Mit PTBS wird jede Nacht zum Albtraum. Bisherige Medikamente kamen nicht dagegen an – jetzt soll THC das Problem einschläfern. Klingt nach Selbstversuch, ist aber klinisch belegt.
Das Trauma kehrt zurück, so real wie beim ersten Mal – und das Nacht für Nacht. Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung erleben ihre schlimmsten Erinnerungen im Schlaf immer wieder neu. Meist wachen sie in Panik auf. Antidepressiva und blutdrucksenkende Mittel lindern die Symptome nur bedingt, gegen die Albträume selbst kommen sie oft nicht an. Ein spezifisch zugelassenes Medikament gegen traumabedingte Albträume gibt es in Deutschland bislang nicht. Forscher der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben nun in einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie untersucht, ob das verschreibungspflichtige Cannabinoid Dronabinol diese Lücke schließen kann. Die Ergebnisse erschienen in Nature Medicine.
Grundlage des Ansatzes ist das körpereigene Endocannabinoid-System, das an der Regulation von Schlaf, Stress und der Verarbeitung emotionaler Erinnerungen beteiligt ist. Studienleiter Prof. Stefan Röpke von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin erklärt: „Es gibt Hinweise darauf, dass THC im REM-Schlaf, den intensiven Traumphasen, in denen das Gehirn Erlebnisse verarbeitet und Emotionen reguliert, die Traumaktivität abschwächt und damit nächtliche Stressreaktionen mildert.“ Dronabinol ist ein direkt aus der Hanfpflanze gewonnenes THC in Tropfenform, das seit dem „Cannabis als Medizin“-Gesetz von 2017 für medizinische Zwecke eingesetzt werden kann.
An der Studie nahmen mehr als 170 Patienten mit PTBS und häufigen, intensiven Albträumen teil. 10 Wochen lang erhielten sie abends vor dem Schlafengehen entweder Dronabinol oder ein identisch aussehendes, nach Cannabis schmeckendes Placebo – weder Behandler noch Teilnehmer wussten, wer was erhielt. Die Albtraumlast wurde auf einer Skala von 0 bis 8 Punkten erfasst. Das Ergebnis war deutlich: In der Dronabinol-Gruppe sank die Albtraumlast im Schnitt um 3,7 Punkte, in der Placebogruppe nur um 2,2 Punkte.
„Mehr als ein Drittel der mit Dronabinol Behandelten berichteten, dass sie nach zehn Wochen gar keine Albträume mehr erlebt haben. Weitere 21 Prozent sprachen von einer mindestens halbierten Albtraumlast“, so Röpke. Insgesamt nahmen rund 5 von 6 Patienten in der Dronabinol-Gruppe ihren Gesundheitszustand subjektiv als deutlich verbessert wahr.
Die Wirkung zeigte sich spezifisch auf Albträume und Schlafqualität. Die Gesamtschwere der PTBS-Symptomatik sowie begleitende Depressionen veränderten sich nicht eindeutig – ein Befund, den die Forscher offen benennen. Dennoch bedeutete die Durchbrechung der nächtlichen Traumwiederholungen für die Mehrheit der Betroffenen eine spürbare Entlastung. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf. Leichte bis mittelgradige Begleiterscheinungen wie Schwindel, Kopfschmerzen und Appetitsteigerung wurden häufiger beobachtet. Entzugserscheinungen nach dem Absetzen am Studienende konnten nicht festgestellt werden. Offen bleibt, ob die Wirkung auch langfristig anhält oder ob sich ein Gewöhnungseffekt einstellt – das sollen weitere Untersuchungen klären.
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