Gesundheitsmythen verbreiten sich auf TikTok rasant. Mit unsexy Fakten allein kommt man dagegen nicht an. Wie Ärzte und Apotheker gefährlichem Halbwissen begegnen können.
TikTok erreicht weltweit mehr als eine Milliarde Nutzer, vor allem jüngere Menschen. Der Algorithmus entscheidet darüber, welche Inhalte millionenfach verbreitet werden. TikTok kann dadurch Trends setzen, Mythen als Fakten verkaufen und Gesundheitsentscheidungen beeinflussen. Ein prominentes Beispiel sind die GLP-1-Rezeptoragonisten, die zum Lifestyle-Trend geworden sind. Unter Hashtags wie #Ozempic oder #WeightLoss berichteten Promis und beliebte Influencer über rasche Gewichtsabnahmen, geben vermeintliche Tipps zur Dosiseskalation oder zur Anwendung ohne ärztliche Begleitung. Auch bei Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) oder Lebensmitteln entstehen regelmäßig Hypes. Berberin wird als „natürliches Ozempic“, hoch dosiertes Magnesium als Allheilmittel oder ein Gelatine-Trick als Abnehmwunder bejubelt.
Einzelne präklinische oder kleine klinische Studien werden dabei häufig aus dem Zusammenhang gerissen und als gesicherter Wirksamkeitsnachweis präsentiert. Aussagen wie „dieses Lebensmittel heilt deine Entzündungen“ kriegen nachvollziehbarerweise mehr Aufmerksamkeit als der unsexy Satz: „Für einzelne Inhaltsstoffe existieren erste Hinweise aus präklinischen Untersuchungen, klinische Evidenz fehlt jedoch.“
Das eigentliche Problem ist nicht, dass Patienten medizinische Informationen im Internet suchen. Angesichts der immer länger werdenden Wartezeiten beim Arzt und des sich ausdünnenden Apothekennetzes ist es naheliegend, sich selbst helfen zu wollen. Problematisch wird es jedoch, wenn kurze, emotional aufgeladene Videos komplexe medizinische Zusammenhänge erklären wollen. Bei der typischen Google-Suche mussten Nutzer noch aktiv nach Informationen suchen, mehrere Quellen vergleichen und häufig längere Texte lesen. Die eigene Recherche war ein großer Bestandteil der Meinungsbildung. Und sogar Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT oder Claude geben bei medizinischen Fragen Antworten, die auf Wahrscheinlichkeitsmodellen beruhen und fachlich oft korrekt sind. Bei TikTok jedoch entscheiden Interaktionsraten, was gezeigt wird: Videos, die viele Likes, Kommentare oder lange Wiedergabezeiten erzielen, werden häufiger ausgespielt. Emotionale, überraschende oder kontroverse Aussagen haben deshalb einen systematischen Vorteil gegenüber nüchternen Erklärungen. Die eigene Meinungsbildung verändert sich.
Die evidenzbasierte Medizin ordnet Fallberichte bewusst an das untere Ende der Evidenzhierarchie ein. Ob eine Therapie bei einer einzelnen Person wirkt oder nicht, lässt keine belastbaren Rückschlüsse auf ihre allgemeine Wirksamkeit zu. Placeboeffekte, Spontanremissionen, Begleittherapien oder individuelle Unterschiede können das Ergebnis maßgeblich beeinflussen.
In den sozialen Medien besitzen Einzelfälle dagegen eine enorme Überzeugungskraft. Ein emotional erzählter Erfahrungsbericht wirkt authentisch und nachvollziehbar. Während Leitlinien Aussagen wie „reduziert das relative Risiko um 25 %“ treffen, berichtet ein Influencer: „Dieses Mittel hat mein Leben verändert.“ Hinzu kommt der sogenannte Illusory Truth Effect. Aussagen erscheinen glaubwürdiger, wenn sie häufig wiederholt werden – ganz unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. TikTok verstärkt diesen Effekt. Wer sich einmal für ein Video über chronische Entzündungen interessiert, erhält zahlreiche ähnliche Inhalte. Innerhalb kurzer Zeit entsteht eine digitale Echokammer, in der identische Botschaften immer wieder auftauchen. Für viele Nutzer wirkt diese Wiederholung wie ein Beleg für wissenschaftliche Richtigkeit.
Weiterhin ist bedenklich, dass die Grenzen zwischen Gesundheitsaufklärung, Werbung und Unterhaltung zunehmend verschwimmen. Zahlreiche Influencer finanzieren ihre Inhalte über Kooperationen mit Herstellern von NEMs, Kosmetikprodukten oder Gesundheits-Apps. Vitamine, Mineralstoffe oder pflanzliche Präparate werden dann als universelle Lösung gegen Müdigkeit, Entzündung, Depression, hormonelle Beschwerden oder Übergewicht dargestellt. Mögliche Risiken, Kontraindikationen oder fehlende Evidenz schaffen es selten ins Video.
Angeregt von Healthfluencern erscheinen einige Patienten bereits mit einer festen Therapievorstellung in der Praxis. Manche wünschen ausdrücklich ein bestimmtes Medikament, andere lehnen etablierte Behandlungen ab oder möchten Laboruntersuchungen durchführen lassen, deren medizinischer Nutzen fraglich ist. Die Menschen handeln dabei nicht völlig irrational. Sie bemühen sich vielmehr aktiv um Informationen und möchten ihre Gesundheit selbstbestimmt gestalten. Das Problem besteht darin, dass seriöse und unseriöse Quellen auf sozialen Plattformen für den Laien nicht immer voneinander zu unterscheiden sind und viele Menschen zu wenig hinterfragen. Hinzu kommt ein Vertrauensvorschuss gegenüber sympathisch auftretenden Influencern. Wer persönliche Erfahrungen teilt, verständlich spricht und regelmäßig Einblicke in seinen Alltag gibt, baut eine Beziehung zu seinen Followern auf, die als Freundschaft empfunden werden kann.
Wie sollten medizinische Fachkräfte jetzt also reagieren, wenn Patienten mit TikTok-Videos argumentieren? Wer Aussagen eines Patienten pauschal als „Unsinn“ abtut, riskiert, das Vertrauensverhältnis zu beschädigen. Menschen halten dann häufig noch stärker an ihren Überzeugungen fest. Erfolgreicher ist es oft, erst einmal zu klären, welche Informationen der Patient vermittelt bekommen hat, und dann zu besprechen, welche Evidenz tatsächlich vorliegt. Das Vertrauen kann steigen, wenn Fachleute offen kommunizieren, welche Fragen wissenschaftlich gut beantwortet sind und wo Unsicherheiten bestehen. Wer erklärt, warum Leitlinien angepasst werden oder weshalb Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können, stärkt langfristig die Glaubwürdigkeit evidenzbasierter Medizin. Wissenschaft verändert sich, und die wissenschaftliche Selbstkorrektur hat nichts mit Widersprüchlichkeit zu tun. Problematisch ist es eher, wenn etwas im Bereich Gesundheit als absolute Gewissheit oder allgemeingültig verkauft wird.
Nicht alles, was auf TikTok gezeigt wird, ist jedoch per se falsch. Manches ist auch nur verkürzt oder missverständlich dargestellt. Soziale Medien können sogar einen positiven Beitrag zur gesundheitlichen Aufklärung leisten. Fachgesellschaften, Universitätskliniken und einzelne Ärzte oder Apotheker erreichen inzwischen Millionen Menschen mit evidenzbasierten Inhalten. Gerade junge Erwachsene, die klassische Gesundheitsportale kaum nutzen, lassen sich über kurze Videos oftmals besser erreichen.
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