Übervorsichtig – oder einfach gründlicher? In der Notaufnahme entscheiden Ärztinnen offenbar anders als Ärzte. Inwiefern (fehlende) Risikobereitschaft Diagnose und Behandlung beeinflusst.
Für Eilige gibt’s am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob Ärztinnen und Ärzte unterschiedlich arbeiten. Hinweise gibt es etwa bei Menschen mit Herzinsuffizienz. Doch gilt das auch in der hektischen Realität einer Notaufnahme, wo Entscheidungen oft innerhalb weniger Minuten getroffen werden müssen? Eine in JAMA Internal Medicine veröffentlichte Arbeit liefert darauf eine der bislang umfassendsten Antworten. Die neue Analyse basiert auf Daten von mehr als 1,5 Millionen Notaufnahmebesuchen aus 105 Kliniken des US-Veteranen-Gesundheitssystems (VA). Dabei vergleichen Wissenschaftler das Verhalten von Ärztinnen und Ärzten, die unter denselben Bedingungen arbeiten. Ihr Ergebnis überrascht – und wirft gleichzeitig Fragen auf.
Die Forscher konzentrierten sich auf Patienten, die mit den drei häufigsten Beschwerden in die Notaufnahme kamen: Brustschmerzen, Dyspnoe oder Abdominalschmerzen. Insgesamt wurden 1.557.071 Patientenkontakte ausgewertet. Die Behandlung erfolgte durch 1.078 Ärzte und 448 Ärztinnen. Ihre Patienten waren im Durchschnitt knapp 63 Jahre alt; 9 von 10 waren Männer – typisch für das Veteranensystem der USA.
Ein entscheidender Punkt der Studie: Die Wissenschaftler verglichen ausschließlich Daten von Ärztinnen bzw. Ärzten, die in derselben Notaufnahme gearbeitet haben. Dadurch sollten Unterschiede ausgeschlossen werden, die lediglich auf verschiedene Krankenhäuser, unterschiedliche Patientengruppen oder abweichende hausinterne Vorgaben zurückzuführen sein könnten. Tatsächlich fanden sich zwischen den von Männern und Frauen behandelten Patienten praktisch keine klinisch relevanten Differenzen.
Dennoch zeigte sich, dass Ärztinnen häufiger weitere Diagnostik angeordnet haben als ihre männlichen Kollegen. Unabhängig davon, ob Patienten wegen Brustschmerzen, Atemnot oder Bauchschmerzen behandelt wurden, erhielten sie im Durchschnitt etwas mehr radiologische Untersuchungen und deutlich mehr Laboranalysen. Zudem wurden sie etwas häufiger stationär aufgenommen.
Bei Brustschmerzen wurden etwa 45,7 Prozent der Patienten unter Ärztinnen stationär aufgenommen, gegenüber 44,0 Prozent unter männlichen Kollegen. Bei Atemnot betrug der Unterschied sogar 2,2 Prozentpunkte. Auch bei Bauchschmerzen lagen die Aufnahmequoten leicht höher. Bei Laboruntersuchungen zeigte sich ebenfalls ein durchgängiger Trend: Ärztinnen veranlassten je nach Beschwerde zwischen 0,21 und 0,33 zusätzliche Tests pro Patient, während die Zahl radiologischer Untersuchungen im Durchschnitt um 0,04 bis 0,05 höher lag als bei Ärzten. Absolut betrachtet sind diese Unterschiede klein, statistisch jedoch signifikant.
Führt die intensivere Diagnostik aber zu besseren Ergebnissen? Das konnten die Autoren nicht bestätigen. Sie fanden keinen signifikanten Unterschied bei der 30-Tage-Sterblichkeit der Patienten, die von einer Ärztin oder einen Arzt behandelt worden waren. Auch die Zahl besonders kurzer Krankenhausaufenthalte, ein möglicher Hinweis auf unnötige Einweisungen, unterschied sich nicht. Patienten, die von Ärztinnen häufiger aufgenommen wurden, konnten das Klinikum nicht auffällig schnell wieder entlassen. Das spreche dafür, dass diese Aufnahmen durchaus medizinisch begründet gewesen sein könnten, schreiben die Autoren.
Ganz frei von Limitationen ist die Studie allerdings nicht. Die Autoren untersuchten zusätzlich potenziell niedrigwertige Diagnostik, also Untersuchungen, deren Nutzen im jeweiligen Fall fraglich sein könnte. Hier zeigte sich, dass Ärztinnen etwas häufiger CT-Untersuchungen der Lunge mit Kontrastmittelgabe bei Patienten ohne hohe Vortestwahrscheinlichkeit für Lungenembolien veranlasst haben. Bei Patienten mit Atemnot waren es beispielsweise 5,2 Prozent gegenüber 4,8 Prozent bei ihren männlichen Kollegen – ein Unterschied von 0,4 Prozentpunkten.
