bewältigen kann. Zeit, etwas Neues auszuprobieren, ist oft nicht da. Und auch wenn man sich bewusst ist, dass der digitale Weg mittelfristig eine Zeitersparnis darstellt, kostet es kurzfristig natürlich erstmal Zeit, neue Prozesse zur Routine werden zu lassen. Auch hängt die Nutzung davon ab, was von den Kollegen vorgelebt wird. Ich könnte mir vorstellen, dass, sobald eine Mehrzahl der Mitarbeitenden die Möglichkeiten der ePA nutzen wird, auch der trägere Teil der Mitarbeiterschaft motiviert ist, zu folgen. Der Nutzung stehen teilweise auch noch organisatorische Hürden im Weg. Die Verwendung scheint nicht komplett intuitiv zu sein, es braucht neue Geräte und Programme. Damit die Nutzung sich schneller verbreitet, muss die Hürde für den Einstieg wahrscheinlich noch geringer werden. Ein Beispiel ist der elektronische Heilberufsausweis. Auch wenn dieser eigentlich verpflichtend ist, gibt es noch viele in der Klinik arbeitende Ärzte, die diesen nicht besitzen und damit in der Nutzung der ePA limitiert sind.Ein Feature der ePA, die in der Klinik auch jetzt schon zunehmend zum Einsatz kommt, ist der Abruf des elektronischen Medikamentenplans. Allerdings gehen auch die meisten Patienten noch davon aus, dass die Kliniken noch nicht vollständig digitalisiert sind und bringen meist den Medikamentenplan mit.Aber insgesamt muss ich als Klinikarzt neidlos anerkennen: Die innovationsfreudigeren und digitaleren Ärzte finden sich, was die ePA angeht, eindeutig im niedergelassenen Bereich.“
„Der Start der ePA liegt ja jetzt schon mehr als ein Jahr zurück. Die Anwendung in der Klinik startet meiner Erfahrung nach allerdings eher träge. Während es in den Praxen ja mittlerweile Standard ist, dass Rezepte digital ausgestellt werden und Dokumente digital hochgeladen und abgerufen werden, ist bei uns der Papierweg immer noch Standard.
Woran es genau liegt? Das hat meines Erachtens nach unterschiedliche Gründe: Zum einen besteht oft das Gefühl, dass man die Arbeitslast an einem Tag gerade so mit den bewährten Methoden bewältigen kann. Zeit, etwas Neues auszuprobieren, ist oft nicht da. Und auch wenn man sich bewusst ist, dass der digitale Weg mittelfristig eine Zeitersparnis darstellt, kostet es kurzfristig natürlich erstmal Zeit, neue Prozesse zur Routine werden zu lassen. Auch hängt die Nutzung davon ab, was von den Kollegen vorgelebt wird. Ich könnte mir vorstellen, dass, sobald eine Mehrzahl der Mitarbeitenden die Möglichkeiten der ePA nutzen wird, auch der trägere Teil der Mitarbeiterschaft motiviert ist, zu folgen. Der Nutzung stehen teilweise auch noch organisatorische Hürden im Weg. Die Verwendung scheint nicht komplett intuitiv zu sein, es braucht neue Geräte und Programme. Damit die Nutzung sich schneller verbreitet, muss die Hürde für den Einstieg wahrscheinlich noch geringer werden. Ein Beispiel ist der elektronische Heilberufsausweis. Auch wenn dieser eigentlich verpflichtend ist, gibt es noch viele in der Klinik arbeitende Ärzte, die diesen nicht besitzen und damit in der Nutzung der ePA limitiert sind.Ein Feature der ePA, die in der Klinik auch jetzt schon zunehmend zum Einsatz kommt, ist der Abruf des elektronischen Medikamentenplans. Allerdings gehen auch die meisten Patienten noch davon aus, dass die Kliniken noch nicht vollständig digitalisiert sind und bringen meist den Medikamentenplan mit.Aber insgesamt muss ich als Klinikarzt neidlos anerkennen: Die innovationsfreudigeren und digitaleren Ärzte finden sich, was die ePA angeht, eindeutig im niedergelassenen Bereich.“
Wer mit der ePA arbeitet, sieht einen Nutzen
Entscheidender als die Frage, wie schnell die Technik eingeführt wird, ist ohnehin ein anderer Aspekt: Hilft die ePA Ärzten tatsächlich bei der Behandlung? Mehr als zwei Drittel der regelmäßig ePA-nutzenden Praxen und Krankenhäuser geben laut TI-Atlas an, wichtige Patienteninformationen dadurch schneller zur Verfügung zu haben. 60 % berichten, dass ihnen Informationen umfassender vorliegen. Und offenbar bleibt es nicht beim bequemeren Informationszugang. Die ePA verändert nach Angaben der Befragten auch die Behandlung: 54 % der intensiv nutzenden Arztpraxen und 53 % der Krankenhäuser sagen, dass sie Patienten mithilfe der ePA beziehungsweise der elektronischen Medikationsliste schon besser behandeln konnten. Besonders groß scheint der Vorteil dort zu sein, wo Informationen typischerweise fehlen. Drei Viertel aller Praxen und Krankenhäuser gaben laut TI-Atlas an, Patienten vor allem beim Erstkontakt dank der ePA besser behandeln zu können.
