Eigentlich braucht die Patientin nur eine AU, zehn Minuten sollten also reichen – denkste! Stattdessen wird die Sprechstunde zu einem Gespräch, das alles auf den Kopf stellt.
Ein Text von Sprechzimmer 4
„Es tut mir leid, dass Sie warten mussten. Bitte kommen Sie rein. Was kann ich heute für Sie tun?“ Diesen Satz sage ich jeden Tag mindestens einmal. Während ich den Patienten begrüße und ihm einen Platz in meinem Sprechzimmer 4 anbiete, leuchten irgendwann auf meinem Bildschirm die roten Minuten auf. Wie ein kleines Mahnmal erinnern sie mich daran, wie lange der nächste Patient schon wartet. Was diese roten Zahlen nicht erzählen: Manchmal liegen zwischen zwei Patienten Welten.
Mein Tag beginnt lange, bevor meine Sprechstunde beginnt. Gegen 6:30 Uhr klingelt der Wecker. Zwei kleine Kinder möchten versorgt werden. Während ich versuche, selbst pünktlich zur Arbeit zu kommen, gilt es gleichzeitig unzählige Bedürfnisse wahrzunehmen, zu regulieren und den Morgen irgendwie zu strukturieren: Kinder anziehen, Zähne putzen, Sonnencreme, Brotzeitboxen, überlegen, ob heute wieder Obst für die Kita mitgebracht werden muss oder ob noch ein unterschriebener Ausflugszettel auf dem Küchentisch liegt. Irgendwo dazwischen versuche ich auch, mich selbst auf den Tag vorzubereiten. An diesem Dienstag bringt mein Mann unsere beiden Töchter in ihre Einrichtungen. Ich fahre allein mit dem Fahrrad zur Praxis. Als ich absteige, bleibe ich kurz stehen, schaue hinauf zur Praxis im ersten Stock und atme drei Mal tief durch. Erst dann öffne ich die Eingangstür.
Ich liebe Arbeitskleidung. Nicht weil sie bequem ist. Sondern weil sie mir hilft, die Rollen zu wechseln. Fast genauso wichtig sind für mich die ersten Minuten mit meinen Kolleginnen. Ein freundliches „Guten Morgen“. Und jeden Tag mindestens eine feste Umarmung. Es sind nur wenige Sekunden. Aber sie helfen mir, innerlich anzukommen.
An diesem Morgen bin ich etwas früher als sonst. Meine erste Terminpatientin ist erst für 8:30 Uhr einbestellt. Bis dahin bleibt noch etwas Zeit. Auf dem Bildschirm wartet bereits eine Patientin der Akutsprechstunde. Seit 25 Minuten. Hinter ihrem Namen steht lediglich: „Braucht AU.“ Ich denke: Die hole ich noch schnell rein. Zehn Minuten vielleicht. Danach würde meine eigentliche Sprechstunde beginnen. Ich laufe ins Wartezimmer, begrüße sie und begleite sie in mein Sprechzimmer. Schon bevor sie den ersten Satz sagt, habe ich das Gefühl, dass dieses Gespräch anders werden würde. Ich kann bis heute nicht erklären, woran ich das festmache. Es ist kein Blick. Keine Körperhaltung. Kein einzelnes Wort. Eher ein Gefühl. Als würde jemand etwas mit in den Raum bringen, das sich nicht benennen lässt und trotzdem sofort da ist.
Sie erzählt, dass sie gerade aus einem zweiwöchigen Urlaub zurückgekommen sei. Gestern sei ihr erster Arbeitstag gewesen. Und gestern habe sie eine Abmahnung erhalten. Sie brauche eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Sie könne sich nicht konzentrieren. Sie habe Angst, weitere Fehler zu machen. Und dann sagt sie einen Satz, den ich in der Hausarztpraxis erstaunlich häufig höre: „Ich kann einfach nicht mehr.“ Dieser Satz ist selten eine Antwort. Meistens ist er der Beginn einer gemeinsamen Suche. Also suche ich mit ihr weiter.
Langsam erzählt sie von ihrem Vater, den sie über Monate gepflegt hatte, bis er an einer schweren Demenz verstorben ist. Von ihrer Mutter, die nur eine Straße weiter wohnt und zunehmend Unterstützung braucht. Von zwei Wochen Urlaub in ihrem VW-Bus. Von Freunden, die ihr gutgetan hatten. Und davon, dass sie trotzdem nicht erholt zurückgekommen ist. Dann sagt sie: „Ich brauche Hilfe.“ Nicht eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Nicht ein paar Tage Ruhe. Sondern Hilfe. Von diesem Moment an spielt die AU keine Rolle mehr.
