Das Metamizol im Rettungswagen läuft im August ab und wird aussortiert, während ich noch einige Runden in ihm drehen muss. Hier sitze ich also und kontrolliere die Ampullen – unfreiwilliger Seitenblick auf die eigene Halbwertszeit inklusive.
Am letzten Donnerstag des Monats prüfe ich das Ampullarium unseres Rettungswagens. Das ist eine Dienstanweisung. Der Rettungswagen steht direkt vor der Wache, wo er immer steht. Ich sitze hinten auf dem Begleitersitz, dort, wo sonst Angehörige sitzen. Das Ampullarium liegt neben mir auf der Trage, die Bestandsliste auf meinen Knien. Ich drehe Ampullen ins Neonlicht der Innenraumbeleuchtung: Amiodaron, Urapidil, Glucose, Midazolam. Ich lese Chargennummern, die niemand hören will, und Daten, die aussehen wie Geburtstage. Eine Ampulle Metamizol, ein Schmerzmittel, läuft im August ab. Im August werde ich zweiundfünfzig.
Ich lege sie beiseite, für die Kiste mit der Aufschrift „Verfall“. Die Kiste, die an der Seite schon eingerissen ist, besteht aus dünnem, grauem Kunststoff und steht drinnen im Lager unter dem PC. Wer auch immer sie beschriftet hat, hat sich nichts dabei gedacht: Auf der Packung steht „verwendbar bis“, im Arzneimittelgesetz heißt es Verfallsdatum, auf unserer Kiste steht nur noch Verfall. Je näher man der Praxis kommt, desto kürzer werden die Wörter.
Mein Körper ist Arbeitsmittel. So steht es sinngemäß in der Gefährdungsbeurteilung meines Arbeitgebers, und Arbeitsmittel werden geprüft. Alle drei Jahre gehe ich deshalb zum Betriebsarzt, und alle drei Jahre frage ich mich hinterher, was genau jetzt geprüft worden ist. Bei der letzten Sichtfeldprüfung fiel ich durch, weil das Gerät falsch angelegt war. Die MFA prüfte einfach weiter, Durchgang um Durchgang, bis das Ergebnis passte. Technik mit Zukunft: Man kann so lange messen, bis es wieder stimmt. Die Blutentnahme durfte ich beim Hausarzt nachreichen, meine Arbeitskraft wurde als Loseblattsammlung begutachtet. Der Rettungswagen kommt aus der Werkstatt besser zurück, als er hineingefahren ist. Ich komme mit einem Stempel zurück. Am Ende stand trotzdem ein Befund: alles in Ordnung, alles altersentsprechend. Ich kenne das Wort. Ich schreibe es selbst in Einsatzprotokolle, wenn ich sagen will: kaputt, aber erwartbar kaputt.
Es gab Jahrzehnte, in denen mein Körper unsichtbar war. Mit zwanzig war er eine Selbstverständlichkeit, ich habe ihn behandelt wie einen Mietwagen mit Vollkasko. Mit dreißig war er ein Werkzeug, das funktionierte, wenn man es benutzte, und auch, wenn nicht. Mit vierzig wurde er ein Kollege, mit dem man sich abspricht. Jetzt, kurz vor zweiundfünfzig, ist er ein Patient, den ich gewissenhaft mitversorge, auf eigene Rechnung: Ich erhebe Befunde, ich dokumentiere Verläufe, ich trainiere ihn, ich halte ihn muskulös wie ein Gerät, dessen Wartungsvertrag ich ernst nehme.
Es nützt, ändert aber nichts an der Richtung. Die am besten gewartete Maschine altert auch – nur gepflegter. Dabei mache ich diesen Beruf inzwischen lange genug, um in Berufsbezeichnungen zu altern. Rettungssanitäter, Rettungsassistent, Notfallsanitäter. Drei Namen, zwei Gesetze, derselbe Rücken. Die Defibrillatoren wurden leistungsfähiger, die Protokolle länger, die Treppenhäuser sind geblieben. Wenn ich Praktikanten erzähle, dass wir Blutdruck früher im fahrenden Auto gemessen haben, palpatorisch – das heißt: mit zwei Fingern am Handgelenk und Erfahrung – sehen sie mich an, als läse ich Feldpost vor.
