Ein Häftling schiebt die wiederholte Vergewaltigung seiner Partnerin aufs Schlafwandeln. Das ist ja wohl die schlechteste Ausrede aller Zeiten – oder kann er wirklich nichts dafür?
„Wissen Sie, Frau Psychologin, meine Freundin behauptet, ich hätte sie im Schlaf vergewaltigt, aber das ist halt einfach nicht wahr. Ich bin völlig unschuldig hier eingesperrt und damit komme ich einfach nicht klar.“
Meine langjährige Erfahrung in diesen heiligen Hallen flutet meine Synapsen augenblicklich mit der Überzeugung, nicht nur einen widerlichen Triebtäter, sondern zudem einen unverschämten Lügner vor mir zu haben. Seine Worte fließen aufrichtig aus seinem Mund. Er selbst scheint von seiner Version fest überzeugt. Er wirkt verzweifelt. Man könnte meinen, er sei bei seiner eigenen Tat nicht anwesend gewesen. Mit starrem Blick und vorwurfsvoll hochgezogenen Augenbrauen drehe ich mich in meinen Bürostuhl Richtung Schreibtisch. Ich komme mir vor wie die Mutter eines Fünfjährigen, die zwar weiß, dass er sich die Hände nicht gewaschen hat, aus Respekt vor seiner Beteuerung, es doch getan zu haben, aber ins Bad marschiert und prüft, ob die Seife nass ist.
„…fixierte Herr Bamberger seine Freundin durch Festhalten ihrer Hände auf das Bett, legte sich auf sie und vollzog gegen ihren Willen den Geschlechtsverkehr mit ihr. Der Vorgang ist auf einer Kamera festgehalten worden, die auf das Bett gerichtet war (Beweisstück 12b)…“, zitiere ich aus dem Scan des schmutzrosafarbenen Dokumentes.
„Ich weiß! Das sieht nicht gut aus!“Die Abscheu treibt mir die typischen Falten auf die Stirn. Ich gebe mir keine Mühe, diese zu verstecken. „Sie haben Ihre Tat gefilmt, Herr Bamberger. Und verschwenden jetzt meine Zeit, mir zu erzählen, Sie seien unschuldig?“ Ich spreche ganz langsam, damit meine Professionalität nicht explosionsartig den Jordan hinuntergeht.„Sie können mir das jetzt glauben oder nicht, aber ich habe geschlafen.“„– und sind schlafgewandelt und das Ganze ist aus Versehen passiert?“, vervollständige ich den Satz. Eigentlich wollte ich eine echte Frage stellen, aber die Ironie bahnte sich ihren Weg wie heiße Himbeersoße durch Vanilleeis.„Warum sollte ich denn so dumm sein und das Ganze auch noch filmen?“„Menschen sitzen nun mal nicht hier drinnen, weil ihr Lebensweg von klugen Entscheidungen gepflastert war.“„Sie glauben mir eh nicht, aber wir hatten die Kamera für die Katze aufgestellt. Damit wir sehen können, was die tagsüber macht, wenn wir auf der Arbeit sind.“
Ich öffne das Vorstrafenregister: Gemeinschaftlicher, gewerbsmäßiger Diebstahl mit 17 – Jugendstrafe, sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen mit 23 und mit 25 und jetzt mit 32 die erste Vergewaltigung. „Bei ihren anderen Straftaten, haben Sie da auch geschlafen?“ Ich bemühe mich, den Sarkasmus in meiner Stimme unter Kontrolle zu halten, denn ich möchte erst einmal ein paar Informationen sammeln.
