Eine Sechsjährige hat eine unheilbare Genmutation. Die behandelnden Ärzte starten einen riskanten Heilversuch – den ersten seiner Art. Der Fall stellt die Medizin wieder einmal vor die Frage, ob nicht auch in der Gentherapie Grenzen gelten sollten.
Base-Editing, eine neue Form der Gentherapie, erlebt derzeit einen wahren Hype innerhalb der personalisierten Medizin: Genetisches Material verändern, um krankmachende Mutationen auszumerzen. Keine reine Symptombehandlung mehr, sondern Heilung an der Wurzel des Problems. Doch ein wagemutiger Heilversuch in China sorgt Mitte 2025 für internationale Schlagzeilen – und bringt neben all der Hoffnung vor allem Trauer und Ratlosigkeit.
Ein Kind leidet an einer unheilbaren Erkrankung, dem Snijders-Blok-Campeau-Syndrom, verursacht durch eine Mutation im CHD3-Gen. Eine experimentelle Gentherapie weckt Hoffnung auf Heilung – doch nur wenige Tage nach der Behandlung stirbt das Kind. Was in anderen Therapieversuchen bereits erfolgreich funktioniert hat, endet hier in einer Tragödie.
Was ist hier schiefgelaufen? Und ist der Hype um die individuelle Gentherapie – das Versprechen, unheilbare Erkrankungen auf genetischer Ebene zu beseitigen – zu risikoreich?
Das Fachjournal Science berichtet investigativ über den rätselhaften Fall der sechsjährigen „Mei“, deren Name zum Schutz ihrer Identität geändert wurde. Das seltene Snijders-Blok-Campeau-Syndrom, an dem sie litt, ist weltweit lediglich mit nur 237 Fällen dokumentiert. Bei Mei führte die Erkrankung zu einer milden Entwicklungsverzögerung – war aber nicht lebensbedrohlich. Dennoch, besorgt durch den immer kränker werdenden Zustand ihres Kindes, wagen die Eltern die bis dato so noch nie am Menschen durchgeführte Gentherapie, um die Genmutation zu korrigieren.
Bei Mei sollte ein Adenin (A) zu Guanin (G) umgewandelt werden. Dadurch wäre indirekt auf dem gegenüberliegenden DNA-Strang das fehlerhafte Thymin (T) indirekt zu einem Cytosin (C) korrigiert worden – mit dem erhofften Ziel, die Mutation zu beseitigen und damit die Krankheit an ihrer genetischen Wurzel zu behandeln. Das bereits geschichtsträchtige Xinhua Hospital in Shanghai vermittelt zusätzlich Vertrauen in die experimentelle Behandlung: So ist es doch eins der ersten im Land, das offene Herzoperationen an Kleinkindern durchführt und erfolgreich siamesische Zwillinge trennt.
Die Behandlung wird durchgeführt. Am 24. März 2025 wird eine Dosis viraler Vektoren (Adeno-assoziierte Viren, AAV9) direkt in die Rückenmarksflüssigkeit von Mei infundiert, um Gehirnzellen zu erreichen. Es ist die weltweit erste hirngerichtete Genom-Editierungstherapie an einem Menschen. Sieben Tage nach der Infusion stirbt Mei an den Folgen einer thrombotischen Mikroangiopathie, einer schweren Immunreaktion. Die Ethikkomission des Krankenhauses stellt den Bezug zur Behandlung fest.
Hätte ein solcher Versuch funktionieren können? Im dargestellten Fall wurden zwei Genfähren, sprich zwei Adenoassoziierte-Viren (AAV), genutzt, um eine solch große Basenveränderung in die menschlichen Zellen von Mei zu bringen.
Laut dem Experten für Gentherapie Julian Grünewald, Professor an der Technischen Universität München, ist das an sich nichts Neues, „das ist die Standardmethodik“. Denn: Ist die Basenveränderung zu groß, so müssen klinisch implementierte Fähren wie AAV aufgeteilt werden. Entscheidend ist hier jedoch, dass das Verfahren erst in präklinischen Mausstudien – also noch nicht am Menschen – getestet wurde. Dazu kommt: Durch die Verwendung von zwei statt eines Virus steigt automatisch die Dosislast. In Meis Fall enthält die Dosis geschätzt mehrere hundert Billionen Viruspartikel – tausendfach mehr als bei einer üblichen viral-basierten Injektion.