Aufgrund der Schwere, die ich wahrnehme, frage ich sie nach Suizidgedanken. Sie antwortet sofort. Ja. Sie habe darüber nachgedacht, mit dem Auto gegen einen Baum zu fahren. Gleichzeitig sagt sie: „Ich würde das nie tun. Meine Mama wäre so traurig.“ Wir sprechen weiter. Während ich ihr Möglichkeiten der Unterstützung erkläre, bemerke ich, wie sie beide Arme fest gegen ihren Bauch drückt. Ihr Kiefer spannt sich sichtbar an. Ich habe das Gefühl, dass wir noch nicht am eigentlichen Kern angekommen sind.
Ich sage: „Ich habe den Eindruck, dass es Ihnen wirklich schlecht geht. Sie haben gesagt, dass Sie Hilfe brauchen. Dürfen wir gemeinsam noch einmal auf diese Gedanken schauen?“ Sie nickt. Ich bitte sie, mir zu beschreiben, wie diese Gedanken aussehen. Sie antwortet: „Jedes Mal, wenn ich ins Auto steige.“ Jedes Mal. Sie handle nicht danach. Aber jedes einzelne Mal sei dieser Gedanke da.
Diese Antwort trifft mich mit einer Wucht, auf die ich überhaupt nicht vorbereitet bin. Bis zu diesem Moment hatte ich geglaubt, ihre Suizidgedanken eingeordnet zu haben. Jetzt wird mir schlagartig bewusst, wie sehr ich ihre Belastung unterschätzt habe. Ich sage ihr, dass ich mir große Sorgen um sie mache und dass ich glaube, dass wir ihr heute genau die Hilfe geben sollten, nach der sie gerade sucht. Gemeinsam entscheiden wir, dass sie sich noch am selben Tag in einer psychiatrischen Klinik vorstellen sollte. Ich bat sie, noch einmal im Wartezimmer Platz zu nehmen, während ich mit der diensthabenden Psychiaterin telefonierte.
Während ich telefoniere, fällt mein Blick zum ersten Mal seit langer Zeit wieder auf meinen Bildschirm. Die Wartezeiten leuchten rot. 38 Minuten. 25 Minuten. 9 Minuten. Erst in diesem Moment holt mich der Praxisalltag wieder ein. Mir wird schlagartig bewusst, dass draußen längst meine Terminpatienten warten. Und noch etwas wird mir klar: Diese Frau war nie eine Terminpatientin. Eigentlich hatte ich sie nur noch schnell vor meinen ersten Termin schieben wollen.
Die Psychiaterin versteht meine Einschätzung und sagt zu, die Patientin noch am selben Vormittag zu sehen. Ich hole die Patientin wieder herein. Jetzt erst schauen wir gemeinsam auf Google Maps, suchen den Weg zur Klinik heraus. Ich zeige ihr das Gebäude, schreibe ihr den Namen der diensthabenden Psychiaterin und die Telefonnummer auf und stelle die Einweisung aus. Erst als wir alles gemeinsam durchgegangen sind, wirkt sie etwas ruhiger. Dann sagt sie einen Satz, den ich wahrscheinlich nie vergessen werde: „Ich hatte solche Angst, dass Sie mich einfach wieder nach Hause schicken.“ Plötzlich verstehe ich ihre Anspannung. Nicht die psychiatrische Klinik hatte ihr Angst gemacht. Sondern die Vorstellung, mit diesen Gedanken wieder allein nach Hause fahren zu müssen.
Sie bedankt sich und ich begleite sie zum Ausgang. Bei der Verabschiedung nimmt sie ihre Unterlagen entgegen und macht sich mit dem Fahrrad auf den Weg. Auf dem Weg zurück zu meinem Zimmer kommt mir eine Kollegin entgegen. „Soll ich dir jemanden abnehmen?“ Bis heute weiß ich nicht mehr genau, was ich geantwortet habe. In meiner Erinnerung war es kein zusammenhängender Satz. Ich weiß nur noch, dass ich nicht stehen blieb, mich nicht zu ihr umdrehte, ihr nicht in die Augen schaute und einfach weiterging.
Erst zurück an meinem Tisch fragte ich mich, ob das unhöflich gewesen sein könnte. Wahrscheinlich schon. Aber in diesem Moment war mein Kopf so voll, dass ich keine weitere Entscheidung mehr treffen konnte. In den vergangenen 45 Minuten hatte ich unzählige Entscheidungen getroffen. Als meine Kollegin mich fragte, ob sie mir einen Patienten abnehmen solle, war ihre Frage eigentlich ganz einfach. Für mich war sie es in diesem Moment nicht. Hilfe anzunehmen bedeutet manchmal, noch einmal eine Entscheidung zu treffen. Und genau dazu war ich gerade nicht mehr in der Lage.
Ich atmete tief durch, stand auf, lief ins Wartezimmer und sagte: „Guten Morgen. Es tut mir leid, dass Sie warten mussten. Bitte kommen Sie rein. Was kann ich heute für Sie tun?“
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