Darüber hinaus ließen Ärztinnen bestimmte Laborparameter häufiger bestimmen. Unterschiede fanden die Forscher bei D-Dimer-Tests wegen Brustschmerzen und Atemnot. Bei Patienten mit Atemnot etwa wurden D-Dimere in 12,1 Prozent der von Ärztinnen behandelten Fälle bestimmt, gegenüber 11,0 Prozent bei Ärzten. Allerdings fanden die Wissenschaftler keinen Unterschied darin, wie häufig solche Untersuchungen tatsächlich einen positiven Befund geliefert haben. Die zusätzlichen Tests waren offenbar nicht mit einer geringeren Trefferquote verbunden. Nach Einschätzung der Autoren spricht das dafür, dass häufiger angeordnete Untersuchungen durchaus medizinisch angemessen gewesen sein könnten.
Warum Ärztinnen häufiger testen, kann die Studie nicht kausal beantworten. Die Autoren diskutieren jedoch mehrere Hypothesen. So könnten Ärztinnen vorsichtiger entscheiden und deshalb eher zusätzliche Untersuchungen veranlassen. Denkbar ist auch, dass sie neben den rein medizinischen Befunden psychosoziale Faktoren stärker berücksichtigen – etwa Beschwerden und Symptome, die funktionelle Verfassung oder die soziale Unterstützung eines Patienten. Gerade in der Notaufnahme können solche Aspekte die Entscheidung beeinflussen, ob jemand sicher nach Hause entlassen werden kann oder besser stationär aufgenommen wird.
Auch Unterschiede in der Risikobereitschaft und die Sorge vor der Bewertung durch Kollegen könnten nach Ansicht der Forscher eine Rolle spielen. Es bleibt allerdings bei Vermutungen. Die Forscher haben nicht untersucht, warum sich das Vorgehen von Ärztinnen und Ärzten unterscheidet.
Ob Ärztinnen auch in deutschen Notaufnahmen systematisch mehr Labor, Bildgebung oder stationäre Aufnahmen veranlassen, lässt sich bislang nicht so klar beantworten. Eine vergleichbar große Analyse zum Geschlecht der behandelnden Ärztinnen und Ärzte wie aus dem US-Veteranensystem fehlt hierzulande. Dass das Geschlecht der Behandelnden auch im deutschen Versorgungssystem mit unterschiedlichen Entscheidungen einhergehen kann, zeigen jedoch Daten aus der Notfallmedizin. Forscher des Universitätsklinikums Ulm werteten 2.882 Notarzteinsätze wegen psychiatrischer Notfälle aus. Dabei zeigte sich gewissermaßen das Gegenstück zur US-Studie: Notärztinnen griffen bei bestimmten Situationen seltener zu invasiven Maßnahmen. Männliche Notärzte verabreichten beispielsweise mehr als doppelt so häufig intravenöse Hypnotika. Besonders bei Angst- und Panikstörungen setzten Ärztinnen häufiger auf weniger invasive Strategien und Kommunikation. Die Autoren betonen allerdings auch hier, dass sich daraus nicht ableiten lässt, dass das eine Vorgehen grundsätzlich besser ist als das andere.
Interessant sind außerdem deutsche Daten zur anderen Seite der Arzt-Patienten-Konstellation. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung aus 23 Notaufnahmen in Berlin und Bayern mit knapp 10.000 auswertbaren Fragebögen zeigt, dass sich bereits die Inanspruchnahme von Notaufnahmen nach Geschlecht unterscheidet. Frauen kamen beispielsweise häufiger wegen Schmerzen sowie neurologischer oder abdominaler Beschwerden und nannten häufiger gesundheitliche Ängste als Motiv für den Notaufnahmebesuch. Sie hatten zudem häufiger zuvor versucht, die vertragsärztliche Versorgung zu erreichen. Die Autoren plädieren deshalb dafür, Alter und Geschlecht bei der Steuerung der Notfallversorgung stärker mitzudenken.
Auch ältere deutsche Registerdaten zeigen, wie komplex das Thema ist. Bei knapp 14.000 Patientinnen und Patienten deutscher Chest Pain Units unterschieden sich Symptomatik und Behandlungsverlauf deutlich zwischen den Geschlechtern: Frauen präsentierten sich häufiger mit atypischen Beschwerden und hatten längere prä- und innerklinische Verzögerungen. Beim kombinierten klinischen Outcome nach drei Monaten zeigte sich dagegen kein geschlechtsspezifischer Unterschied.