„Bei dem Ding als Jugendlicher natürlich nicht. Das war dumm, da bin ich so reingeraten. Aber der Rest, ich schwöre es Ihnen! Ich Bekomme! Das! Nicht! Mit!“„Haben Sie sich mal Hilfe gesucht?“ Ich gehe also mal mit der Geschichte mit. Denn sonst drehen wir uns im Kreis, ohne einen Zentimeter Weg gut zu machen.„Ich war mal im Schlaflabor, aber die haben nur so eine Schlafapnoe festgestellt. ‚Das‘ ist auch öfter passiert. Viel öfter, als da in ihrem Computer steht. Nur meistens bin ich noch aufgewacht, bevor… na, bevor es eben… dazu kam. Zweimal bin ich vom Weinen meiner Freundin aufgewacht und ehrlich gesagt haben auch öfter Frauen plötzlich mit mir Schluss gemacht und ich habe nicht verstanden, warum. Die waren immer richtig sauer und wollten mir nichts erklären. Ich würde ‚ganz genau wissen, warum‘, hieß es immer. So nach und nach wurde mir dann klar, dass ich ein Problem habe.“
Meine vorgefertigte Verachtung gerät ins Wanken. Er hätte mir das eben nicht erzählen müssen. Durch den überstürzten Gesprächsbeginn habe ich völlig versäumt, Herrn Bamberger über meine Schweigepflicht und deren Grenzen aufzuklären. Er nimmt also in Kauf, dass er sich durch seine Rechtfertigung noch mehr juristischen Ärger einhandelt. Oder aber er kennt den § 203 StGB ganz genau und spielt bewusst diese Karte, um mich als Fürsprecherin zu gewinnen.
Mein Körper reagiert auf den Wetterwechsel im Gespräch. Meine plötzlichen Zweifel an seiner Schuld spiegeln sich in meinem Muskeltonus wider. Meine Stirn entspannt sich und in deutlich versöhnlicherem Ton hake ich nach: „Wenn Sie schon wissen, dass Sie im Schlaf eine Gefahr für Ihre Partnerin darstellen, wieso zur Hölle schlafen Sie dann zusammen in einem Zimmer?“ Schweigen. „Ich vermute, es gibt auch keinen Arzt oder Psychotherapeuten, der bestätigen kann, dass Sie sich früher schon einmal mit dem Thema an jemanden gewandt haben?“ Schweigen. „Freunde? Verwandte? Mit irgendjemandem mal darüber gesprochen?“ Jetzt rutsche ich in die Rolle seines Verteidigers. Aber ich will es wirklich wissen. Ich möchte diese absurde Behauptung für mich und die weitere Behandlung einordnen können.
„Würden Sie so etwas erzählen?“ wirft er mir ein wenig trotzig hin. Ich überlege. Versuche mir ernsthaft vorzustellen, ich würde meinen Mann aus Versehen nachts am Bett fixieren und sexuell missbrauchen… Wiederholt. Und mich dabei auch noch aus Versehen filmen. Schnell wird mir klar, welch ein Problem mein Klient hat, falls er mich heute tatsächlich NICHT anlügt.
Ich einige mich mit Herrn Bamberger darauf, mit ihm gemeinsam an der Akzeptanz der Inhaftierung zu arbeiten und biete weitere Gespräche zu seiner psychischen Entlastung an. Ob tatsächlich eine relevante Parasomnie vorliegt, das muss zum Glück ein Gutachter feststellen und nicht ich.
Nachdem ich den Gefangenen zurück in seinen Haftraum gebracht habe, bleibe ich mit gemischten Gefühlen zurück. Habe ich mich gerade für dumm verkaufen lassen? Oder bin ich einem schwer kranken Menschen mit einem Höchstmaß an Verachtung und Unprofessionalität entgegengetreten? Kurz vor Feierabend setze ich mich also noch mal an meinen PC und suche nach „Schlafwandeln Vergewaltigung“. Schnell wird klar, dass das beschriebene Phänomen zumindest klinisch existiert. „Sexsomnie“ – gehört hatte ich davon, es aber mit einem inneren Augenrollen unter „was es nicht alles geben soll“ abgelegt.
Ob Herr Bamberger tatsächlich Opfer einer Synapseneskalation im REM-Schlaf-Rambazamba seines Gehirns wurde oder einfach nach einer extravaganten Ausrede für seine Triebtaten gesucht hat, wird für mich dennoch weiter im Unklaren bleiben.
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