Steven Gray, ein US-amerikanischer Experte in der Virusentwicklung für Gentherapien sagt ganz klar: „Das hätte nicht umgesetzt werden dürfen.“ Und auch Prof. Regina Heilbronn, CEO von EpiBlok Therapeutics, ist sich sicher, dass die zugefügte Dosis für Mei toxisch war. Darauf deuten auch die Daten einer Studie, die die Gentherapie wenige Monate vor der eigentlichen Behandlung bereits an Affen testete. Alle vier getesteten Primaten wiesen nach Behandlung mittelschwere bis schwere Leberschäden auf, ein Tier erlitt zusätzliche Nierenschäden. Daten, die verfügbar waren.
Doch Heilbronn macht auch deutlich, dass Mei vielleicht eine Chance gehabt hätte – vielleicht nicht hätte sterben müssen. „[Die Dosis] ist nicht publiziert, war aber sicher super hoch. Und offensichtlich – nach den Informationen, die zur Verfügung stehen – hat man erst reagiert, als das Kind schon fast tot war.“ Sie verweist auf vergleichbare Fälle nach Zolgensma-Gaben, einer einmaligen Gentherapie bei spinaler Muskelatrophie: Mehrere Patienten, die ebenfalls eine thrombotische Mikroangiopathie entwickelten, konnten durch eine frühzeitige Behandlung gerettet werden. Heilbronn kritisiert deshalb vor allem die fehlende engmaschige Überwachung: „Das ist medizinisches Versagen.“
Wieso hat hier eigentlich nicht die Ethikkommission eingegriffen? Entscheidend ist zunächst der Unterschied zwischen einer klinischen Studie und einem individuellen Heilversuch, so Professor Boris Fehse, Leiter der Forschungsabteilung Zell- und Gentherapie an der Universität Hamburg:
„Es handelte sich nicht um eine klinische Studie, sondern [methodisch] um einen individuellen Heilversuch. Eine Dosis-Eskalationsstudie oder systematische Dosisfindung hatte im Vorfeld nicht stattgefunden. Die Fallzahl lag bei N gleich 1. Gleichzeitig handelt es sich um eine extrem seltene Erkrankung. Fairerweise muss man sagen, dass unter solchen Umständen eine klassische Studie kaum durchführbar ist.“
In Deutschland käme ein solcher Heilversuch ganz ohne Ethikkommission aus: keine Sondergesetze, keine Meldepflicht, keine Registrierung – der Arzt handelt aus eigener Therapiefreiheit und haftet selbst. Erlaubt ist das laut Fehs „nur, wenn man als Arzt die Einschätzung trifft, dass es sich um eine lebensbedrohliche Situation [handelt] und keine Behandlungsoption mehr da ist.“ Bei einem schweren Verlauf wäre ein solcher Therapieansatz also trotz erheblicher Risiken möglicherweise zu rechtfertigen gewesen. Meis Erkrankung war jedoch nur eine milde Entwicklungsstörung, was die Entscheidung für den riskanten Eingriff fragwürdig macht. Die Aufklärung der Eltern steht dabei in der Kritik.
Zwar teilte Neurowissenschaftler Qui die Ergebnisse der Primatenstudie den Eltern mit – wirkte dabei aber laut Aussage der Eltern unbesorgt. Und auch der klinisch verantwortliche Arzt Yongguo Yu klärte die beiden offenbar nie ausdrücklich über das Risiko eines tödlichen Ausgangs auf. Yu versicherte ihnen zudem, abgesehen vom Antikörper-Risiko zeige die Datenlage eine „relativ sichere“ Behandlung.
Ein weiterer entscheidender Aspekt rückt in den Fokus: Was als individueller Heilversuch gedeutet werden könnte, wurde formal als klinische Studie registriert – wie ein (später verwaister) Eintrag bei ClinicalTrials.gov und die Unterstützung durch einen offiziellen Sponsor (Lanqi Xintu Gene Technology) vermuten lassen. Tatsächlich erhielt die experimentelle Behandlung eine Genehmigung durch die Ethikkommission des Krankenhauses. Fundamental falsch lief hier also die lückenhafte Prüfung: Der finale Sicherheitsbericht der Primatenstudie – mit deutlichem Beleg für die toxische Wirkung bei Affen – lag der Ethikkommission zum Zeitpunkt der Genehmigung gar nicht vor.