Genau hier zeigt sich der mögliche Nutzen besonders anschaulich: Ein unbekannter Patient kommt in die Praxis oder Notaufnahme. Welche Diagnosen bestehen? Welche Untersuchungen wurden bereits gemacht? Welche Medikamente nimmt er ein? Gibt es aktuelle Arztbriefe? Statt diese Informationen mühsam zu rekonstruieren, könnten sie bereits vorliegen.
Auch bei der Medikation zeigt sich besonders konkret, welchen Nutzen eine möglichst vollständige digitale Informationsbasis haben kann. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums gehen in Deutschland schätzungsweise 250.000 Krankenhauseinweisungen pro Jahr auf Medikationsfehler zurück. Die elektronische Medikationsliste wird über die E-Rezept-Daten automatisch befüllt. Ärzte können dadurch nachvollziehen, welche Medikamente über E-Rezepte verordnet und abgegeben wurden. So könnte die konsequente Nutzung solchen Einweisungen entgegenwirken.
Die ePA in der Niederlassung: Was Kollegen sagen
„Es ist unglaublich, wie viel Zeit ich jetzt schon durch die ePA spare.“– Dr. Hiwa Dashti, Facharzt für Innere Medizin, im AOK-Blog.
„Ich kann sofort sehen, welche Medikamente sich vertragen, ob es Wechselwirkungen gibt und im Vertretungsfall erkennen, welche Medikamente die Patientin oder der Patient regelmäßig bekommt.“– Dr. Beatrice Staudt, Fachärztin für Allgemeinmedizin, im YouTube-Video.
Auch für Kliniken könnte eine möglichst vollständige Medikationsübersicht besonders relevant sein. Wer einen multimorbiden Patienten als Notfall aufnimmt, kennt die Detektivarbeit: Medikamentenplan in der Brieftasche, alte Arztbriefe, Angaben von Angehörigen, mitgebrachte Tablettenpackungen – und im Zweifel widerspricht sich alles. Eine digitale Übersicht macht tatsächlich einen Unterschied. Sie ersetzt zwar nicht die ärztliche oder pharmazeutische Prüfung der Medikation. Sie kann aber eine bessere Grundlage dafür schaffen, mögliche Doppelverordnungen, problematische Kombinationen oder bislang unbekannte Arzneimittel schneller zu erkennen.
Doch je mehr Informationen in der ePA zusammenkommen, desto stärker tritt ein neues Problem in den Vordergrund: Informationen in der Akte zu haben bedeutet noch lange nicht, sie auch schnell zu finden. Rund 90 % der Leistungserbringer wünschen sich laut TI-Atlas deshalb eine Volltextsuche. Was zunächst banal klingen mag, entscheidet im Alltag über die Nutzbarkeit. Niemand möchte zig PDFs öffnen, um einen bestimmten Befund zu suchen.
Damit kommt die ePA an einen entscheidenden Punkt ihrer Entwicklung. Es reicht nicht, immer mehr Dokumente in einer digitalen Ablage zu sammeln. Die relevanten Informationen müssen innerhalb weniger Sekunden auffindbar sein und sich möglichst reibungslos in die bestehenden Systeme integrieren. Sonst wird aus dem Papierstapel lediglich ein PDF-Haufen.
Doch selbst die beste Suchfunktion löst nicht alle Herausforderungen der ePA. Denn ihr eigentliches Versprechen liegt im Austausch zwischen verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens. Eine Patientenakte entfaltet ihren Wert vor allem, wenn Informationen über Sektorengrenzen hinweg verfügbar sind. Bleibt diese Kette an einer Stelle hängen, kann schnell Frust entstehen. Wer regelmäßig Daten einstellt, aber nicht erlebt, dass andere sie nutzen, empfindet die ePA vor allem als zusätzliche Dokumentationspflicht. Wer umgekehrt hineinschaut und kaum relevante Informationen findet, hat beim nächsten Patienten wenig Anreiz, erneut danach zu suchen.
Aktuelle Zahlen zeigen, dass dieser Kreislauf zunehmend in Gang kommt. Die ePA ist längst nicht mehr nur ein politisches Wolkenkuckucksheim. Knapp 70 % intensive Nutzung in Arztpraxen und rund 50 % kontinuierliche Nutzung in Krankenhäusern sind noch keine flächendeckende Routine – aber auch weit entfernt von einem System, das niemand verwendet.
Bildquelle: Tanja Tepavac, Unsplash