KOMMENTAR | Deutschland hat Hitze. Doch die Politik lässt das kalt: Alle zeigen mit dem Finger auf die anderen, Verantwortung übernimmt keiner. Wie viele müssen noch sterben?
Die nächste Hitzewelle bahnt sich an. Und ganz Deutschland ist ohne Klimaanlage. Altenheime verzeichnen immer mehr Todesfälle, der Rettungsdienst kann die Hälfte seiner Fahrzeuge nicht nutzen. Notaufnahmen sind überfüllter als Apple Stores nach der jährlichen Keynote und die Wartezimmer von Arztpraxen gleichen bestuhlten Backöfen. Ganze Städte heizen sich auf. An guten Tagen stehen Feuerwehr oder Polizei mit einem Wasserwerfer auf einzelnen Plätzen, um der Bevölkerung die wohlverdiente Abkühlung zu verschaffen – buchstäbliche Tropfen auf dem heißen Stein. Um sich irgendwie vor der erbarmungslosen Sonne zu schützen, decken Menschen ihre Fenster mit Alufolie ab. Und nicht mal die wird kostenfrei von der Stadt zur Verfügung gestellt! Umso tiefer man in dieses Thema eintaucht, desto klarer wird: Hitzeschutz besteht in Deutschland vor allem aus heißer Luft.
Dabei gibt es doch diverse Hitzeschutzbündnisse! Hier haben sich Akteure und Organisationen verschiedenster Größenordnungen zusammengetan, um ihre Namen alle gemeinsam auf einer Website zu präsentieren. Also kein Grund zur Sorge, auf dem Papier ist das Problem schon angekommen. Das heißt nur leider herzlich wenig. Denn wie es Zusammenschlüsse und Projektgruppen so an sich haben, ist mit Gründung und Beitritt auch meistens schon die meiste Arbeit getan. Man ist ja dran, man sieht die Dringlichkeit. Hier muss was passieren. Der Klimaschutz und der Berliner Flughafen haben angerufen und hätten gern ihre Alleinstellungsmerkmale zurück: Nur, weil man um das Problem weiß, heißt das noch lange nicht, dass sich in nächster Zeit etwas tut. Oder, dass es schnell (genug) geht.
Jeden Sommer, pünktlich zur ersten Hitzewelle, tritt Deutschland vor die politischen Mikrofone und übernimmt performativ Verantwortung. 2024 hieß die Aktion „Deutschland hitzeresilient machen – wir übernehmen Verantwortung.” 2025 auch (vermutlich hat jemand die PowerPoint-Vorlage einfach nicht gelöscht). Doch wer genau ist eigentlich für Hitzeschutz verantwortlich?
Zuständig ist – so ist es Brauch – die jeweils andere Ebene. Der Bund verweist auf ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro. Eine Zahl, die beeindruckend klingt, bis man sie durch elftausend Kommunen teilt und merkt: Das reicht ungefähr für ein Sonnensegel pro Rathaus und exakt einen Trinkbrunnen für die Bundespressekonferenz. Die Länder verweisen auf die Kommunen. Die Kommunen verweisen auf die Länder, dann auf den Bund. Und wenn niemand mehr zuhört, gilt wieder das Eigenverantwortungsprinzip: viel trinken, Mittagshitze meiden, Fenster nachts öffnen. Die eigentliche Klimaanpassungsstrategie der Republik ist offenbar: Lüften.
Das Wort „Sofortprogramm” taucht in der Hitzeschutz-Debatte auffällig regelmäßig auf – allerdings nie vor einer Hitzewelle, immer währenddessen oder danach. Auch Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge legte ihr Papier mit der Forderung nach einem „Abkühl-Sofortprogramm” nicht etwa im März vor, wo es noch einen gewissen Handlungs- und Präventivspielraum gegeben hätte. Stattdessen kommen die Forderungen erst dann, wenn sich das Kind längst im Brunnen befindet. Und dort unten herrscht Bullenhitze. „Sofort” bedeutet hier also nicht unverzüglich, sondern sobald sich damit eine gute Figur machen lässt, weil es drängt. Und das tut es jawohl!
Um es mal in harten, ehrlichen Worten zu sagen: Die Bevölkerung wird mit dieser (früher oder später existenziellen) Krise allein gelassen. Und wer muss das auffangen? Dreimal dürft ihr raten. Exakt: Ein absolut kaputt gespartes, ungehörtes und als selbstverständlich erachtetes Gesundheitssystem. Doch wo kein Geld, da keine Möglichkeit der Verbesserung. Wer findet den Fehler?
Wenn also nächstes Jahr das Thermometer wieder die 40 knackt, wird irgendwer erneut Verantwortung übernehmen. Vielleicht sogar mit demselben Slogan, vielleicht mit einer neuen bunten Kampagne. Leider ändert eine hübsche Website allein ebenso wenig wie der Verweis auf unklare Zuständigkeiten. Klar hingegen ist: Ein förderliches Klima für echte Veränderung ist das sicher nicht.
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