Gerade für Deutschland ist die Frage nach „mehr Diagnostik“ besonders relevant. Denn hier trifft der Wunsch, keine gefährliche Erkrankung zu übersehen, auf ein Gesundheitssystem mit begrenzten personellen, diagnostischen und stationären Ressourcen. Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger: Wer untersucht mehr? Sondern: Welche Diagnostik verbessert tatsächlich die Versorgung – und welche bindet Ressourcen, ohne den Patienten einen zusätzlichen Nutzen zu bringen?
Das betrifft nicht nur Notaufnahmen. Auch in Hausarztpraxen, Bereitschaftsdiensten und Facharztpraxen können kleine Unterschiede im individuellen Entscheidungsverhalten große Auswirkungen haben. Wird bei Unsicherheit etwas häufiger ein Laborwert bestimmt, eine Bildgebung veranlasst oder eine Klinikeinweisung ausgesprochen, fällt das beim einzelnen Patienten kaum ins Gewicht. Auf Tausende oder Millionen Behandlungskontakte hochgerechnet kann daraus jedoch ein relevanter Unterschied bei Kosten, Wartezeiten und verfügbaren Kapazitäten entstehen.
Umgekehrt wäre es zu kurz gegriffen, zusätzliche Diagnostik per se als Überversorgung zu brandmarken. Ein Test mehr kann eine unnötige Einweisung bedeuten – oder eine gefährliche Erkrankung entdecken. Eine zurückhaltendere Strategie kann Ressourcen schonen – oder im ungünstigen Fall zu Unterdiagnostik führen.
Genau dieses Spannungsfeld beschäftigt inzwischen sogar deutsche Leitlinien. Die aktuelle DEGAM-Leitlinie „Schutz vor Über- und Unterversorgung – gemeinsam entscheiden“ betont ausdrücklich, dass sowohl unnötige Diagnostik als auch das Vorenthalten sinnvoller Versorgung problematisch sind. Unterschiede in der Versorgung können ein Hinweis auf Fehlversorgung sein, sind für sich genommen aber noch kein Beweis dafür. Auch für die Intensiv- und Notfallmedizin wird in der AWMF-Leitlinie „Nachhaltigkeit in der Intensiv- und Notfallmedizin“ empfohlen, Leitlinien, standardisierte Abläufe und „Klug entscheiden“-Empfehlungen einzusetzen, um Über- wie Untertherapie zu vermeiden und Ressourcen gezielter einzusetzen.
Für Kliniken könnte die US-Studie deshalb noch eine andere Botschaft enthalten: Nicht das Geschlecht der Ärztin oder des Arztes sollte zum Qualitätsmerkmal werden, sondern die Frage, wie stark Entscheidungen zwischen einzelnen Behandelnden variieren und warum. Standardisierte Behandlungspfade, klinische Entscheidungshilfen und regelmäßiges Feedback zum eigenen Anforderungsverhalten könnten helfen, unbegründete Unterschiede zu verringern – ohne den notwendigen individuellen Entscheidungsspielraum abzuschaffen. Das gilt umso mehr, weil Faktoren wie Berufserfahrung, Fachgebiet, Arbeitsbelastung, Risikowahrnehmung, Kommunikation und lokale Klinikkultur mit hineinspielen können. „Ärztinnen sind vorsichtiger“ wäre deshalb eine verführerisch einfache, aber wissenschaftlich zu grobe Schlussfolgerung.
Vielleicht liegt darin die spannendste Frage der Studie: Wie viel Variation im ärztlichen Handeln ist sinnvoll? Die US-Daten zeigen, dass selbst Ärztinnen und Ärzte, die in derselben Notaufnahme vergleichbare Patienten behandeln, nicht völlig gleich entscheiden. Deutsche Untersuchungen legen ebenfalls nahe, dass das Geschlecht der Behandelnden mit unterschiedlichen Vorgehensweisen einhergehen kann. Gleichzeitig zeigen hiesige Daten aus Notaufnahmen, dass auch das Geschlecht der Patientinnen und Patienten mit unterschiedlichen Beschwerden und Wegen in die Notfallversorgung verbunden ist. Für die Versorgung dürfte deshalb weniger entscheidend sein, ob Ärztinnen oder Ärzte „gründlicher“ sind. Interessanter ist, welche dieser Unterschiede medizinisch sinnvoll sind, welche unnötige Diagnostik produzieren – und an welchen Stellen möglicherweise sogar zu wenig untersucht wird.
Wie erlebt ihr das im Alltag? Beobachtet ihr in Klinik oder Praxis unterschiedliche Entscheidungsstile – etwa bei Diagnostik, Einweisungen oder im Umgang mit Unsicherheit? Und habt ihr den Eindruck, dass dabei auch das Geschlecht der Behandelnden eine Rolle spielt – oder sind Erfahrung, Fachgebiet und Persönlichkeit am Ende viel entscheidender? Schreibt es in die Kommentare!
Bildquelle: Houcine Ncib, Unsplash