GKV-Spargesetz ausgedribbelt: Die TK bietet kostenlose Therapie nach nur einer Woche Wartezeit. Gleichzeitig bangen Praxen um ihre Existenz. Wer hat sich das ausgedacht?
Die gesetzliche Krankenversicherung steht aktuell vor der Umsetzung des Sparpakets aus dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Mit den vorgesehenen Kürzungen gehen die einzelnen Krankenkassen unterschiedlich um. Die Techniker Krankenkasse (TK) etwa baut parallel ihr eigenes digitales Versorgungsangebot aus und bietet ihren Versicherten mit Angststörungen die „Digitale Psychotherapie“ an. Sie kooperiert dabei mit den Anbietern Invirto und Beavivo. Ein Schlag ins Gesicht für alle um ihre Existenz kämpfenden Psychotherapeuten in Deutschland. So geht es auch Uwe Waldmann, Psychotherapeut aus Würzburg. Am Ende des Artikels findet ihr seine Erklärung, warum er sich jetzt von der TK verabschiedet.
Grundlage ist ein Vertrag zur besonderen Versorgung nach § 140a SGB V zwischen der TK und Invirto. Das Angebot richtet sich an TK-Versicherte ab 18 Jahren mit Agoraphobie, Panikstörung oder sozialer Phobie. Eine bereits vorliegende externe Diagnose oder ärztliche Verordnung ist für die Anmeldung nicht erforderlich. Vor Aufnahme der Behandlung erfolgt eine psychotherapeutische Diagnostik einschließlich differentialdiagnostischer Abklärung und der Prüfung definierter Ein- und Ausschlusskriterien. Zusätzlich braucht es ein hausärztliches Konsil. Bei bestätigter Indikation und Eignung kann die Behandlung starten. Nach der Anmeldung über die Invirto-App folgt ein kostenloses Informationsgespräch; bis zum Erstgespräch mit einem Therapeuten vergeht in der Regel maximal eine Woche. In der regulären Patientenversorgung wäre diese Zahl nicht abbildbar. Dort wird die Eignung für die digitale Therapie geprüft.
Die Behandlung basiert auf kognitiver Verhaltenstherapie mit Expositionstraining: Betroffene bearbeiten in der Invirto-App eigenständig Übungen, teils unterstützt durch eine Virtual-Reality-Brille, um angstauslösende Situationen kontrolliert zu konfrontieren. Beavivo organisiert dazu die begleitenden Videositzungen mit approbierten Psychotherapeuten mit Master- oder Diplomabschluss und mehrjähriger Berufserfahrung. Eine Sitzung dauert 50 Minuten und kostet für Selbstzahler regulär 134,06 Euro, für TK-Versicherte im Rahmen des Programms ist sie kostenfrei.
Parallel zu solchen Zusatzangeboten einzelner Kassen ist am 30. Juli 2026 das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz in Kraft getreten, mit dem der Bund rund 3 Milliarden Euro im ambulanten Bereich einsparen will. Die Honorare der Psychotherapeuten wurden bereits zum 1. April 2026 um 4,5 Prozent gekürzt. Zusätzlich soll die sogenannte Angemessenheitsprüfung entfallen, die bislang eine Untergrenze für die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen je Zeiteinheit sichern sollte.
Ab 2027 soll zudem der Großteil der ambulanten Psychotherapie aus der bisherigen extrabudgetären Vergütung wieder in die morbiditätsbedingte Gesamtvergütung überführt und damit erneut budgetiert werden. Ausnahmen sollen für die Kinder- und Jugendpsychotherapie, schwer psychisch Kranke und dringende Fälle gelten, deren genaue Definition der Gemeinsame Bundesausschuss noch festlegen muss. Für bereits 2026 bewilligte Behandlungskontingente gilt eine Übergangsregelung bis Ende 2027, damit laufende Therapien nicht kurzfristig abgebrochen werden müssen.
