KOMMENTAR | Bei der ADHS-Diagnose haben Frauen es schwer – und das ist nicht ihre Schuld. Wo die Forschung aufgeholt hat, müssen Ärzte nachziehen.
Ein Text von Bettina Müller-Farné
Eine Frau sitzt mit 38 Jahren zum ersten Mal in einer spezialisierten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung-Sprechstunde. Sie hat studiert, arbeitet in einem anspruchsvollen Beruf, hat Kinder. Von außen wirkt ihr Leben stabil. Die Diagnose scheint auf den ersten Blick nicht zu passen – obwohl sie bereits Stationen bei der Hausärztin, einer Psychotherapeutin und einer psychiatrischen Ambulanz hinter sich hat. Schlafstörungen. Erschöpfung. Zweimal Burnout, einmal eine depressive Episode, zwischendurch Angstzustände. Das Besondere an dieser Geschichte ist nicht, dass sie passiert ist. Das Besondere ist, wie oft sie sich wiederholt.
Internationale Forschung zeigt seit Jahren: ADHS wird bei Frauen deutlich seltener in der Kindheit diagnostiziert als bei Männern – und wenn doch, deutlich später. Während das Diagnoseverhältnis bei Kindern auf ca. 3:1 bis 4:1 zugunsten der Jungen geschätzt wird, nähert es sich im Erwachsenenalter einem Verhältnis von etwa 2:1 oder darunter an (siehe hier und hier). Diese Diskrepanz ist kein statistisches Artefakt. Sie bildet eine Versorgungsrealität ab. Die Frage ist nicht mehr, ob Frauen ADHS haben können. Die Frage ist, warum so viele von ihnen so lange nicht gesehen werden und was das für die klinische Praxis bedeutet.
Über Jahrzehnte orientierten sich Diagnostik, Testentwicklung und klinische Ausbildung an einem Bild: der impulsive, hyperaktive Junge, der im Unterricht auffällt. Dieses Bild ist nicht falsch, es ist unvollständig. Mädchen und Frauen entwickeln häufig andere Symptomprofile: weniger sichtbare motorische Hyperaktivität, dafür mehr innere Unruhe, ausgeprägte Tagträumerei, Schwierigkeiten in der Selbstorganisation, emotionale Überforderung und chronische Erschöpfung (siehe hier und hier). Keine Symptome aus dem klassischen Lehrbuch, also werden sie seltener als ADHS-Hinweise gedeutet – weder von Fachpersonen noch von den Betroffenen selbst. Mädchen sind in klinischen und Forschungsstichproben systematisch unterrepräsentiert – mit erheblichen langfristigen Folgen. Viele Frauen wurden nicht übersehen, weil niemand hingeschaut hat. Sie wurden übersehen, weil man nach dem falschen Bild gesucht hat.
Aus klinischer Perspektive erscheinen Frauen mit unerkannter ADHS selten mit dem Leitsymptom Aufmerksamkeitsdefizit. Im Vordergrund stehen meist andere Beschwerden:
Alle diese Symptome sind real und behandlungsbedürftig. Sie können komorbid zu ADHS vorliegen oder sind Folge eines Lebens, das permanent zu viel Energie abverlangt. Die klinisch entscheidende Frage ist, ob die sichtbare Symptomatik primär ist oder ob sie eine bislang unerkannte neuroentwicklungsbedingte Ursache verdeckt. Viele Frauen mit spät erkannter ADHS berichten rückblickend von einem Weg durch mehrere Diagnosen und Behandlungen, bevor jemand diese Frage gestellt hat.
Hinter der späten Diagnose steckt häufig ein zunehmend untersuchtes Phänomen: Masking, die bewusste oder unbewusste Kompensation von Schwierigkeiten durch soziale Anpassung. Viele Mädchen lernen früh, sich unauffällig zu verhalten. Sie entwickeln Strategien: detaillierte Listen, überdurchschnittlicher Organisationsaufwand, permanente Selbstkontrolle, intensive Vorbereitung, um nicht aufzufallen. Nach außen funktioniert das oft jahrzehntelang. Der Preis: ständige Anspannung, ein diffuses Gefühl des Hinterherhinkens trotz objektiv guter Leistungen, und eine Erschöpfung, die von außen kaum sichtbar ist. Dabei kann eine erfolgreiche Anpassung die Diagnose über Jahre verhindern. Je überzeugender die Kompensation, desto schwerer der Zugang zur Diagnose.
In der Versorgungsdiskussion selten benannt, aber klinisch hoch relevant, ist unsere Wortwahl: Wie Fachpersonen über Schwierigkeiten sprechen, bestimmt mit, ob Frauen ihre Erfahrungen überhaupt als diagnostisch bedeutsam einordnen. Viele Frauen mit unerkannter ADHS haben jahrelang die Rückmeldung erhalten, sie seien unorganisiert, überempfindlich, nicht belastbar. Einige haben verinnerlicht, dass mit ihnen etwas grundsätzlich nicht stimmt — ohne je einen strukturellen Rahmen für ihre Erfahrungen bekommen zu haben.
