Drei Tage Kongress, ein Argument, das zählt: Networking. Die Frage ist nur, wie lange sich das noch schönreden lässt.
„Fahren Sie noch auf wissenschaftliche Kongresse?“ Vor wenigen Jahren wäre diese Frage undenkbar gewesen: Wer medizinisch auf dem neuesten Stand bleiben wollte, fuhr zu den großen Jahrestagungen. Dort wurden die wichtigsten Studien erstmals präsentiert, Leitlinien diskutiert und Kontakte geknüpft. Der Kongress war Informationsquelle, Pflichttermin und Treffpunkt zugleich.
Heute hat sich die Situation grundlegend verändert. Neue Studien erscheinen rasch online. Und der Zeitdruck, der Personalmangel bzw. die Kosten für Vertretungen steigen. Solche Argumente gegen klassische Präsenzveranstaltungen sind nicht neu. Sie werden nur immer überzeugender.
Ein Beispiel: Late-Breaking-Sessions präsentieren besonders aktuelle und potenziell praxisrelevante Forschungsergebnisse, die zum regulären Abstract-Schluss häufig noch nicht vorliegen. Viele dieser Studien erscheinen aber zeitgleich mit der Kongresspräsentation oder kurz danach in renommierten Fachzeitschriften. Auch Preprints und vorab veröffentlichte Daten haben den früheren Exklusivitätsanspruch der Late Breakings deutlich relativiert.
Wer wissen will, was in der Kardiologie oder Onkologie gerade diskutiert wird, braucht deshalb nicht mehr zwingend einen Flug nach München, Barcelona oder Chicago. Für einen ersten Überblick reichen oft wenige Minuten: ein Podcast, eine Zusammenfassung aus dem Saal, ein fachkundiger Thread, eine Publikation in Fachmedien. Die kritische Lektüre der Originalarbeit ersetzen diese Formate selbstverständlich nicht, den früheren Informationsvorsprung des Kongresssaals aber sehr wohl.
Mindestens ebenso entscheidend ist der ärztliche Alltag. 3 Tage Kongress bedeuten 3 Tage Abwesenheit von der Sprechstunde, der Visite oder vom OP – häufig verbunden mit zusätzlicher Arbeit vor der Abreise und nach der Rückkehr. In vielen Kliniken und Praxen machen Personalmangel und hohe Vertretungskosten längere Kongressbesuche zunehmend schwierig. Der Kongress ist deshalb längst kein selbstverständlicher Bestandteil ärztlicher Fortbildung mehr. Ob jemand teilnehmen kann, hängt heute von der Personaldecke, der Freistellung, der Finanzierung und nicht zuletzt von der privaten Lebenssituation ab.
Trotzdem wäre es zu simpel, den klassischen Kongress bereits abzuschreiben. Befragungen zeigen, dass viele Ärzte Präsenzveranstaltungen weiterhin schätzen – allerdings weniger wegen der Vorträge als wegen des persönlichen Austauschs, der Diskussionen und der beruflichen Vernetzung.
Auch die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie haben gezeigt, wie komplex die Debatte ist. Virtuelle Kongresse haben Reiseaufwand und Zugangshürden erheblich verringert. Gleichzeitig wurde deutlich, was digitale Formate nur unvollständig ersetzen können: spontane Gespräche, ungeplante Begegnungen, unmittelbare Diskussionen und jene informellen Kontakte, aus denen nicht selten Kooperationen oder neue Projekte entstehen. Gut konzipierte Hybridveranstaltungen könnten beide Welten verbinden – die Reichweite digitaler Angebote und die Qualität persönlicher Begegnungen.
Damit wird klar: Der Mehrwert eines Präsenzkongresses entsteht heute nicht nur im Vortragssaal. Er entsteht beim Kaffee nach der Session, in der Diskussion auf dem Flur, beim Poster Walk oder im zufälligen Gespräch mit Kollegen, aus dem plötzlich eine Kooperation entsteht oder eine Karriere ihren nächsten Schritt macht. Natürlich kann man auch online diskutieren, chatten und Kontakte knüpfen. Was sich digital bislang nur unvollständig reproduzieren lässt, sind Spontanität und der produktive Zufall persönlicher Begegnungen.
Doch genau darin liegt auch das Problem. Bei vielen Befürwortern ist Networking inzwischen zum Universalargument geworden, mit dem sich praktisch jeder Präsenzkongress rechtfertigen lässt. Wer im Herbst wieder die Kongresstasche packt, sollte sich deshalb ehrlich fragen: Fahre ich wegen der Vorträge – oder wegen der Gespräche dazwischen?
Wenn das stärkste Argument für 3 Tage Präsenz tatsächlich das Networking ist, stellt sich zwangsläufig eine weitere Frage: Braucht es dafür wirklich einen riesigen Kongressapparat mit Messehallen, Pressezentrum, Industrieausstellung und dutzenden Late-Breaking-Sessions? Vielleicht würde ein kleineres, thematisch fokussiertes Fachtreffen denselben Zweck sogar besser erfüllen – persönlicher, günstiger und wissenschaftlich konzentrierter.