Auch die Nachbearbeitung des Falls wirft Fragen auf. Heilbronn ist hier sehr deutlich: „Es wurde eigentlich gar nichts dazu publiziert. Was ist denn da gelaufen in der Klinik? Was wurde denn untersucht und was wurde nicht untersucht?“ Laut der Virologin fehlen nicht nur die medizinische Geschichte des Kindes, sondern auch eine klärende Autopsie.
Dabei scheint die Vertuschung sogar einen Schritt weiterzugehen – mit Blick auf das für die Behandlung federführende Forschungsteam des Naturwissenschaftlers Zilong Qiu. So wurde laut Angaben von Science der Nature-Artikel, der die zugrunde liegenden Tierstudien zur Gentherapie der seltenen CHD3-Mutation beschreibt, bewusst von jeglichem Verweis auf die Familie, ihre finanzielle Beteiligung und den Todesfall bereinigt. Selbst ein Dankeswort an die Familie wurde in der überarbeiteten Fassung gestrichen. Auch die Primaten-Sicherheitsdaten zu Leber- und Nierenschäden sind nicht in der Publikation vermerkt.
Fakt ist: Die Anwendung von gentherapeutischen Verfahren als experimenteller Heilversuch sind immer eine Risiko-Nutzen Abwägung. Weil es sich in den meisten Fällen um schnell tödlich endende, schwere Erkrankungen handelt, lassen sich diese aufgrund des Zeitdrucks oft vom behandelnden Arzt rechtfertigen.
Andere berühmte Fälle wie beispielsweise der Fall Baby KJ zeigen klar, dass Gentherapie nicht nur funktionieren kann, sondern auch Leben rettet: Das am 1. August 2024 geborene Baby Kyle Muldoon Junior ist der erste Mensch weltweit, der erfolgreich mit einer maßgeschneiderten, personalisierten CRISPR-Geneditierung behandelt wurde. Die Behandlung in Philadelphia gilt als historischer Meilenstein der Medizin. Auch Grünewald berichtet: „Der Fall Baby KJ hat etwas losgetreten.“ So wird nun durch Förderung von NIH und FDA eine US-Regierungskampagne etabliert, die personalisierte Geneditierung für viele weitere seltene Erkrankungen nutzbar machen möchte (siehe hier und hier). Da seien auch bekannte Gen-Editoren, wie beispielsweise Kiran Musunuru beteiligt, so Grünewald. „Es geht, darum das Prinzip weiter aufzubauen und zu skalieren.“
Weiter aufbauen und skalieren, mehr Forschung betreiben – das ist der entscheidende Punkt. In Meis Fall wurden zwar Affen zur Sicherheit getestet, aber das fatale Outcome wurde ignoriert. Die Zuversicht des klinisch verantwortlichen Mediziners Yu und des federführenden Forschers Qiu in die Sicherheit der Behandlung erscheint rückblickend nicht nur grob fahrlässig, sondern auch von Selbstüberschätzung geprägt.
Die Konsequenzen sind ernüchternd: Die Gesundheitsbehörde verhängte gegen das Krankenhaus lediglich eine geringe Geldstrafe von rund 3.600 US-Dollar, der verantwortliche Arzt erhielt nur eine verbale Ermahnung. Zilong Qiu, federführend für die Forschung hinter der Behandlung, wurde von seiner Universität nicht sanktioniert. Die zugehörige Publikation zur CHD3-Geneditierung in Mäusen wurde trotz Forderungen der Eltern bislang nicht zurückgezogen. Der Familie wurde zudem keine Entschädigung angeboten, obwohl laut Science für die Studie eine Versicherung bestanden hatte.
Eine vollständige Aufarbeitung des Falls bleibt jedoch schwierig. Was genau schiefgelaufen ist, lässt sich im Nachhinein nicht abschließend rechtlich beurteilen: Es fehlen weiterhin eine transparente Darstellung von Meis medizinischer Vorgeschichte, die vollständigen Autopsie Ergebnisse und eine umfassende Enthüllung der Entscheidungsprozesse rund um die Behandlung.
Meis Fall ist Sinnbild für die schwierige Gratwanderung der modernen Gentherapie: Gentherapie ist risikoreich. Gleichzeitig zeigen Fälle wie Baby KJ, dass solche Therapieverfahren neue Chancen für Menschen mit bislang unheilbaren Erkrankungen eröffnen. Entscheidend wird sein, dass der medizinische Fortschritt mit transparenter Forschung, sorgfältiger Risikoabwägung und verlässlicher Kontrolle einhergeht.
Bildquelle: Hiroshi Tsubono, Unsplash