Die andere Inventur führe ich nebenbei, denn sie steht auf keiner Liste. Ich besitze seit einiger Zeit eine Gleitsichtbrille. Sie war teuer, sie ist gut, sie liegt zu Hause. Im Dienst trage ich sie nicht, aus Gründen, die ich Gewohnheit nenne und die aber Eitelkeit heißen. Ampullen lese ich stattdessen mit ausgestrecktem Arm. Ein Nachtdienst kostet mich inzwischen zwei Tage. Ich zahle in einer Währung, die nicht nachproduziert wird. Und ich verhandle mit meinen Knochen wie mit einer Leitstelle: Ich sage, was ich brauche, und bekomme, was verfügbar ist.
Es gibt eine Uhrzeit, zu der der Körper jedoch nicht mehr verhandelt, sondern Klartext redet. Bei mir ist das 03:40 Uhr. Der Alarmempfänger geht, und der Weg zum Wagen führt durch die Haustür direkt ins Freie, über drei Meter Außenwelt. Im Sommer riechen sie nach nasser Straße, im Winter sind es die ehrlichsten drei Meter des Tages. Früher war ich nach dreißig Sekunden fahrbereit und nach zwei Minuten ansprechbar, heute ist die Reihenfolge Verhandlungssache. Ich funktioniere trotzdem, das ist das Unheimliche daran: Die Handgriffe wohnen tiefer als die Müdigkeit und kommen von allein. Blutdruckmanschette, Sauerstoff, die immergleichen Fragen. Aber irgendwo zwischen Wache und Einsatzort, an der Ampel, die nachts auf Gelb blinkt, denke ich neuerdings einen Satz, den ich mit dreißig nie gedacht habe: nicht mehr lange. Ich meine damit die Nacht. Meistens.
Es gibt die Gegenrechnung, die ich kenne und selbst gern anführe: Erfahrung altert andersherum. Ich brauche heute drei Sekunden für Entscheidungen, für die ich mit dreißig drei Minuten gebraucht habe, ich finde Venen, die es dem Lehrbuch nach nicht gibt, und höre am Ton, in dem eine Wohnungstür geöffnet wird, ob es ernst wird. Das ist mein Kapital. Es hat nur eine Eigenschaft, über die niemand gern spricht: Es ist nicht auf Gelenke übertragbar. Die Treppe zum Dachgeschoss erkennt meine Routine nicht an. Sie rechnet Kilogramm mal Höhenmeter, und sie rundet nicht zu meinen Gunsten.
Der Auszubildende nimmt dieselbe Treppe im Zweierschritt und wartet oben, höflich, ohne zu schnaufen. Er hält das für normal. Ich habe das auch einmal für normal gehalten. Es ist die Höflichkeit der Jugend, so zu tun, als wäre Warten keine Rücksicht. Irgendwann werde ich der Kollege sein, für den man am Tragestuhl das schwere Ende übernimmt, ohne etwas zu sagen. Man sagt nie etwas. Das ist das Freundlichste und das Genaueste an diesem Beruf: Er redet nicht über Verfall, er verteilt nur das Gewicht um.
Trotzdem, und das sage ich auf keiner Wache laut: Ich habe nie ganz dazugehört. Ich mache diesen Beruf seit mehr als drei Jahrzehnten. Ich mag diese Menschen, funktioniere in diesem Gefüge wie ein geprüftes Teil und sitze in der Wachenküche oft einen halben Meter neben mir. Die Gespräche gehen über Dienstpläne, Motorräder, den neuen Rettungswagen, der erst eingefahren werden muss. Ich lache an den richtigen Stellen, manchmal eine halbe Sekunde zu spät, und in dieser halben Sekunde wohne ich. Manchmal stehe ich in einer fremden Küche neben einem sterbenden Menschen und höre durchs gekippte Fenster einen Rasenmäher, und für einen Moment weiß ich nicht, welche der beiden Welten die echte ist. Ich pendle seit zweiunddreißig Jahren zwischen ihnen, ohne in einer von ihnen gemeldet zu sein. Früher dachte ich, das gibt sich, man wächst hinein. Inzwischen weiß ich: Ich wachse nirgends mehr hinein, allenfalls heraus. Vielleicht braucht es diesen Platz am Rand, denn vom Seitenstreifen aus sieht man die Strecke am besten.
Ich laufe neunhundert Kilometer im Jahr, das ist ungefähr einmal die Strecke Zürich–Hamburg, in Zehn-Kilometer-Etappen, bei jedem Wetter. Ich sage das als Beweisstück der Verteidigung, denn ich laufe dieselbe Runde wie vor zehn Jahren, mit derselben Anstrengung, und bin zehn Minuten später zurück. Die Runde ist nicht länger geworden. Ich habe nachgemessen. Training macht die Kurve flacher. Das Vorzeichen ändert es nicht. Man könnte das alles für Befindlichkeit halten, wäre da nicht der Anschauungsunterricht. Andere Männer meines Alters begegnen ihrem Jahrgang alle fünf Jahre beim Klassentreffen, weichgezeichnet von Bier und indirekter Beleuchtung. Ich begegne ihm im Dienst.