Die Lernforschung ist dabei weniger sentimental als manche Kongressveranstalter oder Besucher. Für klar definierte theoretische Lernziele zeigen systematische Übersichten häufig vergleichbare Wissenszuwächse durch Online- und Präsenzlehre. Blended-Learning-Konzepte schneiden bei Wissensendpunkten teilweise sogar besser ab. Das bedeutet nicht, dass jedes Onlineformat einen guten Präsenzvortrag ersetzt. Und es sagt wenig über praktische Fertigkeiten, soziale Interaktion oder langfristige Verhaltensänderungen aus. Die oft implizite Behauptung, medizinisches Fachwissen lasse sich nur im Hörsaal seriös vermitteln, wird durch die verfügbare Evidenz aber nicht gestützt.
Auch beim vermeintlichen Generationeneffekt lohnt sich Zurückhaltung. Die Präferenz für digitale oder klassische Fortbildungsformate lässt sich nicht allein am Alter festmachen. Fachgebiet, Karrierephase, familiäre Situation und vor allem die Qualität des Angebots spielen mindestens ebenso große Rollen. Sicher ist vor allem: Die Akzeptanz digitaler Fortbildung ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – und der klassische Großkongress besitzt längst kein Monopol mehr.
Aus Sicht der Anbieter spricht noch ein ganz anderes Argument für Präsenzveranstaltungen: Bei vielen großen Fachkongressen sind Industrieausstellungen, Satellitensymposien und Sponsoring kein dekoratives Beiwerk, sondern ein tragender Bestandteil des Geschäftsmodells, unabhängig von Teilnahmegebühren. Sponsoring ist nicht per se problematisch. Es muss transparent sein, klar gekennzeichnet werden und darf die wissenschaftliche Unabhängigkeit des Programms nicht beeinträchtigen. Genau diese Anforderungen formuliert die Bundesärztekammer in ihrer Muster-Fortbildungsordnung.
Zusätzlichen Druck erzeugen Vorgaben zur Verwendung von Sponsorengeldern. Die Muster-Fortbildungsordnung sieht vor, dass diese Mittel ausschließlich dem wissenschaftlichen Programm der jeweiligen Veranstaltung zugutekommen sollen. Rechtsverbindlich wird dies allerdings erst durch die Umsetzung der einzelnen Landesärztekammern – und damit nicht überall gleichzeitig. Mehrere Fachgesellschaften warnen deshalb, dass eine bislang übliche Querfinanzierung erschwert werde: Überschüsse großer Kongresse konnten bisher kleinere Fortbildungsangebote mittragen.
So zu argumentieren, halte ich für gefährlich. Wenn ein Veranstaltungsmodell nur funktioniert, solange Industrieausstellungen, Sponsoringpakete und Messeflächen einen erheblichen Teil der Finanzierung tragen, stellt sich eben die Frage, ob dieses Modell noch zeitgemäß ist.
Doch wie sollte die Zukunft nun aussehen? Standardisierte Wissensvermittlung – neue Studiendaten, Leitlinien-Updates oder Übersichtsreferate – könnte überwiegend digital stattfinden. Nicht ausschließlich, aber dort, wo sie schneller, günstiger und für alle leichter zugänglich ist. Präsenzveranstaltungen sollten sich dagegen konsequent auf das konzentrieren, was sie tatsächlich einzigartig macht: intensive Diskussionen, interaktive Formate, praktische Workshops und den Aufbau belastbarer beruflicher Netzwerke.
Das bedeutet kleinere, fokussiertere Treffen, intelligente Hybridkonzepte und deutlich mehr Transparenz bei der Finanzierung. Nicht jede Sitzung muss gestreamt werden. Aber ebenso wenig muss jeder Vortrag auf einer riesigen Bühne stattfinden oder jede Jahrestagung zur Messe mit angeschlossenem Wissenschaftsprogramm anwachsen.
Nur wird die Kongressindustrie radikale Änderungen kaum aus eigenem Antrieb durchführen. Sie lebt von Teilnahmegebühren, von Ausstellerflächen, von Sponsoringpaketen – und von einem Veranstaltungsmodell, das möglichst viele Reisen, Hotelübernachtungen und Teilnehmer voraussetzt.
Gerade deshalb muss die Diskussion aus der Ärzteschaft kommen. Fortbildung sollte sich daran orientieren, wie Wissen heute am sinnvollsten vermittelt wird – nicht daran, welches Veranstaltungsmodell sich historisch etabliert hat und sich bis heute erstaunlich hartnäckig hält.
Präsenzkongresse werden nicht verschwinden. Dafür gibt es zu viele gute Gründe. Aber sie sollten wieder die Ausnahme für das sein, was nur vor Ort gelingt – und nicht mehr der Standard für Inhalte, die längst überall verfügbar sind.
Bildquelle: Matheus Frade, Unsplash