Zwischen diesen beiden Formulierungen liegt klinisch ein erheblicher Unterschied:
„Sie müssen sich einfach besser strukturieren.“ vs. „Haben Sie das Gefühl, für Aufgaben, die andere scheinbar mühelos erledigen, deutlich mehr Energie aufwenden zu müssen — schon seit der Kindheit?“
Die zweite Frage eröffnet einen diagnostischen Raum: Sie lädt ein, statt zu bewerten. Und sie kann, besonders bei Frauen, die ihre Schwierigkeiten jahrzehntelang kompensiert haben, den Unterschied machen, ob eine ADHS-Abklärung jemals in Betracht gezogen wird. Weitere Fragen, die in der Anamnese diagnostisch bedeutsam sein können:
Diese Fragen sind keine Screeninginstrumente. Sie sind eine Einladung, eine andere Geschichte zu erzählen.
Viele Frauen suchen Hilfe nicht während der Schulzeit, sondern an bestimmten Lebensübergängen: Berufseinstieg, Erststudium, Familiengründung, Wechseljahre. Diese Übergänge haben strukturell eines gemeinsam: Die Anforderungen steigen sprunghaft, während externe Strukturen wegfallen. Stundenplan, Lehrpläne, familiäre Routinen — all das hatte oft einen Rahmen geboten, der die Selbstorganisation von außen übernahm. Beispielhaft dafür sind Schwangerschaft und frühe Mutterschaft. Der Mental Load – die dauernde kognitive und emotionale Verantwortung für parallele Anforderungen – bringt Kompensationsstrategien an ihre Grenzen, die zuvor stabil funktioniert haben. Viele Frauen berichten rückblickend: Es seien keine neuen Symptome aufgetreten. Was sich verändert habe, sei die Umgebung – sie trug nicht mehr. Die Forschung betont: Weibliche hormonelle Veränderungen im Laufe des Lebens (Pubertät, prämenstruelle Phase, Schwangerschaft, Postpartum, Perimenopause) können die ADHS-Symptomatik dabei substantiell beeinflussen. Sie müssen in der klinischen Beurteilung stärker berücksichtigt werden.
In Deutschland wie in anderen europäischen Ländern sind Wartezeiten auf spezialisierte ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter ein bekanntes Problem. Betroffen sind besonders Frauen, deren Symptomatik spät erkannt wird — denn sie gelangen oft nicht direkt zur spezialisierten Diagnostik, sondern über andere Versorgungsbereiche. Auch international zeigt sich das Muster: Das NICE in Großbritannien verwies wiederholt auf Versorgungslücken bei Erwachsenen – eine aktualisierte Leitlinien für den Umgang mit ADHS wurde entwickelt. In den USA werden Frauen häufiger zunächst wegen Depressionen oder Angststörungen behandelt, bevor überhaupt an ADHS gedacht wird. Dieser Befund ist in verschiedenen Gesundheitssystemen replizierbar. Was die Systeme unterscheidet: Zugangswege, Wartezeiten, Abrechnungsstrukturen. Was sie verbindet: Das diagnostische Bild, an dem sich die Versorgung orientiert, entspricht in vielen Fällen noch immer stärker dem hyperaktiven Jungen als der erschöpften Frau Anfang vierzig.
In meiner beruflichen Tätigkeit im deutschen Gesundheitswesen ist ADHS bei Erwachsenen seit einigen Jahren kein abstraktes Phänomen mehr. Die Anfragen häufen sich — nach freien Therapieplätzen, nach Möglichkeiten zur außervertraglichen Kostenübernahme für Diagnostik, die im Regelsystem nicht zeitnah zugänglich ist. Wartelisten, die geschlossen sind. Wartezeiten von einem, manchmal zwei Jahren. Menschen, die fragen, ob und wie eine Abklärung dennoch möglich wäre. Was dabei auffällt: Viele dieser Anfragen kommen von Frauen. Und viele dieser Frauen beschreiben eine Geschichte, die sich ähnelt — jahrelange Erschöpfung, mehrere vorherige Diagnosen, das erste Mal das Gefühl, vielleicht eine Richtung zu kennen, aber noch keinen Weg. Die Verzweiflung in manchen Anfragen ist keine Dramatisierung. Sie ist eine Information.
Die Diskussion über ADHS bei Frauen berührt grundlegende Fragen medizinischer Urteilsbildung: Welche Patientinnen passen in unsere Modelle und welche fallen durch das Raster, weil die Modelle nicht für sie entwickelt wurden? Die Forschung der letzten Jahre macht deutlich: Es braucht einen Lifespan-Approach für Mädchen und Frauen, der weibliche Symptomvarianten berücksichtigt.
Führende ADHS-Forscher verschiedener Länder bestätigen mit 208 evidenzbasierten Schlussfolgerungen, dass die Störung eine biologische Grundlage hat – und auch eine Diagnose im späteren Leben gerechtfertigt sein kann. Viele Frauen entwickeln nicht mit 35 plötzlich ADHS. Was sich ändert, ist die Traglast der Umgebung. Was sich für Fachpersonen daraus ableitet, ist keine neue Checkliste. Es ist eine veränderte Aufmerksamkeit: auf die Frau, die gut funktioniert und trotzdem erschöpft ist. Auf die Patientin, deren Biografie viele plausible Diagnosen enthält — aber kein Erklärungsmodell, das alles zusammenhält. Manchmal beginnt das mit einer einzigen Frage, die anders gestellt wird.
Bildquelle: Pablo Merchán Montes, Unsplash