Mittlerweile sind schon die Kids auf Social Media unterwegs. Aber wer früher online abhängt, ist offline abgehängt. Das zeigt sich auch an den Schulnoten. Kann ein Mindestalter die Jugend noch retten?
Ab welchem Alter Kinder und Jugendliche einen eigenen Social-Media-Account haben sollten, wird weltweit heftig diskutiert – meist mit Blick auf psychische Gesundheit und Suchtpotenzial. Eine neue Studie aus Italien liefert jetzt ein weiteres Argument in der Debatte: Sie zeigt einen Zusammenhang zwischen einem frühen Social-Media-Einstieg und schwächeren Schulleistungen.
Ein italienisches Forschungsteam wertete Daten von mehr als 5.000 Schülern aus. Die Studie verglich, wie sie in standardisierten Tests für Mathematik, Italienisch und Englisch abschnitten. Basierend darauf, ob die Teilnehmer ihren ersten Social-Media-Account bereits in der sechsten, siebten oder achten Klasse – oder erst ab der neunten Klasse erstellt hatten. Über einen sogenannten Difference-in-Difference-Ansatz verglichen die Forscher die Testergebnisse vor und nach der Account-Erstellung zwischen beiden Gruppen. Zusätzlich glichen sie ähnliche Kinder per Matching-Verfahren ab, um Faktoren wie den sozioökonomischen Status als Erklärung auszuschließen.
Prof. Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, hält das methodische Vorgehen für überzeugend: Die Studie gehöre „methodisch zu den interessantesten, die bislang in diesem Kontext veröffentlicht wurden“. Das Design überprüfe die Robustheit der Ergebnisse mit mehreren Verfahren – „unterm Strich also ein gelungenes Forschungsdesign“.
Das Ergebnis: Schüler, die bereits in der sechsten oder siebten Klasse einen Account anlegten, schnitten später in Mathematik und Italienisch schlechter ab als jene, die bis zur neunten Klasse warteten. In Englisch zeigte sich dagegen kein negativer Effekt – vermutlich, weil viele Social-Media-Inhalte auf Englisch sind und so Hör- und Leseverständnis in der Fremdsprache trainiert werden.
Die gemessenen Effekte liegen laut Zierer bei Regressionskoeffizienten von −0,07 bis −0,27 Standardabweichungen. Eingeordnet in den Kontext der Bildungsforschung entspreche das einem Lernrückgang von bis zu einem halben Schuljahr – „das ist angesichts der Datenlage der empirischen Bildungsforschung [...] als dramatisch einzustufen“, sagt Zierer.
Für die schlechteren Ergebnisse macht Christian Montag, Professor für Kognitions- und Neurowissenschaften an der Universität Macau, vor allem die ständigen Unterbrechungen durch das Smartphone verantwortlich: Sie verkürzten die möglichen Konzentrationsspannen. Der Effekt sei aus anderen Studien bekannt, etwa dem sogenannten Brain-Drain-Effekt, wonach schon die bloße Anwesenheit des eigenen Smartphones die verfügbare kognitive Kapazität senkt.
Nicht alle Fachleute ziehen dieselben Schlüsse. Yvonne Anders, Professorin für Psychologie mit Schwerpunkt Bildung und Entwicklung am Leibniz-Institut für Bildungsforschung (DIPF), hält die Studie zwar für relevant, mahnt aber zur Vorsicht bei der Kausalitätsannahme: Zentrale Einflussfaktoren wie die häusliche Lernumgebung oder die kindlichen selbstregulatorischen Fähigkeiten blieben in der Untersuchung unberücksichtigt.
Auch Zierer betont, dass sich die Effekte nicht allein auf das Account-Alter zurückführen lassen: Dafür seien Persönlichkeit, Lebenswelt und Nutzungsverhalten der Jugendlichen zu unterschiedlich. Dennoch handle es sich um einen belastbaren Zusammenhang, der sich in einen längeren Forschungsprozess einreihe.
Für Zierer liefert die Studie ein Argument für eine Regulierung des Mindestalters für Social-Media-Accounts. Anders sieht in einer reinen Altersgrenze dagegen keine ausreichende Lösung: Nötig sei stattdessen ein „Dreiklang aus Schutz, Befähigung und Teilhabe“ – mit Medienbildung für Kinder, Eltern und Lehrkräfte, die bereits früh ansetzt.
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