Berufsverbände wie die Bundespsychotherapeutenkammer und das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk kritisieren die Reform: Sie entziehe psychotherapeutischen Praxen die wirtschaftliche Grundlage und könne dazu führen, dass Praxen ihre Kassensitze reduzieren oder ganz aus der vertragsärztlichen Versorgung aussteigen – mit der Folge längerer Wartezeiten. Während die reguläre, kollektivvertraglich organisierte Richtlinienpsychotherapie ab 2027 stärker budgetiert wird, laufen Angebote wie das TK-Programm über einen Selektivvertrag an dieser Budgetierungvorbei. Sie werden direkt zwischen Kasse und Anbieter vereinbart und sind von den Kürzungen der Regelversorgung nicht unmittelbar betroffen. Ist das fair?
Psychotherapeut Uwe Waldmann zieht seine eigenen Schlüsse aus diesem Angebot von der TK. Seine Erläuterung folgt hier:
Unglaublich: Die TK bewirbt ein eigenes digitales Programm: Invirto plus Videositzungen über den Partner Beavivo, exklusiv für TK-Versicherte, komplett kostenlos, während gesetzlich Versicherte im Schnitt 143 Tage auf einen Therapieplatz warten. Klingt erstmal nach Fortschritt, aber:Erstens: Während die TK ihren Versicherten ein Zusatzangebot verkauft, arbeitet ihr eigener Dachverband, der vdek, aktiv an der Verschärfung der Versorgungsrealität für alle anderen. Der vdek forderte die Abschaffung der Mindestvergütung und die Budgetierung. Man spart an der Fläche für alle und glänzt mit der Ausnahme, die man durch nicht öffentliche Privatverträge nach eigenem Belieben gestalten kann.Zweitens: Digitale Programme wie Invirto durchlaufen ein Zulassungsverfahren beim BfArM, werden zunächst vorläufig gelistet und müssen ihren Nutzen erst binnen ein bis zwei Jahren nachweisen – während echte ambulante Psychotherapie seit Jahrzehnten etablierter Standard ist und trotzdem als Erste bei Kürzungen herhalten muss, während DIGAs ausgebaut werden.Drittens: Die TK beschreibt ihr Programm ausdrücklich als vollständig digital – keine Vor-Ort-Option innerhalb dieses Vertrags. Bei leichten Erkrankungen – Simone Borchardt, Gesundheitspolitische Sprecherin der CDU und ehemalige Mitarbeiterin der Barmer, welche auch im vdek organisiert ist, spricht auch von „Bagatellerkrankungen“ – mag das vielleicht noch funktionieren. Aber die eigentliche Frage bleibt: Reicht diese Versorgungsform auch dann, wenn es um Suizidalität und Selbstverletzung geht? Würden Sie sich in einer solchen Situation von einem Berufsanfänger, der am anderen Ende Deutschlands sitzt, da gut begleitet fühlen?Viertens: Andere Kassen gehen einen anderen Weg. Die AOK Baden-Württemberg etwa sichert sich Kapazitäten über direkte Verträge mit Profis, also den niedergelassenen Kassentherapeutinnen und -therapeuten. Das bindet echte Versorgungsstruktur ein, statt sie zu umgehen.Fünftens: Wer profitiert eigentlich von dieser Konstruktion? Beavivo vermittelt die Therapiestunden – bezahlt werden die angestellten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten dabei mit rund 68.000 Euro brutto im Jahr, also auf dem Niveau der untersten TVöD-Stufe. Für den Berufseinstieg bedeutet das: keine Beteiligung am eigentlichen Kassensystem, keine eigene Praxis, keine Verhandlungsmacht – maximale Abhängigkeit: nur ein Angestelltenverhältnis am unteren Ende der Tarifskala E14, während die Plattform dazwischen die Gewinne abschöpft. Der Nachwuchs zahlt den Preis, die Kapitalgesellschaft Sympathien GmbH schöpft die Marge ab.Liebe TK, ich habe euren direkten schnellen Kundenservice sehr geschätzt, aber jetzt geht ihr zu weit. Darum gehe ich. Meine Kündigung und die zahlreicher anderer Psychotherapeuten ist unterwegs. Mein Tipp: Überdenkt eure Haltung zur Psychotherapie: Baut aus statt umzugehen. Bezahlt fair statt andere den Nachwuchs die Zukunft zu nehmen. Tschüss!
Wie steht ihr zu diesem Angebot der TK? Welche Entwicklung erwartet ihr durch solche Angebote?
Bildquelle: Alliance Football Club, Unsplash