Seit Jahren gibt es diesen Einsatz in Serie, nur die Adressen wechseln: Mann, Anfang fünfzig, Schmerzen in der Brust seit dem Rasenmähen. Er sitzt auf der Sofakante. Die Ehefrau bringt Wasser, das niemand bestellt hat. Er entschuldigt sich, dass wir kommen mussten, es sei bestimmt nichts, er sei nie krank gewesen. Auf dem Protokoll gibt es ein Feld für Vorerkrankungen. Er sagt: keine. Gemeint ist: keine, von denen er wissen wollte. Sein Gesicht ist aschfahl, seine Haut zugleich kalt und feucht. Kaltschweißig: Das Wort lernt man im ersten Lehrjahr, das Gefühl unter den Fingern vergisst man nie wieder. Während ich den Zugang in die Armvene lege, erzählt er vom Halbmarathon 2019, und ich höre zu, rechne im Kopf seine Kilometer gegen meine auf, als wäre Laufleistung ein Alibi, und denke an mein eigenes Belastungs-EKG, das ich seit zwei Jahren vor mir herschiebe wie eine Steuererklärung. Und ich hebe Menschen, die fünfzehn Jahre älter sind als ich und diesen Satz einmal genauso gesagt haben: nie krank gewesen.
Dann sind da die, die dreißig Jahre weiter sind. Man kann das Alter einer Wohnung manchmal an den Haltegriffen ablesen wie Baumringe: zuerst einer neben der Badewanne, dann einer am WC, dann das zweite Geländer im Flur, zuletzt der Griff neben dem Bett, wo ihn nie jemand geplant hatte. In der Küche ein Wochendosierer für Tabletten, Montag bis Sonntag. Im Fernsehprogramm sind Sendungen mit Kugelschreiber eingekreist, drei pro Tag – das Gerüst der Woche. Es ist zu warm in solchen Wohnungen, die Heizkörper laufen im Juli, weil Frieren zum Verfall gehört. Die Frau, siebenundachtzig, ist gestürzt. Nichts gebrochen, wir helfen ihr zurück in den Sessel. Sie entschuldigt sich öfter, als sie atmet. Früher sei sie in den Bergen gewandert, sagt sie und zeigt auf ein gerahmtes Foto, auf dem eine Frau steht, die ich nicht erkenne. Ich schaue auf ihre Hände und dann auf meine. Als wir gehen, fragt sie, ob wir noch einen Kaffee möchten. Es ist halb zwei Uhr nachts. Wir lehnen diesmal ab, aus Zeitgründen, und im Treppenhaus fällt mir kein einziger Zeitgrund ein. Der Abstand zwischen ihr und mir ist dieselbe Strecke, nur in der Zielgeraden.
Ich kenne die Reihenfolge inzwischen auswendig. Sie ist erstaunlich verlässlich. Zuerst gehen die Treppen, dann das Autofahren bei Nacht, dann das Bücken nach der Zeitung, dann die Namen der Enkel in der richtigen Reihenfolge, dann der zweite Stock überhaupt, dann der Radius: erst die Stadt, dann die Straße, dann die Wohnung, dann das Zimmer, dann der Sessel. Der Sessel bleibt am längsten. Am Ende ist das Leben so groß wie eine Sitzfläche, und die Welt kommt zu Besuch, wenn sie Zeit hat.
Die Medizin hat für alles Vokabeln, das ist ihre Art zu trösten. Der altersbedingte Muskelabbau hat einen Namen: Sarkopenie. Ab fünfzig verliert der Mensch ohne entsprechendes Training zunehmend Muskelmasse. Die maximale Sauerstoffaufnahme, das Maß für die Ausdauer, sinkt mit zunehmendem Alter. Die Alterssichtigkeit heißt Presbyopie, und der Nahpunkt entfernt sich Jahr für Jahr, als hätte er etwas Besseres vor. Die Begriffe sind ein Fahrplan, und ich kenne die Strecke, denn ich fahre sie beruflich ab, Haltestelle für Haltestelle – nur eben bei anderen Leuten.
Jahrgang 1974, Regelaltersgrenze siebenundsechzig. Ich besitze allerdings einen Schwerbehindertenausweis. Der Grund gehört nicht in diesen Text, das Dokument schon, denn es verkürzt die Strecke: Rente mit fünfundsechzig, zwei Jahre früher. Es ist der einzige Rabatt, den ich je fürs Kaputtsein bekommen habe. Das macht das Jahr 2039: noch dreizehn Jahre. Ein Rettungswagen läuft vielleicht fünf Jahre, dann wird er ausgesondert und ersetzt, das nennt sich Beschaffungszyklus. Ich habe demnach noch zweieinhalb Fahrzeuggenerationen vor mir. In Einsatzstiefeln gerechnet: vier Paar. In Nachtdiensten: ungefähr fünfhundert.
Die Sterbetafel des Statistischen Bundesamtes gibt einem Mann meines Alters im Durchschnitt noch mehrere Jahrzehnte. Das klingt großzügig, bis man anfängt umzurechnen. Ich rechne neuerdings alles um. Vermutlich ist das Rechnen selbst das Symptom. Selbst am Ende bleibt es bei diesem Prinzip. Auf der Todesbescheinigung gibt es ein Feld für den Sterbezeitpunkt, minutengenau, und der Arzt trägt eine Uhrzeit ein, weil das Formular sie verlangt. Dabei stirbt kaum jemand auf die Minute, sondern über Wochen, in Schüben, an Rändern. Die Minute auf dem Formular ist nur die letzte einer langen Reihe. Aber Formulare können nun mal keine Verläufe.
Zurück zur Ampulle. Das Verfallsdatum ist zunächst eine regulatorische Größe, nicht der Augenblick, in dem eine Substanz pharmakologisch kippt. Das amerikanische Militär ließ über Jahrzehnte eingelagerte Medikamente nachtesten. Das Programm heißt Shelf Life Extension Program. Bei vielen geprüften Chargen ließ sich die Haltbarkeit weit über das aufgedruckte Datum hinaus verlängern, teils um Jahre. Die Chemie kennt keinen Stichtag. Das Metamizol verliert nicht um Mitternacht schlagartig seine Wirkung. Das Datum markiert die Grenze der garantierten Haltbarkeit, nicht einen plötzlichen Umschlag der Substanz. Ich behaupte nicht, dass mich das tröstet. Ich sage nur, dass ich die Ampulle länger angesehen habe als nötig.
Was der Beruf mir nimmt, ist die Ausrede. Andere können den Verfall für etwas halten, das nur anderen zustößt, in Fernsehdokumentationen, in Nebensätzen, irgendwann. Mir wird diese Illusion täglich abgenommen wie ein Feuerzeug an der Sicherheitskontrolle. Was der Beruf mir dafür lässt, ist Genauigkeit. Ich weiß, wie Verfall aussieht, wie er riecht, was er zuerst holt und was später. Und ich weiß, wem er weniger anhaben kann: nicht unbedingt den Fittesten, sondern denen, die aufgehört haben, ihn zu leugnen. Denen, die ihre Medikamente kennen, ihre Grenzen, ihre Treppen und den Haltegriff montieren, bevor sie stürzen, nicht erst danach. Die Fachsprache nennt einen Teil davon Adhärenz, Therapietreue. Gemeint ist aber etwas Größeres: Einverständnis mit der Wirklichkeit. Gemessen daran stehe ich noch zwischen Abwehr und Einsicht. Ich trainiere, als hätte ich das Altern angenommen, und lasse die Gleitsichtbrille zu Hause, als ließe es sich dadurch aufhalten. Vielleicht ist zweiundfünfzig genau der Moment, in dem man nicht mehr behauptet, es betreffe nur die anderen. Sondern in dem man beginnt, die eigene Wirklichkeit ernst zu nehmen.
Ich hake die Liste ab, steige hinten aus dem Rettungswagen und bringe die Metamizol-Ampulle ins Lager, zur grauen Kiste. Ersatz ist bestellt, der Nachschub komme am Dienstag, sagt der Lagerist des Zentrallagers. Man sei dran. Und für September habe ich einen Termin gemacht. Belastungs-EKG. Die Steuererklärung kann warten.
Nächste Prüfung Ende August. Ich werde dann zweiundfünfzig sein und die Ampullen wieder ins Licht drehen, eine nach der anderen, den Arm ein Stück weiter ausgestreckt als heute, und die Daten lesen, wie ich sie immer lese. Wie Geburtstage.
Bildquelle: KI Bild erstellt mit Nano Banana 2